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Hamburger Komponistenquartier : Für ihn vielleicht Beruf, für sie stets nur Zierde

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Amüsantes Kuriosum im neuen Museum: ein Fahrrad, mit dem sich der zwischen 1891 und 1897 als Kapellmeister an der Hamburger Oper engagierte Gustav Mahler durch die Stadt bewegt hat Bild: dpa

Im Hamburger Komponistenquartier erinnern Museen für Mahler und die Geschwister Mendelssohn an die produktive, doch nie harmonische deutsch-jüdische Symbiose für das kulturelle Leben Deutschlands.

          Er sei „der Mozart des 19ten Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut hat“, schrieb Robert Schumann über seinen gleichaltrigen Kollegen Felix Mendelssohn Bartholdy. Er schrieb es in einer Rezension des Klaviertrios c-Moll op. 49, mit dem nun in Hamburg ein Museum für den 1809 geborenen Felix und dessen vier Jahre ältere Schwester Fanny eröffnet wurde, die ihrerseits durch eine Aufführung ihres Klaviertrios in d-Moll in Erinnerung gerufen wurde.

          Mit der Eröffnung zweier Museen – das eine für die Geschwister Mendelssohn, das andere für Gustav Mahler – wurde ein ungewöhnliches Projekt abgeschlossen: das Hamburger Komponistenquartier. In einer Zeile von sechs alten Bürger- und Kaufmannshäusern in der Peterstraße soll unweit des Michel „das musikhistorische Gedächtnis der Stadt“ wachgehalten werden.

          Es heftet sich an Namen wie Georg Philipp Telemann, der knapp fünf Jahrzehnte als Kantor des Johanneums und als Musikdirektor der fünf Hauptkirchen in Hamburg tätig war; an den seines Nachfolgers Carl Philipp Emanuel Bach; weiter an den des aus Bergedorf gebürtigen Barockkomponisten Johann Adolf Hasse und an den von Johannes Brahms, der, 1889 zum Ehrenbürger ernannt, überglücklich war, „sich in seiner Vaterstadt so hoch geachtet und geliebt zu wissen“. Im Lauf der Jahre mussten 1,8 Millionen Euro aufgebracht werden – etwa ein Drittel des Jahresgehalts, das der HSV an einige seiner Spieler zahlt.

          „Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf“

          „Museum“ ist schwerlich das passende Wort für die verschachtelten Räume, die sich hinter den historisierenden Backsteinfassaden verbergen. Zu sehen sind Text- und Bildtafeln, Illustrationen und Zeitleisten, Hörstationen und allerlei Memorabilia wie zum Beispiel ein Spinett aus der Ära Telemanns, ein Clavichord aus der von Bach, ein Hammerklavier aus der Zeit der Geschwister Mendelssohn und, ein amüsantes Kuriosum, ein Fahrrad, mit dem sich der zwischen 1891 und 1897 als Kapellmeister an der Hamburger Oper engagierte Gustav Mahler durch die Stadt bewegt hat. Zu sehen ist auch das Tauf-Dokument, mit dem sich der im böhmischen Kalischt geborene Jude das Eintrittsbillett in die deutsche Kultur verschaffte, bevor er als Opernchef in Wien, wie er jauchzend sagte, zum „Gott der südlichen Zonen wurde“.

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          Welche seelischen Belastungen es mit sich brachte, dieses Billett zu lösen, wurde bei der Eröffnung des Mendelssohn-Museums deutlich, als der Historiker Julius H. Schoeps deutlich machte, dass Mendelssohns protestantische Bekenntnisse – in der Reformationssinfonie wie im Oratorium „Paulus“ – auf Kosten jener inneren Zerrissenheit ertrotzt waren, die Robert Schumann mit seinem Hinweis auf die Widersprüche seiner Zeit angesprochen haben mag. Woran die Ausstellung oder besser: die dokumentarischen Zeugnisse erinnern, ist die produktive, doch nie harmonische deutsch-jüdische Symbiose für das kulturelle Leben Deutschlands; ist die leidenschaftliche Lernbereitschaft bei allen Mitgliedern dieser einzigartigen Familie, die sich geistig wie wirtschaftlich durch die „Exzessivität der Leistung“ durchsetzten.

          Abraham Mendelssohn engagierte für Felix einen Lehrer für Landschaftsmalerei, schickte ihn zur musikalischen Erziehung zu Carl Friedrich Zelter nach Weimar, der die Aufmerksamkeit Goethes auf den Achtjährigen lenkte. In einem Brief des Zwölfjährigen lesen wir, dass er vom Dichterfürsten alle Nachmittage gebeten wurde, ein „wenig Lärm“ zu machen. Was der Bub, so Goethe, „im Phantasieren und im Primavistaspielen vermag, grenzt ans Wunderbare“.

          Auf andere Weise erinnern die Zeugnisse auch daran, dass es der Tochter Fanny verwehrt wurde, aus ihrer musikalischen Berufung einen Beruf zu machen. „Nur was feminin ist, paßt zu einer Frau“, entschied der Vater. „Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf“, schrieb er ihr in Bezug auf den Bruder, „während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbaß Deines Seins und Tuns werden kann und soll.“ Wann immer Felix wegen seines brillanten Klavierspiels mit Lob bedacht wurde, wehrte er ab: „Sie sollten erst mal meine Schwester Fanny hören.“ So wirkt es denn wie eine Korrektur der väterlich verordneten Demanzipation, dass die Musikologin Beatrix Borchard, als spiritus rector der Ausstellung, den geistigen und sozialen Kosmos Mendelssohn ausleuchtet und gleichsam die Emanzipation der Schwester nachholt.

          Für diese nachhaltigen Erinnerungen an die musikalische Geschichte Hamburgs engagiert haben sich die Carl-Toepfer-Stiftung wie die Gesellschaften, die jeweils den Namen der Komponisten in ihren Namen tragen. Im Lichtwarksaal begleiten Konzerte und Vorträge die Neueröffnungen, die Hamburg als Musikstadt geistig bereichern.

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