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Sibylle Bergs „Wonderland Ave.“ : Die letzten Gadgets der Menschheit

Die rebellischen Geschöpfe des Menschen versammeln sich rings um den schlafenden Vater von Tausenden: Der liegende Riese hat die Züge des Schauspielers Bruno Cathomas. Bild: Birgit Hupfeld

„Wonderland Ave.“ von Sibylle Berg entfacht in der Kölner Uraufführung eine unheimliche Wirkung. Das liegt nicht nur an der Dystopie des Stückes, sondern auch an dem Museumsbühnenbild von Ersan Mondtag.

          Sie sind die Freundlichkeit selbst, die Betreuer, denen farbenfrohe Kleidung auf den Leib geschneidert ist. In Trippelschritten verrichten sie ihre Arbeit, sie wollen niemandem auf die Füße treten. Imposante Denkapparate müssen hinter ihren überdimensionierten Stirnen stecken. Aber haben sie auch nur eine einzige Runzel im Gesicht? Nein, das verhindert das kalkweiße permanente Make-up. Die schmalen Lippen passieren nur Botschaften in mittlerer Tonlage, optimal temperiert wie Bahnsteigdurchsagen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Einen wunden Punkt hat der auf Bemutterung geeichte Kollektivorganismus. Wenn ein Betreuter anzudeuten wagt, dass in der Anlage nicht alles zum Besten steht, dass dieses Weltaltersheim die Welt auf deren älteste Tage nicht endgültig als die beste aller möglichen ausweist, dann werden sie ungehalten, ja, sarkastisch. „Das war jetzt ein bisschen peinlich, oder? Kulturpessimismus, wir sind doch hier nicht im Feuilleton.“ Schlagfertige Replik, nicht ausladend wie in Feuilletondebatten, sondern bündig wie auf Twitter: „Es gibt kein Feuilleton mehr. Es gibt keine Zeitungen mehr.“

          Wie man sieht, spielt „Wonderland Ave.“, das neue Stück von Sibylle Berg, in der Zukunft. Die Autorin ist eine obsessive Zeitungsleserin. Überall in ihrem apokalyptischen Lehrstück darüber, wie die Geräte die Macht über die Menschheit übernehmen, stößt man auf Themen, von denen man soeben erst gelesen hat. Noch am Tag der Uraufführung am Kölner Schauspiel berichteten die Feuilletons über eine Studie, mit welcher der Börsenverein des deutschen Buchhandels herausfinden wollte, warum Leser zu Nichtlesern werden. Ergebnis: Die Universalmaschinen mit Kleinbildschirm fressen die Lebenszeit.

          Freiheitsbegriff gedreht

          Die Menschen, die bei Berg noch übriggeblieben sind, ausgeliefert den Apparaten, die ihnen doch nur die Arbeit abnehmen sollten, nicht auch Leben, Freiheit und das Streben das Glück, erfüllen das Schema. Als ihnen von ihren Wärtern die Möglichkeit vorgegaukelt wird, sich das ultimative Upgrade zu verdienen und das Hotel, wo das Unterhaltungsprogramm auf Tierfilme beschränkt ist, gegen den „perfekten Zustand“ einzutauschen, setzen sie auf ihren Wunschzettel nicht die Marx-Engels-Gesamtausgabe oder wenigstens Bücher von Stephan Lessenich, Ayn Rand oder Juli Zeh.

          Das höchste der Freiheitsgefühle ist und bleibt „ein Leben mit unbegrenztem kostenlosen Film- und Musikangebot“. Hätte nicht wenigstens die Jahreskarte für die Stadtbibliothek dabei sein können? Das Feuilleton vermissen die letzten Menschen nur, wenn sie meckern wollen.

          Entwicklung von Robotern übersteigt die Vorstellungskraft

          Sehr wohl verstehen sie sich politisch. Der perfekte Zustand des privaten virtuellen Vorgartens wäre noch nicht das Paradies: „Ich möchte mit anderen online gegen die Missstände auf der Welt vorgehen.“ Um solche unverbesserlichen Stubenhocker ruhigzustellen, genügen Roboter nicht besonders avancierter Bauart. Im Kölner Premierenpublikum ist die Meinung zu hören, Sibylle Berg habe es bei der Ausgestaltung des Maschinenparks an Phantasie fehlen lassen; die Gerätschaften der Zukunft würden sehr rasch noch ganz andere Fähigkeiten ausbilden. Aber dass es sich auch beim Wachpersonal um Auslaufmodelle handelt, ist eine der Pointen, welche sich die Autorin auf unsere Kosten erlaubt.

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