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Konzert Transzendentalpoesie: „Blumfeld“ in Frankfurt

17.02.2004 ·  Wenn Jochen Distelmeyer Worte über Worte macht, erhalten seine Begleiter den Pulsschlag am Leben. Widerstand ist zwecklos. Also wunderschön.

Von Patrick Bahners
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Daß die "Kritik der Urteilskraft" der Kunst und der Natur das Recht zugesteht, "aus großen Prinzipien zwecklos zu handeln", würdigt Goethe am 29. Januar 1830 in einem Brief an Zelter als "ein grenzenloses Verdienst unseres alten Kant um die Welt, und ich darf auch sagen um mich".

In "Sonntag", dem ersten Lied des jüngsten Albums "Jenseits von jedem", mit dem "Blumfeld" auch ihr Konzert im Frankfurter Mousonturm eröffnen, nimmt sich die gesamte vom Sänger in Augenschein genommene Natur die ihr von Kant vindizierte Freiheit, von aller Zweckverfolgung abzusehen: "Alles will blühen - ohne was davon zu haben."

Der Funke springt nicht über

Daß auch die Band - die Dreifaltigkeit von Jochen Distelmeyer, Michael Mühlhaus und Andre Rattay wird live durch einen Keyboarder und einen gelegentlich einspringenden Saxophonisten ergänzt - nichts haben will von den Blumen, die sie auf ihrem Feld blühen läßt, darf man aus dem Begriff der "Schöpfung" schließen, der in "Sonntag" die Brücke von der Natur zur Kunst schlägt. Das Lied vom Tag des Herrn ist ein Stück der Naturtheologie, aus der man im klassischen Zeitalter der deutschen Literatur Kunstphilosophie gemacht hat. Der Dichter ist es, der es regnen läßt, so daß Regenbögen leuchten. Vor ihm die Sintflut.

Dieser Sonnengesang ist gewiß eines der heitersten Stücke des Bandrepertoires. Der Melodiebogen tut es dem Regenbogen nach und spannt sich weiter, als es die Akkordarbeit von "Blumfeld" gemeinhin zuläßt, ohne daß der charakteristische energische Rhythmus unterginge. Doch am siebten Tag sollst du ruh'n? Das muß ein anderer, unpoetischer Gott befohlen haben.

Daß der Funke bei diesem sommerfrischen Eröffnungsstück nicht so recht überspringen will, wird man nicht mit der Jahreszeit erklären können - ebensowenig freilich mit den philosophischen Vorbehalten, die der Text zur Geltung bringt gegen das überschäumende Glücksgefühl, das aus den Tönen zu fließen scheint. Näher besehen, handelt es sich bei all den Momenten der Herrlichkeit um Zustände des Bewußtseins, haben die Augenweiden ihren Ort hinter den Augenhöhlen, im Kopf. "Das Leben sieht bunt aus" - und ist vielleicht doch schwarz-weiß. "Ich fühle mich frei" - und bin es deshalb noch lange nicht.

Gedrosselte Euphorie

Das nähere Besehen, das dieses Gefangenendilemma als Problem erkennbar werden läßt, ist freilich Lektüre. Wer hört denn die transzendentalen Klammern mit, wenn der Dichter nicht spricht, sondern singt? Da mag die Mitteilung ruhig geradezu aufdringlich explizit formuliert sein, daß jede Artikulation der Gedanke begleitet, es handele sich nur um die Äußerung eines Subjekts; es hat ja doch keinen Zweck.

Oder fährt einem bei "Blumfeld" die Erwägung in die Glieder, daß alle Euphorie gedrosselt ist durch eine Philosophie nicht so sehr des Als-ob als des Als-ob-nicht? Sagt der Vortrag, daß er eine Welt besingt, die man sich vorstellen soll, als ob nicht alles einen Zweck hätte, die Blüten den der Fortpflanzung und die Musik den des Geldmachens?

Ohne Anfang und Ende

Es sind die stoisch wiederholten Begleitfiguren, wie sie auch die vermeintlich gefälligeren neueren Songs prägen, die dem Bewußtsein ein unbegriffliches Wissen seiner melancholischen Lage einhämmern. Die Einheit des Bandlebenswerks wird im Konzert schlagartig greifbar. Der Funke kann gar nicht überspringen, denn die Zuhörer lassen sich in einen Rhythmus versetzen, in dem sie immer schon sind. Keine ungeahnte Kraft schießt ihnen in Arme und Beine. Das Gliederzucken lehrt sie: Sie sind gefesselt.

"Ich denke zurück, als für mich alles neu war": Der Spaziergang durch die wiedergeborene Schöpfung ist ein Akt der Erinnerung. Das Pendant zum Hymnus auf den ersten Wochentag, der Titelsong von "Jenseits von jedem", wird in Frankfurt zum umjubelten Schluß gegeben, was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, denn wunderbar endlos ist dieses Lied. Es reproduziert die Blumenbilderkette: "Alles, was lebt, ist in Bewegung. / Alles blüht und atmet auf." Und wieder aus. Im Kreis hat die Bewegung ihr Leben. Sie ist ohne Anfang und Ende, ohne Ursache und Sinn.

Widerstand ist zwecklos

Im Brief an Zelter offenbart Goethe, daß ihm die verdienstvolle Einsicht des alten Kant vorher schon bei Spinoza begegnet war, von dem er nach dem Zeugnis von "Dichtung und Wahrheit" gelernt hat, wie man, "um allen partiellen Resignationen auszuweichen, ein für allemal im Ganzen resignieren" kann. Ewige Dynamik und nimmermüder Stillstand, Fatalismus und Protest, Individualität und System - ein Name für den Zusammenfall dieser Gegensätze ist Spinoza, in dessen Schriften Novalis das Klopfen eines "geheimnisvollen Pulsschlags" vernahm, der "die Berührungsstelle mit der unsichtbaren Welt" bezeichne.

Der "Liturg dieser Physik" sollte für Novalis Goethe sein, "er versteht vollkommen den Dienst im Tempel". In diesem Tempel verrichten "Blumfeld" ihren Dienst, wenn Distelmeyer Worte über Worte macht und seine Begleiter den Pulsschlag am Leben erhalten. Widerstand ist zwecklos. Also wunderschön.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2004, Nr. 41 / Seite 33
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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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