26.10.2004 · Nach einhundertvierundzwanzig Jahren leitet erstmals ein in Amerika geborener Dirigent das Boston Symphony Orchestra. Mit Mahlers Achter hat James Levine schon einmal das Feuer der Leidenschaft entfacht.
Von Jordan Mejias, BostonTradition, die nicht zuletzt auf der patriotischen Inbrunst der Amerikanischen Revolution beruht, ist für Boston zweite Natur. Deshalb sind die jüngsten Vorkommnisse so verständlich wie verwunderlich. Einhundertvierundzwanzig Jahre und dreizehn Amtsvorgänger waren nötig, bis erstmals in der Geschichte des Boston Symphony Orchestra ein in Amerika geborener Dirigent die Leitung dieser hochkulturellen Großmacht übernehmen durfte. Daß der auserkorene Maestro James Levine heißt, hätte fast genügt, um ihn in Konkurrenz treten zu lassen zu einem ungeplanten Ereignis der vergangenen Woche: dem Ende der seit mehr als einem halben Jahrhundert währenden, also angemessen traditionsreichen Pechsträhne der Boston Red Sox.
So verbanden sich Baseball und Symphonik zum Wohle eines neuerlich selbstbewußten Gemeinwesens. Zumindest in musikalischer Hinsicht kann es auf fortgesetzte Siege setzen. Das hat auch finanzielle Gründe. Ganz im Gegensatz zu allen führenden Symphonieorchestern Amerikas kennt das Bostoner kein Defizit. Mit zweihundertachtzig Millionen Dollar hat es das bei weitem größte Stiftungsvermögen, mit siebzig Millionen das deutlich größte Budget. Der letzte Streik der Orchestermusiker, die besser bezahlt werden als alle Kollegen auf dem amerikanischen Kontinent, liegt neun Jahrzehnte zurück. Während vier der Big Five, nämlich die Orchester von Chicago, New York, Cleveland und Philadelphia, in vertrackten Gehaltsverhandlungen stecken, herrscht in Boston tiefster Arbeitsfrieden. Beneidenswert die Stadt, in der das Orchester noch unentbehrlich ist, ja, die Kulturhitliste anführt.
Paradies mit Schönheitsfehlern
Dennoch hat das neuenglische Musikparadies seine Schönheitsfehler. In den letzten Jahre spielte das Boston Symphony Orchestra nicht beständig auf Niveau. Allzu hörbar war die Ehe mit Seiji Ozawa, die fast drei Jahrzehnte währte, in einer wenig lustvollen Routine erstarrt. Levine - auch er kulturorganisatorisch monogam, aber nach rekordverdächtigen dreiunddreißig Jahren an der New Yorker Metropolitan Opera als Liebhaber am Pult viel begehrt - soll nun auf dem Podium und im Saal das Feuer der Leidenschaft neu entfachen.
Wie sehr ihn das Bostoner Publikum herbeisehnte, führte es bei seinem Gala-Einstand vor, als man, noch ehe Levine den Taktstock erhoben hatte, aufsprang zur Ovation im Stehen. Es war, als wollte der wie elektrisierte Saal ihm ein "Veni, creator spiritus!" zurufen, bevor er den Hymnus, mit dem sich Gustav Mahler selbst in seiner Symphony Nr. 8 Es-Dur für die Vertonung der Schlußszene des "Faust" Mut ankomponiert hatte, in partiturgemäß impetuoser Turbulenz losbrechen ließ.
Ischias und ein Tremor
Daß Levine dabei auf einer Art antikem Barstuhl saß, gab allenfalls jenen zu denken, die sich an einige bemerkenswert offene Presseberichte des Frühjahrs erinnern. Da hatten Musiker des Met-Orchesters anonym die Nachricht verbreitet, dem Dirigat ihres Chefs sei krankheitsbedingt oft kaum mehr zu folgen. Ischias und ein Tremor in den linken Gliedmaßen, Konzentrationsmängel und eine vor allem in langen Werken nachlassende Energie hätten zur Folge, daß bisweilen der dirigentische Impuls ausbleibe.
Aus Boston läßt sich das nicht bestätigen. Levine genehmigte sich zwischen den beiden Symphonie-Teilen zwar eine Pause, konnte sich dabei aber auf die Aufführungspraxis des Komponisten selbst berufen, der dem Orchester und dem Publikum wohl eine Chance zum kollektiven Atemholen habe geben wollen. Auch wenn Levine die derart autorisierte Unterbrechung nicht ungelegen kam, so fehlte es doch bis zum mystischen Schlußchor weder an innerer Spannung noch an äußerer Brillanz und Strahlkraft.
Präzise und mit Hingabe
Bemerkenswert war allenfalls die Diskrepanz zwischen dem meist in sich gesunkenen Orchesterleiter, der seinen Kopf in der Partitur stecken hatte, und den Klanggewalten der musizierenden Hundertschaften, die auf seine minimalistische Zeichengebung präzise und mit Hingabe reagierten. In Amerika erinnern sich Oldtimer noch gern an Fritz Reiner, der bekannt dafür war, mit den Augen zu dirigieren. Da kann ein Dirigent, der nicht eben das Bild eines vor Gesundheit strotzenden choreographisch begnadeten Orchesterdompteurs abgibt, nicht von vornherein Anlaß zur Sorge sein. Boston bekam eine Achte zu hören, die in ihrer klanglichen Opulenz, ihrem dem Stück gewiß nicht unangemessenen affirmativen Duktus, der alle Brüche souverän überspielte, und in ihrem Stimmenluxus geradezu schulbuchmäßig die Vorlieben Levines offenbarte.
Wer für das Solistenoktett die schweren Stimmen einer Jane Eaglen und eines Ben Heppner heranzieht, wird nicht nur das strukturelle Liniengeflecht vor Ohren haben oder aber dazu geneigt sein, statt des Taktstocks den Zeigefinger zu heben, wenn Hei-Kyung Hong als Una Poenitentium alias Gretchen ein bißchen Liù einschmuggelt. Die vom namhaften Librettisten angepeilte klassisch-romantische Phantasmagorie entfaltet sich bei Levine in einem akustischen Breitwandpanorama, dem es gleichwohl nicht an subtilen Momenten fehlt. Für eine Schlüsselstelle wie das "Lumen accende sensibus", richtungweisend in ihrer dynamischen, harmonischen und gedanklichen Vehemenz, fährt dann schon einmal seine linke Hand aus - wie zum Segenszeichen über dem blendend aufgelegten Orchester, den grandiosen, auswendig singenden Chören.
Einsatz für Zeitgenossen
Mahlers Achte, heutzutage wie kaum ein zweites Großwerk für höhere Festlichkeit zuständig, soll in seinem Repräsentationsanspruch indes nicht die Richtlinien für die neue Ära abstecken. Bei aller Traditionspflege wird Levine bereits in seinem ersten Jahr Stücke von Milton Babbitt, John Harbison und Charles Wuorinen uraufführen. Elliott Carter, György Ligeti und Witold Lutoslawski sind demnächst in Boston häufiger zu hören als Beethoven oder Bruckner. Levine mag da nicht zuletzt an die große Zeit eines Serge Koussevitzky denken, unter dessen Leitung das Orchester sich ein Vierteljahrhundert lang für zeitgenössische amerikanische Komponisten eingesetzt hatte.
Zuvor war es von Gründung an fest in der Hand deutscher Kapellmeister gewesen, die illustre Namen wie Georg Henschel, Arthur Nikisch, Emil Paur und Karl Muck trugen und erst zu Ende des Ersten Weltkriegs den Dirigentenstab an die französische Konkurrenz weitergaben. Mit Berufung auf Koussevitzky, zwischen Pierre Monteux und Charles Munch im Bostoner Amt, könnte Levine seinen Wunsch rechtfertigen, sich künftig gemäßigten Avantgardismen zu widmen, für die ihm am Riesenhaus der Met, der er in eingeschränktem Maße treu bleiben will, kein grünes Licht gegeben wurde und wird.
Einer totalen Neuerfindung des Musikers James Levine als Streiter für die Avantgarde werden aber auch die Traditionshüter von Boston, die in ihrer akustisch sublimen Symphony Hall dem Wiener Musikvereinssaal nachträumen, bei aller Liebe zu ihrem neuen Musikdirektor-Star kaum zustimmen. Wird das Sommerfestival von Tanglewood mit einbezogen, überschreiten auch hier im Lauf eines Jahres die Besucherzahlen spielend die halbe Million. Elitäres ist also durchaus obligat mit Populärem abzuschmecken, um die höheren Sphären, von denen Mater Gloriosa ätherisch singt, in Hörweite zu bringen. Obendrein wird Levine seine bewährten Wunder als Orchestererzieher bewirken müssen. Nach dem Einstand mit Mahlers Achter beurteilt, könnte er den Glorienschein des Boston Symphony Orchestra in Kürze wieder aufpolieren. Mit diesem Erfolg bewaffnet, käme er vielleicht in die Lage, kühnere Programmpläne durchsetzen zu können.