22.01.2006 · Wer die Stars der Saison live erleben will, muß blechen: Preise von hundert Euro fürs Ticket sind fast normal. Im Kampf um Stars wie Robbie Williams zahlen Veranstalter gelegentlich auch überzogene Honorare.
Von Anna v. MünchhausenDer Achtzehnjährige nennt sich „Guitar Manu“, ist Mark-Knopfler-Fan und ziemlich verärgert: „Mich stört, daß die Preise für Konzertkarten jedes Jahr steigen. Wo soll das hinführen? Ich bin Schüler und habe kein Einkommen. Da sind 50 Euro gar nicht wenig . . .“
Bei Eric Clapton habe er gar 58 Euro hingeblättert, schreibt er in einem Internetforum, dafür allerdings auch direkt vor der Bühne dem Star quasi die Schweißperlen von der Stirn tupfen können. „Bei Marks Tour gibt es ja nur Sitzplätze, da muß man schon mehr ausgeben, um nach vorn zu kommen.“ Und was bleibe ihm anderes übrig als zu zahlen? Das Konzert sausen lassen - das komme wirklich nicht in Frage.
Knapp 200 Euro für briefmarkengroße Stars
Auch dem Rock-Fan Alex kommen fast die Tränen, wenn er seine Sammlung von Eintrittskarten genauer anschaut. Bryan Adams 1991: 38 Mark, heute 59 Euro. Rolling Stones 1990: 50 Mark, heute um die 120 Euro. Selbst die unvermeidliche Britney Spears ließ sich im vergangenen Jahr das Privileg ihrer leibhaftigen Gegenwart mit 80 Euro vergüten. „Da sind die 47,15 Euro von Herrn Knopfler sehr gut angelegt!“ stellt Alex fest.
Das findet auch Marek Lieberberg, Konzertveranstalter aus Frankfurt, der gerade die Karten für 15 Auftritte der Elektropop-Band Depeche Mode (plus sechs Open-air-Termine im Sommer) locker unters Volk gebracht hat, zu Preisen um die 47 Euro, was er - zu Recht - ein „moderates Preisgefüge“ nennt. Der teuerste Star in seinem Repertoire war bislang Madonna. Wer sie sehen wollte, mußte um die 100 Euro ausgeben.
Bei CTS Eventim, Deutschlands größtem Ticketvertreiber, sind solche Preise normal. Wer im Sommer eines der sieben RollingStones-Konzerte erleben will, hat noch die Wahl. Das günstigste Ticket kostet 84,50, das teuerste 188 Euro (plus Vorverkaufsgebühr, die nach Spielort unterschiedlich ausfällt). Also 84 Euro dafür, sich weit hinten auf der Kölner Jahnwiese mit Hunderten auf gleicher Höhe zu drängen, die Stars auf der Bühne gerade noch briefmarkengroß zu erkennen - lohnt sich das?
Eskalierende Personalkosten
Offenbar. Die Zugkraft der Heroen des Rock reicht allemal, um dieses Preisniveau durchzusetzen. Ablesen läßt sich ein Legendenwert auch an den teils horrenden Geboten, die bei Ebay für Tickets von bereits ausverkauften Konzerten abgegeben werden: Ein Sitzplatz beim Robbie- Williams-Konzert in München wird gerade für 127 Euro gehandelt, „100 Prozent seriös“. Gut zu wissen. Im Dezember ließ die Berliner Staatsanwaltschaft einen 29 Jahre alten Mann festnehmen, der 2000 gefälschte Tickets für die Depeche- Mode-Tournee über Ebay vertrieben hatte. Der Schaden wird auf 160.000 Euro beziffert.
Was sind die Gründe für den wahnwitzigen Preisanstieg? Zum einen wird die Binsenwahrheit genannt, daß mit Einführung des Euro das Preisgefüge insgesamt angehoben wurde. Den Konzertbetrieb trifft das insofern, als er mit hohem Personalbedarf operiert: Aufbau der Bühne, Einlaß, Sicherheit, Betreuung der Künstler - „da kann man keine Maschinen hinstellen, das sind Personalkosten, und diese Kosten eskalieren“, erläutert Branchengröße Lieberberg.
Dreiste Forderungen erhöhen die Preise
Zum anderen aber orientieren sich die überwiegend aus Großbritannien und Amerika anreisenden Pop-Größen am international üblichen Standard. Die Veranstalter kalkulieren grob ausgedrückt so: Von den Einnahmen durch Ticketverkäufe werden die Sachkosten einer Tour wie Hallenmiete, Werbung, Marketing und Personal abgezogen - übrig bleibt eine Summe X.
Die Künstler erhalten zwischen 85 und 90 Prozent dieses Netto-Erlöses als Garantie-Honorar. Agenten ausländischer Künstler versuchen immer wieder, mit dreisten Forderungen den Stellenwert ihrer Stars in die Höhe zu treiben - und heizen damit auch die Preise an. Denn im Kampf um die attraktivsten Acts findet sich immer irgendein risikofreudiger Veranstalter, der auch überzogenen Vorstellungen nachkommt.
Längst nämlich können es sich Veranstalter nicht mehr wie zu Zeiten des legendären Fritz Rau leisten, darauf zu warten, daß No-name-Musiker darum betteln, ihnen ein paar Auftritte zu organisieren. Die Konkurrenz ist schärfer geworden - nicht zuletzt, weil viele aus dem krisengeschüttelten Geschäft mit der Musikproduktion aus- und ins boomende Live-Geschäft eingestiegen sind.
Protest durch Boykott
Offenbar hat das Erlebnis Live-Musik einen Stellenwert, der alle Bedenken hinsichtlich der Kosten hinfällig werden läßt. Gerade weil Musik heute konserviert, digitalisiert und virtuell beliebig verfügbar wird, bekommt der Konzertauftritt die Note „einzigartig“. Unter Pop- und Rock-Fans herrsche nach Konzerten eine überdurchschnittliche Zufriedenheit, behauptet Lieberberg. „Gibt es Probleme, bekommen Sie das heute sofort per E-Mail auf den Tisch“, sagt er. Das aber passiere selten.
Daß die Preise anziehen, bedeutet für die Veranstalter nicht unbedingt höhere Einnahmen, sondern auch das höhere Risiko einer Fehlkalkulation, womöglich einer Pleite. Von Boykott ist zwar selten die Rede, doch hinter vorgehaltener Hand werden Beispiele genannt.
Etwa die Tour 2005 von Marius Müller-Westernhagen: Die Karten kosteten um die 80 Euro, die Auftritte wurden von „Bild“ promotet, doch die Nachfrage hinkte den Erwartungen hinterher. Branchenkenner erinnern sich auch, daß die „Magic Night of Rock“ mit Oldie-Top-Acts wie Deep Purple und Status Quo 2004 von drei Auftritten auf einen verkleinert wurde - der Kartenverkauf verlief schleppend.
Für Nostalgie und Einmaligkeit wird viel gezahlt
„Man geht heute leichtfertiger mit den Preisen um“, gesteht Hermjo Klein von ACE Arena Concert & Event, der unter anderen Udo Lindenberg und Harry Belafonte durchs Land schickt. „Früher haben wir lange mit den Künstlern diskutiert, ob wir noch 50 Pfennig oder eine Mark teurer werden dürfen. Als ich die Rolling Stones Anfang der neunziger Jahre in Deutschland hatte, kosteten die Karten 65 Mark plus Vorverkaufsgebühr.“
Daß man dafür heute nicht einmal ein offizielles Tour-T-Shirt ergattert, hat Klein zufolge Konsequenzen für kleinere Bands und Newcomer - die Tickets für die Stones oder Robbie Williams leiste man sich noch eben; weitere Konzertbesuche würden gestrichen.
Auch 2006 können sich Veranstalter nicht nur auf die unermüdlichen Stones, sondern auch auf andere - laut Selbstdiagnose taufrische - Rock-Senioren verlassen. Ihr Publikum, das mit ihnen in die Jahre gekommen ist, legt aus reiner Nostalgie gern etwas mehr dafür an, einen Abend lang in die eigene Vergangenheit abzutauchen. Aktuell belegen das Santana (44,65 bis 65,65 Euro) und Eric Clapton (58,50 bis 74,50 Euro). Das Schönste aber am Live-Konzert ist etwas, das Musikproduzenten den Veranstaltern glühend neiden: „Ein Konzert ist einmalig“, sagt Hermjo Klein. „Man kann's nicht schwarz brennen.“
Preistreiberei vom Feinsten
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
- 23.01.2006, 11:52 Uhr