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Komponist Dieter Schnebel zum Achtzigsten Gib mir deine Stimme

14.03.2010 ·  Tradition ist ihm ein Wert, aber auch Ort voller Gefahren: Der Komponist Dieter Schnebel hat mit Adorno gearbeitet und mit Karl-Heinz Stockhausen - und er hat der Singstimme neue Dimensionen erschlossen. Heute wird er achtzig.

Von Gerhard R. Koch
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Unter den Nachrufen auf Stockhausen fällt ein Dokument Dieter Schnebels aus dem Rahmen: die Komposition „Klage um Karlheinz Stockhausen“ in drei Sätzen - „Lamento“, „Dankchoral“ und „Wiegenlied“. Er liefert noch einen weiteren Bezugspunkt: Der „Dankchoral“ nämlich beginnt mit einem Zitat der ersten vier Klavier-Ostinato-Takte von Schuberts „Doppelgänger“ im originalen h-Moll. Sie signalisieren nicht nur Schnebels innige Verbindung zur Tradition, zu Schubert zumal. Fast aufschlussreicher ist der andere Anspielungsaspekt: Stockhausen wie Schnebel als Doppelgänger, schattenhaft untrennbar, doch gerade in der Ebenbildlichkeit an der Nichtidentität leidend.

In der Tat war die Beziehung Stockhausen-Schnebel gespalten. Dieser hat die ersten drei Bände der Stockhausen-Schriften ediert, doch sein Nachwort zum dritten blieb unveröffentlicht. Über eine kritische Anmerkung Schnebels - „Hier spiegelt sich ein bestimmtes ideologisches Bewusstsein, das von Herrschaft. Die Werke selbst sind wohl eher eine Art künstlerischer Verwirklichung dessen, was in der Freudschen Schule frühe Phantasien von Omnipotenz und Allmacht der Gedanken heißt“ - kam es 1971 zum Bruch.

Hier gärt die tönende Materie

Verwunderlich war das nicht, sind doch Schnebel Züge des egoman-autoritären Missionarismus fremd. Insofern ist es charakteristisch, dass Begriffe wie „Versuch“ oder „Fragment“ bei Schnebel eine Rolle spielen, das Unabgeschlossene, Gärende der tönenden Materie ihm wichtiger ist als das festgefügte Meisterwerk des charismatischen Originalgenies - zumindest dessen Allüre.

Schnebel, im badischen Lahr geboren, wollte ursprünglich Pianist werden. Noch 1978 spielte er in Graz die Uraufführung von Adornos „Böhmischen Terzen“ (1945), wohl wissend, dass solcher Reflex auf Slawisches bei dem sonst gegenüber Folklore eher allergischen Philosophen ein antiorthodoxes Moment hervorhob. Undogmatisch freilich ist Schnebel immer gewesen, aber nicht nur aus ästhetischen Gründen. Schnebel studierte auch evangelische Theologie, er wirkte einige Jahre als Pfarrer und Religionslehrer. Christentum freilich bedeutet ihm nicht die Macht einer festgefügten Lehre oder gar Institution, sondern „theologia crucis“ - Suche nach Glauben, (Selbst-)Verunsicherung. Von daher lässt sich vieles als negative geistliche Musik deuten - als stetiges Ausprobieren des Neuen.

Sprechen, schreien, verstummen, röcheln, wispern, stammeln

Nicht zufällig sieht er sich als Experimentierer in Permanenz. Natürlich waren die Wiener Schule und Adorno für ihn wichtig, doch von der Darmstädter Schule, ihren Kanonisierungstendenzen hat er sich ferngehalten, zielte eher auf eine Synthese von Blochs „Geist der Utopie“ und John Cages Unbestimmtheitsästhetik - dies auch im Sinne zenbuddhistischer Leere. Konzeptionalistische Werktitel („MO-NO“, „KI-NO“) zeugen davon. Daraus ließe sich auf puritanische Bilderverbote und Anti-Sinnlichkeit schließen. Doch das Gegenteil ist der Fall: So wie Olivier Messiaen die Orgel für die Moderne öffnete, hat Schnebel der Stimme ganz neue Dimensionen erschlossen. Sprechen, Schrei und Verstummen, Röcheln, Wispern, Stammeln treten an die Stelle herkömmlichen Gesangs; was später schier belkantistische Linienseligkeit nicht ausschloss. Aber prinzipiell hielt er es mit dem quasi-pfingstlichen „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“.

So gesehen, ist Schnebel radikaler Avantgardist. Dem stehen ganz anders avancierte „Sündenfälle“ entgegen: Stimmproduktion als körperlich-bildhafte „Organsprache“, physiologische Demonstration in akustisch-optischer Großaufnahme, deren Überführung in begriffs- und tonlose Exerzitien: Stumme Aktion gewinnt die Kraft des evokativen Rituals. Und oft hat er mit Laien, Schülern und Studenten zusammengearbeitet, nach Art einer musiktheatralischen arte povera. Zu Schnebels Offenheit gehört auch die gegenüber der Tonalität, mit der er als materiale Möglichkeit operiert, nicht aber zwecks Einnistung in nostalgischen Kuschelecken. Tradition ist ihm ein Wert, aber auch Ort voller Gefahren.

Weitgefächerte Strategien

Kunst heißt für Schnebel auch „laboratorium mundi“. Abendfüllende Hauptwerke wollen dazu nicht recht passen. Dem widersprechen seine „Dahlemer Messe“ ebenso wie die ausladende Donaueschinger „Sinfonie X“ mit all ihren Mehrdeutigkeiten und erst recht die hochkomplexen Theaterarbeiten für Köln, Hamburg („Vergänglichkeit“) und Leipzig („Majakowskis Tod / Totentanz“). So weit der Fächer von Schnebels kompositorischen Strategien ist, so suggestiv wurden nicht wenige Produktionen durch Achim Freyers Bildwelten zusammengefasst - wobei Skepsis und Magie immer im empfindlichen Gleichgewicht blieben. Heute feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

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