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Konzert zum Jahresende : Nur das Beste

Manchmal steht er einfach nur da, hört zu – und genießt. Schon bald aber wird sich Sir Simon Rattle wieder in Celli und Bratschen hinein lehnen Bild: Stefan Rabold

Das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle und Cecilia Bartoli ist ein buntes Häppchenprogramm - süffig, farbenfroh und ein absoluter Hochgenuss.

          Wie schön, dass Musik jederzeit wiederholbar ist! Ein Jahresende lässt sich nämlich sehr gut kumulativ in Etappen absolvieren. Nur so konnte das dumme Medien-Duell zwischen den Berliner Philharmonikern und der Dresdner Staatskapelle am Ende beigelegt werden.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Im vergangenen Jahr hatten sie einander noch Konkurrenz gemacht, da übertrugen ZDF und Erstes fast zeitgleich am Silvesterabend aus Semperoper und Berliner Philharmonie. Weil mit der Bereitschaft zum Nachdenken wundersamerweise auch das Verlangen nach Bach-Vater und Strauß-Sohn, nach den Wiener Walzern und den Perlen der Barockmusik wächst, deshalb überträgt das Öffentlich-Rechtliche zu Silvester gerne live und zur besten Sendezeit aus klassischen Konzertsälen.

          Ab sofort ist der Jahresendfernsehkuchen wieder gerecht aufgeteilt. Am Sonntag, am vorletzten Tag des Jahres, zeigte das ZDF aus der Semperoper das um einen Tag vorgezogene Silvesterkonzert mit Christian Thielemann und den Solisten Diana Damrau und Piotr Becala, Motto: „Prosit Kálman“. Heute, am letzten Tag des Jahres, wird im Ersten aus der Berliner Philharmonie das Silvesterkonzert mit Sir Simon Rattle und Cecilia Bartoli übertragen. Ende 2013 tauschen die beiden Orchester die Tage einfach aus. Der Neujahrsmorgen gehört dann traditionellerweise sowieso den Wiener Philharmonikern.

          Mit legendärer philharmonischer Selbstbegeisterung

          Da aber alle Orchester ihre Silvesterkonzerte mehrfach spielen und auch die Berliner Philharmoniker das Ihrige schon am Samstag darboten, können Sie, geschätzte Zeitungsleser, heute früh eine Rezension darüber lesen, was Sie heute Abend hören können. Nur, wie aktuell geschwenkt und gezoomt wird, das wissen wir natürlich jetzt noch nicht. Auch nicht, ob nicht eventuell die Zugabe weggeschnitten wird. Das wäre mehr als schade. Es handelt sich nämlich um „Eljen a Magyar“ op. 332 von Johann Strauß jr.

          Eine Pracht ist es, zu erleben, wie dieses großartige Orchester voll junger Spitzenkräfte und alter Hasen in seiner legendären philharmonischen Selbstbegeisterung tief in die eigne Westentasche hineingreift und das Innerste nach außen kehrt. „Eljen a Magyar“ ist eine Feuerwerkstanzmusik, eine Polka mit immer neu aufgipfelnden Accellerandi. Das gesamte Orchester, Streicher, Holz und Blech, muss schmachten, schmettern, schmalzen - leicht und wuchtig zugleich galoppiert es, gehetzt von Schlagzeugbesen und Piccoloflötengebell, am Ende in die Zielgerade ein.

          Zuvor schwenkten sich die Philharmoniker mit raffiniert dosierter Agogik, aber auch garniert mit etlichen Manierismen durch den ersten Ungarischen Tanz g-moll von Johannes Brahms sowie drei Slawische Tänze von Antonín Dvořák. Jede Instrumentengruppe hat ihren Auftritt. Manchmal steht Simon Rattle einfach nur so herum und lässt sie machen. Einmal, im As-Dur-Tanz op.46,3 von Dřorák, lehnt er sich tief in die Bratschen und Celli hinein, lehnt sich quasi an den Grundrhythmus der Begleitstimmen an, so, dass man tatsächlich den hölzernen Tanzboden hinter dem kultivierten Symponiegebrause durchhört, wie er knirscht und knackt.

          Und es regnet Blumen und Küsse

          So weit der k.u.k.-Teil dieses bunten Häppchenprogramms. Außerdem gab es im zweiten Teil noch drei Sätze aus der Ballettsuite zu „Daphnis et Chloé“ von Maurice Ravel. Wiederum glänzt jede Instrumentengruppe für sich, süffig und farbenfroh. Im ersten Teil aber, da regiert Queen Cecilia Bartoli. Schlägt mit ihrer kleinen, aber muskulösen Stimme die heftigsten Pirouetten und Kapriolen. Tanzt vokale Seiltänze auf einem feinen Seidenfaden, der niemals reißt. Sie singt Arien von Händel, die Philharmoniker begleiten sie perfekt in Kleinstbesetzung, mit einer barock inspirierten Continuogruppe.

          Immer, wenn die Bartoli wieder so eine maschinenpräzise gegluckste, teuflische Koloraturenpassage absolviert hat und mit Nachdruck, gurrend, im tiefen Register, auf einem Finalton landet, „sa da grande trionfar!“, dann grinst sie spitzbübisch, stolz wie Lumpi. Sie weiß: Das macht ihr so leicht niemand nach! Dann schmettert sie, gemeinsam mit dem Philharmoniker Oboisten Jonathan Kelly, im Echo-Duett die Arie der Agilea aus Händels Oper „Teseo“: ein Hochgenuss. Sie singt, unendlich verlangsamend, in einem Pianissimo verlöschend, dass man gewiss nicht in jedem Winkel der Philharmonie hören, aber doch umso schöner ahnen darf, die Lieblingskastratenarie „Lascia la spina“. Und es regnet Blumen und Küsse, und das Neue darf kommen.

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