17.01.2005 · Nötigung durch Großzügigkeit: Der reichste Mann Dänemarks hat eine Insel gekauft und Kopenhagen eine Oper geschenkt. Wie ein Sonnenkönig bestimmte er dabei alles selbst - bis zu den Bezügen der Kantinenstühle.
Von Heinrich Wefing, KopenhagenAm Ende landen sie alle bei der Kunst, die großen, reichen Familien, ganz gleich, ob sie Getty heißen, Flick, Schönborn oder Rockefeller. Erst werden die Vermögen aufgehäuft, dann werden deren Früchte genossen, die schnellen Autos, die Pferde, Yachten, Villen, all die Insignien des weltlichen Wohllebens. Schließlich aber, wenn sich deren Reize erschöpft haben, wenn das Ende näherrückt, sich mehr Gedanken auf das Bleibende richten, dann darf es ein bißchen Kultur sein.
Oder, falls das Budget das hergibt, auch ein bißchen mehr: Bilder sammeln; eine Bibliothek stiften; eine Universität gründen, etwas in der Art. Mærsk Mc-Kinney Møller, der reichste Mann Dänemarks, hätte vermutlich auch eine Pyramide in Auftrag gegeben, wären die nicht derzeit ein wenig aus der Mode gekommen. Also spendierte der auf siebzehn Milliarden Euro Privatvermögen geschätzte Reeder seiner Heimatstadt Kopenhagen eine Oper. Wobei „spendieren“ vielleicht ein allzu schwärmerischer Begriff ist.
Er kaufte eine Insel
Herr Møller kaufte ohne viel Aufhebens die Insel Dokó, ein aufgelassenes ehemaliges Militärgelände, das wie zufällig genau gegenüber dem filigranen Königsschloß Amalienborg und in Sichtweite seiner Konzernzentrale liegt; der rüstige alte Herr beauftragte unter Umgehung der lästigen Wettbewerbsvorschriften den renommierten dänischen Architekten Henning Larsen mit dem Entwurf und präsentierte das fix und fertige Projekt im Frühjahr 2000 der verblüfften Öffentlichkeit mit dem Kommentar, diese, genau diese, 335 Millionen Euro teure Oper wolle er Dänemark schenken, wenn der Staat den Betrieb garantiere. Änderungen, selbst im Detail, ausgeschlossen, Debatten zwecklos.
Er werde zahlen, er werde entscheiden, sogar über die Bezüge der Stühle in der Opernkantine. Und auf den schüchternen Einwand, seine Vorgehensweise entspreche nicht ganz den Idealen demokratischer Planungsprozesse, ließ Møller über einen Pressesprecher kundtun, seine gute Gabe sei als Geschenk zu verstehen, nicht als Geschenkgutschein. Es gibt eine Form von Freigebigkeit, die sich von Nötigung kaum unterscheiden läßt.
Der Architekt distanziert sich
Der Plan des Reeders ist, wenn man so will, aufgegangen. Die Medien tobten zwar, die Verantwortlichen schluckten zweimal, auch angesichts der erklecklichen Betriebskosten, die da auf sie zukommen, stimmten dann aber doch zu - welcher Bürgermeister, welcher Kulturpolitiker mag schon ein 335-Millionen-Präsent ausschlagen, zumal wenn es vom größten Steuerzahler im Lande kommt? Und Møller mischte sich, wie versprochen, derart tatendurstig in die Planungen seiner Oper ein, daß Henning Larsen, der Architekt, sich jetzt, pünktlich zur Einweihung des Neubaus, in teils deutlichen Worten von dem Projekt distanziert hat.
Das erlesene Publikum freilich, das am Samstag abend zur Eröffnungsgala mit Barkassen aus der Altstadt zum neuen Opernhaus übergesetzt wurde, störte das Gegrummel kaum mehr. Den Kutter, den ein paar unentwegte Protestierer gemietet hatten, um gegen das schwer verdauliche Geschenk zu agitieren, verschluckte gnädig ein kalter Nebel, der sich am Nachmittag zwischen die Stadt und die „Operaen“ geschoben hatte.
Und das musikalische Programm, gleichfalls von Herrn Møller höchstselbst angewiesen, war unter der musikalischen Leitung von Michael Schønwandt mit allerlei Aida-Arien, Triumphmärschen, Uraufführungsaperçus und Balletthäppchen so festlich, so heiter, so prinzessinnenkompatibel arrangiert, daß auch der letzte Nörgler verstummen durfte. Die Königin in schulterfreiem Grün jedenfalls amüsierte sich, ihrem Lächeln nach zu urteilen, prächtig, um nicht zu sagen: königlich. Und das, obwohl ihr der Reeder, nun wieder ganz Basisdemokrat, eine eigene Loge im Haus verweigert hatte.
Eine vertane Chance
Natürlich wäre das Anmaßende, das Selbstherrliche des greisen Patriarchen leichter zu ertragen, wenn auch die Architektur der Oper so grandios geraten wäre wie sein Auftreten. Das ist sie nicht. Die Chance, dank des schier unbegrenzten Budgets und der enormen planerischen Freiheit etwas Bedeutendes, Stimulierendes wie, sagen wir: die Oper in Sydney, zu schaffen, wurde vertan.
„Operaen“ ist im wesentlichen ein monumentaler Container mit einem weit auskragenden, offenkundig von Jean Nouvels Entwürfen für das Konzerthaus in Luzern inspirierten Vordach, unter dem zur Not halb Dänemark Platz fände. Ein musikalisch-industrieller Komplex, ein Opernkombinat mit dem größten Orchestergraben der Welt, mindestens tausend Nebenräumen, luxuriösen Probensälen, splendider Technik und ein paar Tonnen Blattgold an der Decke des Zuschauerraums. Die schiere Masse der Anlage reduziert Schloß Amalienborg vis-à-vis zu einem Wochenendhäuschen. Wer die Macht hat im Staate Dänemark, dürfte fortan außer Frage stehen.
Streit über die Hauptfassade
Mit seinem Architekten Larsen hat sich Møller im Streit um die Gestaltung der Hauptfassade entzweit. Larsen hatte unter das gewaltige Flugdach eine gewölbte Wand ganz aus Glas einspannen wollen, am Tage durchsichtig, des Nachts hinüberleuchtend in die Stadt, ein Signal der Offenheit, der Transparenz. Der Stifter aber setzte durch, daß vor der Glashaut Metallbänder wie Jalousien aufgespannt wurden. So läßt sich die schönste Schöpfung Larsens, die architektonische Promenade von der Anlegestelle der Wassertaxis über eine breite Freitreppe am Ufer durch das elegante Foyer hinein in den Zuschauerraum, so recht nur bei Nacht erfahren, wenn die Illuminationen die Barrikaden der Hauptfassade glücklich überspielen.
Das ist um so bedauerlicher, als es das Foyer ist, nicht der seltsam unbeseelte Aufführungsraum, der dem Architekten am glücklichsten gelungen ist. Hier wenigstens einmal stellen sich Heiterkeit und räumlicher Luxus ein. Vor der Rückwand des Konzertsaals, die mit Holzpaneelen in dem warmen Farbton alter Streichinstrumente verkleidet ist, schießen Balkone, Brücken, Umgänge und weitläufige Treppen durch den haushohen, überglasten Raum, in dem lustwandelnd sich das Publikum in den Pausen am Anblick seiner selbst oder am Ausblick auf Kopenhagen erfreut. Was den Reeder geritten haben mag, ausgerechnet hier Sichtblenden anzuordnen, wird sein Geheimnis bleiben.
Staatspolitische Fragen
Letztendlich aber ist Møllers privates Sonnenkönigtum kein architektonisches Problem. Der Kopenhagener Kasus wirft vielmehr kulturpolitische, wenn nicht gar staatspolitische Fragen auf. Eine davon lautet: Wieviel Dispens von den allgemeingültigen Spielregeln soll sich ein reicher Bürger mit seinem Geld erkaufen dürfen? Und die andere, dringlichere: Wie verändert sich der Staat selbst, wenn er die Fähigkeit verliert, bestimmte Angebote von Privatleuten abzulehnen oder sie wenigstens auf dem Verhandlungswege zu modifizieren?
Welche Kräfte sind es, die die Vertreter des Gemeinwesens so zahm, so zahnlos werden lassen, wenn Stifter mit Taschen voller Geld und sehr spezifischen Vorstellungen an sie herantreten: die Ebbe in den öffentlichen Kassen? Die Sorge, als Spielverderber dazustehen? Die Furcht, sich in den Medien vorhalten lassen zu müssen, eine Chance vertan zu haben? Es sind dies keine dänischen Fragen allein. In Berlin haben sie sich unlängst anläßlich der Flick Collection genauso gestellt.