10.05.2005 · Spielen die Wiener nun besser als die Berliner Philharmoniker? Oder umgekehrt? In Wien kommt es zum Gipfeltreffen der beiden Orchester: Viel Spaß beim philharmonischen Super-Event!
Von Eleonore Büning, WienNiemand kann recht glücklich sein, hat er nicht auch Gold daneben. „Gold bleibt Gold“, raunen zuversichtlich die Plakate, die überall in Wien für die Sondermünzenprägung „Wiener Philharmoniker“ werben.
Doch in den auch in Österreich auf Sonderbriefmarkenformat kleingeschrumpften Musikfeuilletons hat der Ausverkauf des kulturellen Tafelsilbers längst begonnen. Selbst die alte, heilige Philharmoniker-Kuh scheint nicht mehr rundum sakrosankt - wie sollte sie, da sie nun selbst aufs Happening-Eis hinaus zum Tanzen geht wie alle anderen Esel auch?
Mehr Frauen
Und spielen die Wiener nun „wirklich besser“ als die Berliner Philharmoniker? Oder umgekehrt? Das fragt man sich von „Kurier“ bis „Standard“ schon seit Karajans Zeiten, der beide Orchester liebte und dirigierte, ganz wie es auch Abbado und Rattle hielten - die „Presse“ aber redet sich nunmehr aktuell aus muttertagspolitischen Gründen darauf hinaus, daß „das feinere Orchester“ jedenfalls jenes sei, in dem „mehr Frauen“ spielen.
Hier wie dort trifft man noch immer kein weibliches Wesen in führender Solisten- oder Konzertmeisterposition. Doch ist die Quote selbst in beiden Traditionsklangkörpern seit langem kein Thema mehr, was sich ausgezeichnet beobachten ließ bei der Sonntagsmatinee des Eröffnungswochenendes des 32. Internationalen Musikfestes im Rahmen der Wiener Festwochen, deren diesjähriges Festival-Motto, gleich zu Beginn ein für allemal eingelöst, lautet: „Wien-Berlin“.
Ein Wiener, ein Berliner
Auf das Podium des Wiener Konzerthauses hält also Einzug ein in zwiefacher Hinsicht gemischtes Doppel: Frauen und Männer im Verhältnis 1:2 - Wiener und Berliner im Verhältnis 1:1. Die Musiker teilen sich - je ein Wiener, je ein Berliner - heiter-freundschaftlich die Pulte. Die ersten und zweiten Geigen des Riesendoppelorchesters werden angeführt von zwei Philharmonikern aus Berlin, Bratschen und Celli von zweien aus Wien. Insgesamt machen sich 86 Streicher und 42 Bläser dergestalt bereit, um Gustav Mahlers romanhaft ausufernde, quaderweise Form-Block auf -Block türmende, dabei fieberhaft marschdurchglühte und zitatenweise choralversenkte Sechste zu Gehör zu bringen.
Knapp hundertvierzig Musiker mögen es sein, rechnet man hinzu auch noch die idyllenbauenden Harfenisten, die schicksals- und hoffnungszertrümmernden Schlagwerker: die Militärtrommler, Paukendonnerer, Herdenglockenbimmler und zum Finale dreifach ausholenden Hammerschwinger. Ja, gewaltig prächtig ist dies symphonische Geschoß ganz gewiß - ein Werk, welches dem Komponisten noch am ehesten den Vorwurf der „Kapellmeistermusik“ eingetragen hatte als eine „Krupp-Symphonie“, die einst selbst Richard Strauss „überinstrumentiert“ fand. Und verführerisch verrückt erscheint die Schnapsidee, ausgerechnet dies Stück sei nun das Goldrichtige für eine zünftig-kultige Philharmoniker-Materialschlacht.
Es ging um Spaß
Eigentlich hätte, ginge es „nur“ um Mahlers Sechste, eines der beiden Orchester genügt. Aber es ging um weit mehr, es ging um Spaß. Schließlich: Wer soll das bezahlen, wer kann sich zwei Orchester dieser Klasse auf einmal leisten? Spaß hatte erstens Sir Simon Rattle, der sich diesen kleinen Luxus zum Geburtstag gewünscht hatte. Leisten kann sich das, zweitens, der Hauptsponsor der Berliner Philharmoniker: die Deutsche Bank, die dieses einmalig-zweimalige philharmonische Gipfeltreffen zu einem Betriebsausflug nützte, Brunch inklusive.
Bereits in Berlin hatte es vor drei Wochen eine erste öffentliche Probe dazu gegeben. Das Publikum war hellauf begeistert, die Kritiken waren verheerend. Seither haben offenbar noch ein paar Proben zusätzlich stattgefunden, und zumindest die der Koordinationsnot der schieren Masse geschuldeten Wackler im letzten Satz wurden entschieden auf ein Minimum reduziert.
Fulminante Spiellaune
Betörend tönte die lichtdurchflutete Transparenz, sämig-süße Fülle des Streicherklanges, der durchaus glücklich homogen erschien. Auch die Holz- und Blechbläser-Gruppen zeigten sich in fulminanter Spiellaune. Doch tadel- oder gar makellos gelang die Darbietung nicht. Die Klangbalance zwischen Streicher- und Bläserchören ließ sich offenbar nicht austarieren, alleweil neigten erstere dazu, letztere klangräumlich in den Hintergrund zu drängen.
Infolgedessen brachen die Spannungsspitzen, fiel die formale Konzeption bereits des streng durchstrukturierten ersten Satzes auseinander in nur schöne Stellen, nur mächtige Aufschwünge, nur plakatives Dur-Moll-Gedöns. Rattle dirigierte machtvoll, aber blockweise, Kapitel für Kapitel in Überakzentuierung der Mahlerschen Handlungsanweisungen: das „Nicht schleppen!“ bis zum Stillstand verzögernd, das „Schwungvoll“ bis ins Accelerando überstürzend, als gelte es, auf einer Riesenleinwand nur weithin sichtbar die groben Konturen sichtbar zu machen.
Alles ist fusionierbar
Es ist allerdings auch zu keinem Zeitpunkt versprochen worden, daß es im Falle dieses Konzertprojekts um eine bahnbrechende neue Lesart von Mahlers Sechster gehe. Oder überhaupt um sinnstiftenden Kunstgenuß, etwa den kontemplativen Mitvollzug eines Werkes oder seine ultimative Mitteilung. Nicht die Sechste Mahlers war das Ziel dieses Unternehmens, vielmehr das Happening: Viel Spaß beim philharmonischen Super-Event! Und einmal muß auch Schluß sein mit dem albernen Gerede von der Einmaligkeit eines Orchesterklangbilds: Alles ist im Prinzip fusionierbar - fragt sich nur, zu welchem Preis.
Zum Warmspielen bot man mit vereinigten Wien-Berliner Luxus-Streicher-Samtpatschen die edle, bleiche, mehrchörig angelegte „Fantasia über ein Thema von Thomas Tallis“ von Ralph Vaughn Williams dar. Das Publikum war bereits zu diesem Zeitpunkt vor Glück ganz aus dem Häuschen.
Eleonore Büning Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin
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