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Komponist Dieter Schnebel tot : Im Zweifeln stark

  • -Aktualisiert am

Dieter Schnebel 2008 in der Akademie der Künste Berlin. Bild: Thiel, Christian

Der Komponist Dieter Schnebel ist tot. Der Professor für experimentelle Musik, Theologe und Autor starb am Sonntag im Alter von 88 Jahren.

          Am Schluss von Barrie Koskys Bayreuther Inszenierung der „Meistersinger“ sah man im vergangenen Jahr Hans Sachs selbstvergessen ein imaginäres Orchester dirigieren: die große Botschaft als gestischer monologue intérieur, erinnernd an Dieter Schnebels „Solo“ für einen Dirigenten, das zur Basis wurde für Mauricio Kagels Film „Nostalgie“, in dem ein Schauspieler eine surreale stumme Pult-Choreographie vollzieht.

          Christos Berliner Reichstag-Verhüllung ließ eine andere glitzernde Über-Kurve assoziieren: „Blendwerk“ beschwor Schnebels „Schubert-Phantasie“, die dessen G-Dur-Sonate mit einem Oberton-Schimmer versah. Die Kontur von Bau- wie Musikwerk war zu ahnen, verschwand aber unter auratischer Oberfläche.

          Tonlose Musik, unsichtbare Gestalt, „Blendwerk“, das Sichtbare an Tonkunst, Tradition als „Halluzination“, Theologen-Formel für Verwirrendes: drei Stränge in Schnebels Werk, schwerlich auf einen Begriff zu bringen. Glaube an eine mögliche Einheit und steter Zweifel daran bezeugen seine protestantische Komponente.

          Aufs Wort fixiert

          Schnebel, 1930 im badischen Lahr geboren, studierte Komposition, Klavier, Musikwissenschaft, Philosophie und Theologie. An kirchlicher Glorie lag ihm nicht, weit eher an einer radikal kritischen „theologia crucis“, ungemütlicher Gläubigkeit. Dazu gehörte Skepsis gegenüber traditionellen Werten und Formen, auch puritanisches Bilderverbot.

          Doch Widerspruchsfreiheit ist ein begrenzter Wert: Ausgerechnet für Schnebel sind vitale Bildlichkeit musikalischer Vorgänge und durchaus kreatürliche, ja anatomische Körperlichkeit untrennbar von gleichwohl in sich autonomer Musik. Protestantisch freilich ist bei Schnebel die Fixierung aufs Wort, und dies nicht nur in seinen Vokal-Kompositionen, sondern auch in zahlreichen musikliterarischen Schriften, in denen akribische technische Analyse und philosophisch-poetische Exegese Hand in Hand gehen.

          Vor postmodernen Versuchungen gefeit

          Natürlich stand auch Schnebel in den fünfziger Jahren im Bann der Zweiten Wiener Schule, hat über Schönberg promoviert, war durch Adorno geprägt. Doch auf einen engen Avantgarde-Begriff wollte er sich nicht festlegen lassen, hielt deutlich Distanz zur Darmstädter Serialismus-Schule, wollte wenig von einem schier zwangsläufigen „Material-Fortschritt“ wissen. Noch 1998 meinte er: „Das Ziel weicht in die Zukunft zurück, je mehr man sich ihm nähert; es erreichen – wohl auf vielen Umwegen – ist (eine) Kunst.“ Der Satz lässt Walter Benjamins geschichtsphilophische „Angelus Novus“-Apokalypse anklingen. Dafür spielte Ernst Bloch für ihn eine wichtige Rolle: die Welt als prozesshaft „gärende Materie“, offen in vielerlei Richtung, ein permanentes Laboratorium des Neuen.

          Gerade deshalb war Schnebel gegen mancherlei „postmoderne“ Versuchungen gefeit, konnte es sich leisten, einen Werkzyklus „Tradition“ zu nennen: Bearbeitungen von Bach bis Mahler, doch keineswegs Anbiederungen an Heile-Welt-Schönklang. Auch wenn er in seinem B-Dur-Quintett seinem Idol Schubert huldigte. Selbst da ist er, bis zum Schluss, „Experimentierer“ geblieben, hat auf jeweils höchst unterschiedliche Weise komponiert.

          Geistliche Grundmuster ziehen sich durch sein Werk

          Besonders John Cage war für ihn der schlechthin antitraditionalistische Anreger und -stifter: Zufall, Selbstwert akustischer Ereignisse, Antihierarchie der künstlerischen Medien, Gattungen und Besetzungen, neue Möglichkeiten radikaler Anarchie führten ihn zu Umstürzen, die bis heute weiterwirken.

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