09.12.2009 · In Köln soll ein Neubau das Schauspielhaus ersetzen. Der Koloss wird das benachbarte Opernhaus erdrücken. Intendantin Karin Beier fragt, was der Bau bringe, wenn die Mittel fehlten, ihn angemessen zu bespielen.
Von Andreas RossmannWer in Köln das Theater verlässt, blickt auf eine City-Toilette, einen Abfallcontainer und einen Getränkeanhänger. Der Aufprall in der ortstypischen Schmuddel-Realität ist hart. Der Platz vor dem Schauspielhaus hat die Anmutung eines Hinterhofs, und gleich daneben, vor dem Opernhaus, sieht es nicht viel besser aus. Aber das soll es ja bald werden. Ein Neubau ist in Planung, dessen Lamellen-Fassade allerdings die modische Beliebigkeit eines Kaufhauses hat: Wie er verschiedene Funktionen kistenartig stapelt und das Grundstück überlastet, das verheißt stadträumlich nichts Gutes. Das Restaurantgebäude der Opernterrassen und der Altbau des Schauspielhauses sollen abgerissen und an dessen Stelle ein neuer Platz angelegt werden. Der monströse, vollklimatisierte Koloss wird statt 920 nur noch 675 Plätze haben, die Prioritäten aber umkehren. Das neue Schauspiel- wird das alte Opernhaus erdrücken.
Der Beschluss, nur den Hauptbau des dreiteiligen denkmalgeschützten Ensembles von Wilhelm Riphahn, das Opernhaus von 1957, zu erhalten und das Schauspielhaus von 1962 mitsamt den Opernterrassen preiszugeben, wurde 2006 gefasst, der Wettbewerb dafür im Sommer 2008 entschieden. Auf 230 Millionen Euro wurden die Kosten gedeckelt, doch ein Jahr später war der Preis für den erstplazierten Entwurf der Architektengemeinschaft Chaix & Morel (Paris) und JWSD (Köln) auf 364 Millionen Euro geschnellt. Seitdem wurde kräftig abgespeckt, um unter dreihundert Millionen Euro zu kommen. Neben einem Restaurant, einem Ballett- und einem Orchesterprobenraum wurden auch die Produktionsstätten, die derzeit an mehreren Orten in der Stadt verteilt sind, wieder herausgerechnet. Dabei war gerade deren Konzentration am Offenbachplatz ein Hauptmotiv für den Neubau gewesen: Arbeitsvorgänge sollten optimiert, Wege, Zeit und Personal gespart werden. Synergieeffekte, die auf einmal nicht mehr wichtig sind. Kulturpolitik als Taschenspielerei.
Diese droht insofern noch eine Steigerung zu erfahren, als die Taschen fast leer sind. Um 12,5 Prozent, so die Vorgabe des Kämmerers, müssen die freiwilligen Ausgaben 2010 reduziert werden; für die Bühnen kommt das einer Etatkürzung um 6,5 Millionen Euro gleich. Ob das angesichts geschlossener Verträge überhaupt möglich ist, lautet die naheliegende, ob dann nicht zu überlegen ist, die Umbaukosten zu senken, die weiterreichende Frage. Gestellt hat sie jetzt die Hauptbetroffene und Sachwalterin des Publikums: die Schauspielintendantin Karin Beier, die laut darüber nachdenkt, was ein neues Haus bringen soll, wenn die Mittel fehlen, es angemessen zu bespielen.
So werden Denkverbote verhängt
Mit 250 Millionen Euro ließe sich, gibt Baudezernent Bernd Streitberger an, die Sanierung beider Häuser bewerkstelligen - etwa 45 Millionen Euro (plus des Minderbetrags für die Zinsen) könnten gespart und, zumindest teilweise, in den künstlerischen Etat umgelenkt werden. Seit sie diese Rechnung aufgemacht hat, zeigt das offizielle Köln der beliebten Schauspielintendantin die kalte Schulter. Aber das seien doch zwei völlig verschiedene Töpfe!, schallt es stereotyp. So werden Denkverbote verhängt. Denn dem Bürger kann es gleichgültig sein, wo die eingesetzten Steuermittel ressortieren, und ob Stadt, Land oder Bund die Schulden dafür aufnehmen. Angesichts enger werdender finanzieller Spielräume darf es kein Tabu sein, investive und konsumtive Mittel in Beziehung zu setzen. Was Karin Beier anspricht, ist das kulturpolitische Thema der nächsten Jahre. Nicht nur in Köln.
Auf dem Schreibtisch der Intendantin liegt ein Bogen mit Fotografien des Schauspielhauses: „Der Riphahn-Bau ist ein Haus mit einer Biographie und einer Aura, Eigenschaften, die ein Neubau erst einmal nicht hat“, sagt Karin Beier und gibt zu bedenken, dass die nächste Generation der Architektur der sechziger Jahre eine ganz andere Wertschätzung entgegenbringen werde: „Aber dann wird es zu spät sein.“ Eine umfassende Sanierung ist für sie nicht nur die preiswertere, sondern, so durch Umbauten Raumreserven genutzt und die Funktionsabläufe optimiert werden, auch die bessere, der Kunst dienliche Variante.
Einwände des Opernintendanten
Die Einrede von Karin Beier ist eine Vorlage für den neuen Oberbürgermeister Jürgen Roters. Der will verständlicherweise den Eindruck vermeiden, dass er, wenn er sich gegen den Neubau ausspricht, die kulturpolitische Pannenserie seines Vorgängers verlängert. Dabei könnte er, indem er die Reißleine zieht, das Signal für einen Neuansatz des Denkens geben: Statt in ein problematisches Prestigeobjekt würde in Kunst investiert und das denkmalgeschützte Ensemble als Ensemble erhalten. Die Schauspielchefin weiß die Mehrheit ihrer Mitarbeiter wie auch der Kunstszene hinter sich.
Harsch kritisiert wird sie vom Opernintendanten Uwe Eric Laufenberg, der befürchtet, dass eine Neuplanung das Gesamtprojekt aufhalten und, wie das bereits in der Beschlussvorlage steht, „ein viertes Interimsjahr“ erzwingen könnte. Der Mann hat gut lamentieren, kann er doch eines mehr oder weniger fernen Tages in ein renoviertes Riphahn-Opernhaus zurückkehren. Das Schauspiel aber wird mit einem seelenlosen Neubau auskommen müssen, den, bis der Kölner Schlendrian wieder einsetzt, keine City-Toilette und kein Abfallcontainer mehr verunstalten.