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Pierre Boulez zum Neunzigsten : Verständlich sein!

Wenn dieser Komponist dirigiert, dann gibt es keine Kompromisse: Pierre Boulez Bild: Sipa Press

Er ist der mächtigste Musiker der Moderne und braucht kein C-Dur, um in die Ewigkeit zu finden: Zum neunzigsten Geburtstag des Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez.

          Wer ihn zum ersten Mal trifft, der wundert sich. So erging und ergeht es wahrscheinlich jedem. Man denkt zuerst: Das kann nur Attitüde sein. Dieser Mann ist so freundlich, so leutselig. Er kann so gut zuhören. So klein, so liebenswürdig, seine Mundwinkel sind voller Lachen, diese überwältigend altmodische Höflichkeit! Dabei weiß man, dass man dem mächtigsten Musiker der Moderne gegenüber steht. An Pierre Boulez kommt niemand vorbei.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Es gibt keinen anderen Komponisten, der seine eigne Musikstadt vorzeigen könnte. Ein eigenes Zukunftslabor, mehrere selbst gegründete, ihm ergebene Orchester und Ensembles, Legionen von Schülern, zwei Dutzend Auszeichnungen, sechsundzwanzig Grammys. Keinen sonst, der so gefürchtet und verleumdet wurde, zugleich aber auch so ikonenhaft verehrt. Dank dieser Aura, in seinem Einfluss auf andere, in seinen utopischen Forderungen, seinem kritischen Denken und seiner unversiegbaren polemischen Energie ist er am ehesten wohl mit Richard Wagner vergleichbar. Man denkt sich also zuerst: Diese Freundlichkeit ist rein taktisch, eine Schutzhaltung. Irrtum! Man kann in der Welt der Musik, die ja wahrhaftig kein Taubenschlag ist, eher eine Löwengrube voller Neid und Eitelkeiten, keinen ehrlicheren, aufrichtigeren Menschen finden als diesen.

          Kein Blatt vor den Mund

          Pierre Boulez sagt, was er denkt. Es kam zwar vor, dass das Denken auch bei ihm die Richtung änderte, aber zu keiner Zeit nahm er ein Blatt vor den Mund. Das hat ihm selbst nicht immer genützt - anderen schon. Selbstsicherheit, gepaart mit einem radikalen Altruismus im Dienste der Sache, ist im Kern die zündende Pointe fast sämtlicher Boulez-Anekdoten, die man sich heute, an seinem neunzigsten Geburtstag, überall wieder erzählen wird. Dass er einst die Opernhäuser in die Luft hatte sprengen wollen, weil sie nur noch voller „Touristen“ und „Staub und Schmutz“ seien; dass er Arnold Schönberg totsagte und den Kollegen Hans Werner Henze, der, als ein Einzelgänger seiner Generation, an der Tonalität festhielt, einen „lackierten Friseur“ nennt; dass er sich von seinen amerikanischen Freund John Cage, mit dem er sechs Jahre lang einen produktiven Briefwechsel führte, distanziert, der außermusikalischen Zufallsoperationen halber, und ihn einen „Faulpelz“ schimpft. Oder, dass er über seinen Lehrer Olivier Messiaen, der 1950 mit seiner Etude „Mode des valeurs et d‘intensité“ rein zufällig die serielle Musik erfunden hatte, später, bezogen auf dessen mystisch-katholische Vogelkonzerte, geringschätzend schrieb: „Man braucht kein C-Dur, um die Ewigkeit zu finden“.

          Einmal, Anfang zwanzig, noch ein wilder junger Mann, fuhr Boulez gemeinsam mit Messiaen in der Metro nach dem Unterricht nach Hause. Er räsonierte und klagte, es gebe heutzutage im Lande Debussys keine guten Komponisten mehr. Wer solle die französische Musik erneuern? Messiaen, der die kritischen Worte durchaus auf seine eignen Kompositionen beziehen mochte (er war ja wohl auch gemeint) sagte ironisch: „Vous, Monsieur“. Und behielt recht.

          Niemals zu spät

          Multipel begabt, fiel Pierre Boulez gleich zweimal durch bei den Aufnahmeprüfungen, sowohl am Konservatorium in Lyon wie auch in Paris. Neunzehnjährig ging er in Paris in die Analysekurse zu Messiaen, nebenbei nahm er Kontrapunktunterricht bei Andrée Vaurabourg, der Ehefrau des Komponisten Arthur Honegger, die sich später vor allem an Zweierlei erinnert hat: Boulez kam niemals zu spät, und „er schien immer alles zu wissen.“

          Und er spielt abends Klavier, erst in den Folies Bergère, dann im Théâtre Marigny, wo er die Bühnenmusik organisiert für die Theatertruppe von Jean-Louis Barrault. Der begreift offenbar früh, dass die harte Schale intellektueller Brillanz bei diesem zornigen Jüngling nichts weiter ist als ein Schutzanzug für außerordentliche Empfindsamkeit, und ermuntert Boulez, eine erste feste Konzertreihe im Theater zu veranstalten, die „Domaine musicale“. So wird er, im Kleinen zunächst, Veranstalter, Impresario, Seilschaftenstrippenzieher, Dirigent.

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