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Kleist-Inszenierung in Hamburg : Ich glaub, die Zeit ist, oder Ihr verrückt

  • -Aktualisiert am

Ein echter Adam: Carlo Ljubek (rechts) als Dorfrichter ist sein Amt keine Unterhosenfaser wert. Bild: dpa

Unbefleckt geht hier niemand nach Hause: Michael Thalheimer inszeniert Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ im Schauspielhaus in Hamburg.

          Das Publikum darf früh in den Saal des Hamburger Schauspielhauses, dessen Bühne wie eine noch leere, aber schon kostbar vorbereitete Auslage zum Betrachten einlädt: Mit einem bedrückend niedrigen Raum neben einem anderen, weiter oben gelegen und luftig hoch. Beide sind in den gleichen schwarzen Rahmen mit den gleichen Wänden aus gold-bräunlichem Gewirk eingefügt. Vielleicht zitiert der Bühnenbildner Olaf Altmann damit Farbe und Haptik des Kupferstichs von Jean Jacques Le Veau nach einem Ölgemälde von Louis-Philibert Debucourt, den Heinrich von Kleist 1802 in Bern sah und der ihn zu seinem Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ inspirierte.

          Gedacht ist Altmanns Entwurf freilich nicht bloß als philologische Anspielung, sondern als künstlerische Darstellung eines Klassenkampfs, in dem Herrscher und Knechte so unversöhnbar sind wie Recht und Unrecht. Dieser Widerspruch definiert die optische Hohlform, obwohl es sich am Anfang ganz anders ausnimmt: Da stolpert der Dorfrichter Adam nämlich schmerzerfüllt mitten durch den Wartesaal für die unteren Stände und turnt sich mühsam zu seinem schweren Lederfauteuil auf der oberen Ebene hoch. Er ist bis auf die Socken nackt und hat zahllose blutige Wunden und Schrammen am überraschend jungen, durchtrainierten Körper. Wie sich bald zeigen wird, hat der malträtierte Richter zwar gerade eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg, der hier vor allem ein Geschlechterkrieg ist.

          Grandiose, radikal entschlackte Inszenierung

          In der Nacht wollte er nämlich der hübschen Eve ein Attest bringen, das ihren Verlobten Ruprecht angeblich vor dem Militärdienst in den Kolonien bewahren sollte, und verlangte dafür stillschweigend sexuelle Gegenleistungen. Er wurde von Ruprecht entdeckt, doch nicht erkannt, und floh durchs Fenster. Bei seinem überstürzten Aufbruch ging ein kostbarer Krug zu Bruch, für den die Mutter von Eve nun von Ruprecht Schadensersatz fordert. Sie klagt ihn vor dem Dorfrichter an, so dass Adam nun über sich selbst richten muss. Zu allem Überfluss steht mit dem Gerichtsrat Walter nun plötzlich auch noch ein Revisor vor der Tür, der in den Dörfern die Pflichterfüllung der Richter kontrolliert. In diesem Chaos findet Adam keine Zeit für Hemd und Hose (oder hält er sie für gar nicht nötig?), lieber kippt er sich Puder über den Kopf, wovon auch der Gerichtsrat eine gehörige Portion abkriegt. So unangenehm das Markus John als herrisch-knarzigem Vorgesetzten ist, so wenig scheint es ihn im Übrigen zu kümmern, dass sich Adam nicht ankleidet. Verschlagen und verkommen zelebriert der überragende Carlo Ljubek Adams arrogante Hüllenlosigkeit als nackte Verachtung für die Bittsteller, die sich fein herausgeputzt haben, um einem Amt die Würde zu erweisen, das dem Inhaber keine Unterhosenfaser wert ist.

          Wände aus goldbräunlichem Gewirk: Josefine Israel (l-r), Christoph Luser, Matthias Joh und Carlo Ljubek auf der von Olaf Altmann entworfenen Bühne.

          Carlo Ljubek prägt die eindreiviertelstündige Aufführung im wahrsten Sinn des Wortes lediglich im Adamskostüm – mal wie ein Hund auf allen vieren, wenn er sich lüstern an Eve heranhechelt, mal im Hochgefühl seiner Omnipotenz in den Stuhl gefläzt. In seiner grandiosen, radikal entschlackten Inszenierung entblößt Michael Thalheimer nicht nur den Richter als tyrannisch brutalen Triebtäter, sondern die gesamte Konfliktanlage als humoresk verbrämte Unterdrückungsmechanik: Buckeln und Treten, Gewalt und Leidenschaft. Diese setzt Thalheimer konsequent bis ins einfache Volk fort, wenn etwa Aljoscha Stadelmann als knorriger Vater seinem erwachsenen, tapfer aufrichtigen Sohn Ruprecht, angespannt gespielt von Paul Behren, öffentlich den blanken Hintern versohlt. Oder wenn die empörte Marthe Rull (beherzt losschimpfend: Anja Laïs) ihre Tochter schubst und stößt, damit die endlich sagt, was sie verlangt. Oder wenn Christoph Luser als serviler Schreiber Licht seinen Chef Adam blamiert.

          Desillusioniert und entfremdet wie in der Hölle

          Als der wiederum von Walter harsch gezwungen wird, ein Urteil zu fällen, spricht Adam schamlos Ruprecht schuldig. In diesem Moment fährt das Bühnenbild mit allen Personen – bis auf Eve – langsam zurück. Allein an der Rampe erzählt Josefine Israel, adrett mädchenhaft im violetten Kleid und schwarzen Mäntelchen (Kostüme: Michaela Barth), scheu verzagt und verzweifelt, jetzt mit großer, schöner Lauterkeit, was wirklich passierte. Daraufhin bekommt Eve recht, doch nicht die erträumte Gerechtigkeit. Walter wirft ihr einen Beutel voller Gulden hin, mit denen sie Ruprecht vom Militärdienst freikaufen kann. Dann nähert er sich ihr mit geheuchelter Anteilnahme: „Hör, jetzt geb ich dir einen Kuß. Darf ich?“, wie es in Kleists Textvarianten zum „Zerbrochnen Krug“ steht. Er küsst sie im Bewusstsein seiner Macht ausgiebig auf den Mund, befingert sie gierig und biegt sie schließlich wie ein Stück Fleisch nach unten, seine Hände grob in ihrem Nacken. Ab nun ist Eve endgültig befleckt und gebrochen. Der Gerichtsrat geht zufrieden ab, die anderen folgen gedemütigt.

          Weit hinten grinst in seinem Fauteuil der siegesgewisse nackte Adam. Sein Vorgesetzter wollte ihn nicht entthronen und tat all das Geschehene offenbar als Kavaliersdelikt ab. In Kleists Original verjagte Walter hingegen Adam, so dass Eve und Ruprecht heiraten konnten. Das mag schon vor über zweihundert Jahren – „Der zerbrochne Krug“ entstand 1806 und wurde 1808 in Weimar uraufgeführt – utopisch gemeint gewesen sein. Heute erachtet es der historisch kritische wie tiefenpsychologisch geschulte Regisseur Michael Thalheimer, dem alle Traditionen fragwürdig erscheinen, nur noch als zweifelhaft. Und so bleiben Eve und Adam nicht wie im Paradies zurück, sondern desillusioniert und entfremdet wie in der Hölle: Frau und Mann als unrettbare Opfer und Täter.

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