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Kölner Theatertriumph Ein Leben im Express

 ·  Aus Prosa mach Psycho: Katie Mitchell triumphiert im Kölner Schauspiel mit Friederike Mayröckers „Reise durch die Nacht“. In jedem Sinn des Wortes: eine wahre Zugnummer.

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© © Stephen Cummiskey Vergrößern Die Nacht ist nicht allein zum Lesen da: Katie Mitchells wunderbare Reise durch Friederike Mayröckers Poesie

Oben fährt der Schnellzug, unten steht der Waggon, in der Mitte ein Schlafwagenabteil mit zwei Klappliegen übereinander, Waschecke, Schaffnerkoje, Toilette. Oben läuft der Film, der den Zug - schnell und geräuschvoll baut sich der Takt der Gleise auf - durch die Nacht rasen lässt, Lichter der Großstadt leuchten, flackern, schimmern und tanzen, werden weniger, einsamer, verschwinden, später, nach einer blauen Morgenstunde, rauschen Landschaften mit Hügeln und sattgrünen Wiesen vorbei.

Unten wird der Film produziert, stehende Kameras auf einem Stativ, die auf die Abteile gerichtet sind, und bewegliche Kameras in den Händen von Profis, die jeden Winkel ausforschen und porennah das Gesicht heranholen, daneben Abteile, die nicht hierhergehören, ein kleinbürgerlicher Wohnraum mit trüber Lampe über dem Tisch und bieder gemusterter Tapete, ein Sprechstudio mit Mikrofon und dicht mit Zetteln bespickter Pinnwand.

Die Bühne, die Alex Eales für Katie Mitchells dramatische Fassung der Erzählung „Reise durch die Nacht“ von Friederike Mayröcker in die Halle Kalk des Schauspiels Köln gebaut hat, ist in der Horizontale zweigeteilt: ein szenischer Doppeldecker, der unten den Motor zeigt, der das Erlebnis der Passagiere oben möglich macht.

Lebensbilanz zwischen Paris und Wien

Diese Ästhetik der Simultaneität und der Zeitverschiebung, die, diesmal auch mit vorproduzierten Sequenzen, aber nichts mit den verlegen-vermessenen Video-Illustrationen zu tun hat, die im Theater als Mode gelitten und mit dem es zu Tode geritten wird, ist mehr als ein Markenzeichen. Es ist der kritische Realismus der britischen Regisseurin, die komplexe Wirklichkeit nicht eins zu eins abzubilden, sondern sie in Partikel zu zerlegen und mikroskopisch zu erhellen, dass sie sich fremd darstellt und kaleidoskopartig zu neuer Kenntlichkeit zusammensetzt.

Eine Frau mittleren Alters hastet, die Schauspielerin Julia Wieninger mit einem Rucksack auf dem Rücken, den Bahnsteig entlang. Ein Mann, Daniel Betts, der den Koffer trägt, folgt ihr. Sie besteigt den Zug, der von Paris Gare de l’Est nach Wien-Westbahnhof fährt, betritt das Abteil und findet ein Brautkleid, das, transparent verpackt, dort hängen geblieben ist. Auslöser für eine Auseinandersetzung mit sich selbst, für eine Befragung ihres Lebens, das ihr entglitten ist und sie verzweifeln lässt: „Ich könnte auf meine Vergangenheit verzichten“, stellt sie es in Frage. Dabei bleibt sie stumm, Ruth Marie Kröger, die nebenan vor dem Mikrofon steht, spricht den inneren Monolog: „Im Grunde habe ich alles falsch gemacht.“

Julian, den Mann, der sie begleitet und sich im Bett unter ihrem zur Ruhe legt, erreicht und versteht sie nicht mehr, unruhig läuft sie durch den Gang, zwängt sich in die Toilette und steckt den Kopf, der Wind dafür wird mit einem herangeschobenen Ventilator erzeugt, aus dem regenbenetzten, das Gesicht verwischenden Zugfenster. Die Erinnerung meint die Frau verloren zu haben, doch eine Fotografie des toten Vaters ruft Szenen der Kindheit, so der Gewalt gegen die Mutter, wach, die im Nachbarabteil - auf dem Boden eine malträtierte Puppe, neben dem Tisch ein irrlichterndes Kerzenkarussell - albtraumhaft spuken.

„Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Reise!“

Schwer geht ihr Atem, und ihre beiden Augen, von der Kamera cinemascopebreit herangezoomt, erzählen von Angst, Unruhe, Verlorenheit. Was sie sich in eine Kladde notiert, will nicht stimmen, sie reißt das Blatt heraus und zerknüllt es. Am Ende, da ist sie in Wien gerade aus dem Zug gestiegen, fällt es der Reinigungsfrau in die Hände, die sich kurz wundert und es im blauen Müllsack entsorgt.

Das Motiv der mit ihrem Schreiben hadernden Schriftstellerin, das Friederike Mayröckers 1984 veröffentlichte Erzählung durchzittert, verfolgt Katie Mitchell nicht weiter. Die äußere Reise aber nimmt auch sie als Rahmen für eine innere, eine Wachtraumphantasie einer gefährdeten Frau. Die Bahnfahrt wird zur Metapher einer Existenz der Ort- und Zeitlosigkeit, in der ihr Leben zu verfliegen droht. Für einen Quickie treibt es sie in die Arme des rotbemützten Schaffners, Renato Schuch als Latin Lover, über den sie in dessen Kabuff herfällt.

Als sie ihn danach noch einmal besucht, wird ihre Umarmung von Julian durch die angelehnte Tür beobachtet, der ihn packt und brutal zusammenschlägt. Schon in der Pedanterie, mit dem er den Bart pflegt, schien Julian „dem armen Pfeifenvater“ ähnlich, jetzt wird er zu dessen Wiedergänger. Eine Ur-Szene, der Kern ihres Traumas. „Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Reise“, dröhnt es aus dem Lautsprecher.

Ein Leben im Express, durchrast in knapp achtzig Minuten. Julia Wieninger, seit dem „Wunschkonzert“ von Kroetz Katie Mitchells Kölner Wunsch-Protagonistin, wächst über sich hinaus. Eine Getriebene, die ziselierende Zustände zwischen Wachen und Träumen, Erinnerung und Erfahrung durchbebt und, fahrig und fragil, impulsiv und überflutet von Flashbacks, in einen seelischen Ausnahmezustand gerät, an die Grenze zur Dekompensation: „Jetzt ist mein Leben bald ausgeschwitzt.“

Katie Mitchell hat aus Friederike Mayröckers avantgardistischer Prosa einen Psychothriller geschält und ein grandioses Gesamtkunstwerk gemacht, in dem alles stimmt, Spiel und Sprache, Musik und Bild, Lichter und Stimmen, Geräusche und Unschärfen uhrwerksgenau ineinandergreifen. Spät, aber aufsehenerregend ist das Schauspiel Köln in Karin Beiers letzte Saison gestartet: mit einer wahren Zugnummer.

„Reise durch die Nacht“: Alle weiteren Termine im Oktober sind ausverkauft. Für die Vorstellungen am 2.,3. und 4. November sind noch Karten erhältlich.

Quelle: F.A.Z.
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