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Kraftwerk-Retrospektive Tränen hinter der 3D-Brille

 ·  Gluckern und tuckern: Deutschlands einflussreichste Popband Kraftwerk führt in Düsseldorf alle ihre Alben in einer atemberaubenden Retrospektive noch einmal live auf.

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© Thomas Brill Vergrößern Gentleman-Gangster im Taucheranzug: Kraftwerk bei ihrer Retroshow in der Düsseldorfer Kunstsammlung

Die drei Kraftwerk-Binsen vorab, damit man sie aus den Beinen hat. Erstens: Kraftwerk, Deutschlands einflussreichste Popband, hat alle elektronischen Musikgenres im Alleingang erfunden. Zweitens: Spätestens seit ihrem epochalen Album „Autobahn“ von 1974 verbinden die Düsseldorfer wie keine zweite Band Musik und Audiovisuelles. Drittens: Ihre Musik klingt auch im Jahr 2013 immer noch unglaublich modern. Letzteres liegt freilich auch daran, dass die heutige Popmusik über weite Teile so irritierend alt klingt. Alle genannten Kraftwerk-Klischees lassen sich beim Auftritt der Band der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW mühelos bestätigen. Und noch einen Eindruck nimmt man mit nach Hause: Ralf Hütter, 66, Kopf der Gruppe und letztes verbliebenes Originalmitglied, sieht in seiner Bühnenklamotte aus wie eine Mischung aus einem Gentleman-Gangster im Taucheranzug und dem Kapitän einer exzentrischen Weltraumflotte.

Damen und Herren im Roboterlook

Es ist eine Art Nachhausekommen, was derzeit in Düsseldorf zu bewundern ist: Nachdem Kraftwerk im vergangenen April bereits im New Yorker Museum of Modern Art ihr Werk aufgeführt haben, spielen sie nun auch in Düsseldorf an acht Abenden ihre zentralen Alben in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung. An diesem Abend ist „Die Mensch-Maschine“ an der Reihe. Dies ist gleich in mehrfacher Hinsicht besonders reizvoll: Zum einen zeigt die 1978 veröffentlichte Platte die Erneuerer auf ihrem kommerziellen Höhepunkt, zum anderen gibt die Aufführung des Werks etlichen Damen und Herren an diesem Abend die Gelegenheit, als Lookalikes der Musiker im auf dem Albumcover zu bestaunenden Roboterlook zu erscheinen. Aber an diesen Abenden sehen hier ohnehin alle großartig aus – die älteren Schnurrbartherren ebenso wie die hibbeligen Hipster –, denn alle im weißen hohen Saal tragen 3D-Brillen. Schließlich, siehe Binse Nummer zwei, sind Kraftwerk ja auch eine visuelle Band.


Pünktlich um 20Uhr eröffnen Hütter und seine Kollegen den Abend mit dem Titelstück des Albums, und mancher hat in diesen ersten Minuten Tränen der Rührung in den Augen. Bloß: Was passiert, wenn man hinter einer 3D-Brille Tränen vergießt? Ist das schon erforscht? Die Begeisterung hält auch bei den folgenden Stücke an. Während die vier Männer hinter den Pulten es gluckern, schmatzen, tuckern und robotern lassen und Hütter mit dieser einmaligen, gleichzeitig unterkühlten und wehmütigen Stimme von Fluch und Segen des technischen Fortschritts singt, sind auf der Leinwand bald Neonreklamen, bald abstrahierte Betonwüsten zu sehen. Alle üblichen Kollateraleffekte eines Konzerts fehlen: Es wird auf der Bühne zwischen den Stücken nicht getrunken, es gibt keine Ansagen, niemand schwitzt, und keiner der Musiker bedeutet unentwegt dem Toningenieur, seinen Monitorsound doch bitte anders einzustellen. Warum auch: Der Klang im Museum ist grandios. Und es wäre auch letztlich ein Witz, wenn Hütter und die anderen Männer in den engen Anzügen technische Probleme hätten.


Auf die Stücke des „Mensch-MaschineAlbums“ folgt Klassiker auf Klassiker: „Neonlicht“, „Radioaktivität“, „Tour de France“, selbstredend „Autobahn“. Trotz des Jubels im Publikum: Natürlich ist das alles hier sehr museal; natürlich gleicht man es im Kopf ab mit Vorstellungen der wilden Siebziger, als parallel zu Kraftwerk Beuys, Polke und Immendorf an der Kunstakademie den Avantgarde-Clown im Achteck tanzen ließen. Und dennoch bleibt diese Musik meistenteils atemberaubend. Kraftwerk sind eine altmodische moderne Band: Selten wirkte Retrofuturismus so zeitlos wie bei Hütter und seinen Mitstreitern.

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