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Klavier-Festival Ruhr : Niemand hüstele hier im Zauberkreis!

Doppelt gespielt klingt noch besser: Lilya Zilberstein (vorne) und Martha Argerich in Essen Bild: Mark Wohlrab

Beim Klavier-Festival Ruhr sind zwei magische Abende zu erleben: Martha Argerich spielt zusammen mit Lilya Zilberstein, und András Schiff entlockt einem Hammerflügel die subtilste Musik.

          Eine der ungeklärten Fragen in der Musik ist die, wie die Farbe ins Klavier kommt. Drückt der Finger eine Taste, löst die eine Hebemechanik aus, die setzt einen Filzhammer in Gang, der auf zwei bis drei Saiten prallt. Wie sollen bei einem so langen, komplizierten Übertragungsweg verschiedene Klangfarben entstehen?

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Selbst die größten Pianisten, die spielerisch ganze Paletten von Farbnuancen in den Fingern haben - einen silbern glitzernden Diskant, eine sepiafarbene oder blaue Mittellage, einen dunkelroten oder schwarzen Bass -, selbst die können nicht genau sagen, wie das passiert. Und wenn alles nur Einbildung ist? Aber wie kommt es dann, dass ein vollbesetzter Konzertsaal, mehr als tausend Menschen, genau das Gleiche hören: silbern, blau, dunkelrot, im Augenblick?

          Martha Argerich macht sich rar

          Ein- oder zweimal in ihrem jüngsten Konzert in Essen, zum Abschluss des diesjährigen Klavier-Festivals Ruhr, bewegt Martha Argerich einen der Wunderfinger ihrer schmalen rechten Hand tremolierend rasch vor und zurück, es sieht aus wie ein Vibrato bei Geige oder Cello. Sie spielt „Nuages“ aus den „Trois Nocturnes“ von Claude Debussy in der Bearbeitung von Ravel (also eigentlich ein Orchesterstück). Die Taste ruht. Der Ton ist längst angeschlagen und erklungen. Trotzdem schwingt etwas nach. Später, nach dem Konzert, kommt ein Kollege mit einem tollen Kompliment: So sonderbar und einmalig kostbar habe er das nie gehört, ja, wie Edelsteine habe es geklungen, als sie den „Danse de la Fée-Dragée“ von Tschaikowsky gespielt habe, wie eine ausgeschüttete Handvoll Svarovsky-Kristalle. Wie habe sie das nur gemacht? Die Argerich lacht und nickt und dankt freundlich und zuckt verlegen die Achseln. Sie versteckt sich wieder hinter ihrer langen Mähne und wispert schnell: Ja, hm, ach, das wisse sie jetzt auch nicht. Sei halt so.

          Martha Argerich macht sich rar. Sie tritt nicht mehr solo auf, nur noch im Schutz von Freunden und Verwandten, im vierhändigen Spiel, mit Kammermusik. Sie zählt zu den großen Künstlern, die, von Natur aus eher schüchtern, zugleich absolut selbstsicher sind in ihrem Tun. Diesen Widerspruch muss sie aushalten, fürs Publikum aber ist er produktiv. Eigentlich regelmäßig kann man sie heute live nur noch bei ihrem eigenen Festival in Lugano erleben. Oder aber beim Klavier-Festival Ruhr, nun bereits zum achten Mal in Folge.

          Lärmender Familienspaß

          Hier fühlt sie sich wohl und umsorgt, dennoch panzert sie sich auch hier mit Freundschaft. Martha Argerich tritt an diesem Abend im Klavierduo auf mit ihrer Freundin und langjährigen Partnerin, der Pianistin Lilya Zilberstein. Deren Söhne, Daniel und Anton Gerzenberg, erst sechzehn und zweiundzwanzig Jahre alt, sind auch mit dabei. Letztes Jahr durften sie schon mal umblättern. Heute spielen sie mit.

          Sie spielen an zwei Klavieren zu acht Händen eine fetzige Allegro-energico-Sonate von Bedrich Smetana sowie einen Bauerntanz, ebenfalls von Smetana, Rondo, C-Dur. Ein lärmender Familienspaß, ein tolles, eher unsubtiles Vergnügen, das am Ende als Zugabe wiederholt wird. Zuvor hatte die beiden Frauen ihre hohe Kunst ausgebreitet. Sie beginnen mit einem Jugendstück, der Sonate D-Dur KV 381 von Wolfgang Amadeus Mozart. Sechzehn Jahre alt war Mozart, als er diese Sonate zum Hausgebrauch für sich und seine Schwester schrieb. Die Oper „Le Nozze di Figaro“ entstand erst vierzehn Jahre später, trotzdem spukt hier gleich im ersten Satz schon diese verdrehte Cherubino-Melodie herum, ein antizipiertes Selbstzitat, es singt: „Sagt, ist es Liebe? Die hier so brennt?“ So ist das mit dem Abschreiben in der Musik! Es funktioniert vorwärts ebenso gut wie rückwärts und ist durch kein Urheberrecht der Welt einzufangen.

          Das Publikum pfeift auf den Fingern

          Überhaupt hat es diese kleine frohe Sonate in sich. Argerich und Zilberstein spielen, Letztere oben, Erstere unten, fließend, leicht und selbstverständlich, dabei erlaubt sich Martha Argerich jede Menge Verzierungen in den Begleitfiguren beim langsamen Satz in der Wiederholung, und im Seitensatz, wo der Bass den Diskant verdoppelt, arbeiten sie gemeinsam leicht und klar den symphonischen Charakter der Musik heraus: So hat Mozart auch gern die Flöten durchs Fagott verdoppelt.

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