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Klavierfestival Ruhr : Kultur im sozialen Brennpunkt

Musik kann Kinder vieles lehren – aktiv und passiv. Bild: dpa

In Duisburg-Marxloh fehlen vielen Kindern nicht nur solide Deutschkenntnisse. Das Klavierfestival Ruhr leistet dort Basisarbeit in Bildungsfragen mit Bartók und Strawinsky.

          Wo es die größten Probleme gibt, wachsen manchmal die besten Bildungsprogramme. Der Duisburger Stadtteil Marxloh steht vor allem für Armutsmigration aus den südöstlichen EU-Ländern Bulgarien und Rumänien, was schon zum Wegzug eines Teils des türkischen Mittelstands geführt hat. Klankriege, Müllnotstand, überbelegte Schrottimmobilien, die irgendwann zwangsgeräumt werden, sind die medial sichtbaren Symptome. Dahinter steht ein Einbruch von im Kern nomadischen Kulturen der Sinti und Roma in die bürgerliche Stadtlandschaft. Diese Menschen haben europäische Pässe, meiden aber oft Behörden und Bildungseinrichtungen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          An den Schulen von Marxloh erscheinen daher die schwierigen Zustände vor zehn Jahren, da sechzig Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, jedoch solide Deutschgrundkenntnisse hatten, im Rückblick schon wieder als beinahe idyllisch. Inzwischen kommen nicht nur rund neunzig Prozent der Schulanfänger aus Migrantenfamilien, viele waren zudem nie in einem Kindergarten, und ihre Eltern sind oft Analphabeten. Doch das Klavier-Festival Ruhr, das gemeinsam mit Marxloher Musiklehrern seit zehn Jahren im Rahmen des Unterrichts Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts durchnimmt und aus ihrem Werk Schülerkonzerte und -tanzabende erarbeitet, hat seinen Einsatz unter der Intendanz von Franz Xaver Ohnesorg stetig erhöht. Wie hier mit Hilfe von Hochkultur präverbale Denk- und Erfahrungsräume eröffnet werden, die das Lernen überhaupt ermöglichen, das macht diese Kooperation zu einem Leuchtturm in der weiten bundesdeutschen Kulturförderungslandschaft.

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          Eine Schlüsselfigur auf Seiten der Pädagogen ist der Musiklehrer der Grundschule Sandstraße, Klaus Hagge, mittlerweile deren Rektor. Während der zwanzig Jahre, die Hagge in Marxloh unterrichtet, hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. In manchen Familien gebe es keine Zeit- und Raumorganisation, sagt Hagge, da sei es anzuerkennen, wenn ein Vater begreift, dass es für seine Kinder nicht gut ist, wenn er morgens nicht aufsteht und abends länger aufbleibt. Hagges Grundschüler lernen als Erstes Struktur, und zwar physisch-emotional.

          Etwa durch das Intervallsingen in Tonsilben, die relative Solmisation, begleitet von Handgesten, die die Höhe bezeichnen, außerdem durch das Memorieren von Rhythmen oder die tänzerische Vermessung des Raums. Hagge, der durchaus streng sein kann, besitzt natürliche Autorität. Auf sein Kommando kräht die Klasse lustig „so-la-la-mi“ oder skandiert „taa-taa-ti-ti-tiggitiggi“ und schlägt dazu den Takt. Solche Übungen schaffen die Voraussetzungen für sprachliches wie mathematisches Denken, weiß Hagge, der sich dabei auf die neurophysiologischen Forschungen des Musikmediziners Eckhardt Altenmüller berufen kann, der mit dem Klavier-Festival zusammenarbeitet.

          Musik lässt Kinder Geschichten erfinden

          Was Hagge mit seinen Mitstreitern vor Ort und vom Klavier-Festival verbindet, ist die Leidenschaft für anspruchsvolle Musik. Jedes Jahr steht ein Komponist des zwanzigsten Jahrhunderts im Mittelpunkt der Schülerarbeit, in diesem ist es Igor Strawinsky, in den beiden vorigen waren es Béla Bartók und György Ligeti. Das ist einerseits machbar, weil man mit Schulpflichtigen arbeitet, ohne deren eventuelle Vorlieben für Rap oder Hiphop bedienen zu müssen. Entscheidend ist aber auch das Engagement erstklassiger Musiker wie des Pianisten Fabian Müller, der mit seinem Kollegen Lorenzo Soulès Strawinskys Fassung seines „Frühlingsopfers“ für zwei Klaviere spielt, während Grundschüler, Gymnasiastinnen und Schüler der Förderschule für geistig Behinderte eine gemeinsam entwickelte Choreographie aufführen.

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