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Veröffentlicht: 19.05.2017, 19:34 Uhr

Klaus Maria Brandauer Ich möchte gern der sein, den ich spiele

Der Volksschauspieler bei Volkswagen: Klaus Maria Brandauer rezitiert in Wolfsburg Texte zur Freiheit. Seine Unberechenbarkeit ist wirkungsvoll wie eh und je.

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© Matthias Leitzke Ein Garderobier der Worte: Klaus Maria Brandauer bei seiner Freiheitslesung im alten VW-Kraftwerk in Wolfsburg

Brandauer bleibt Brandauer. Auch wenn die Theater nur noch Hüpfburgen aufbauen, Videospiele koproduzieren und Antidiskriminierungsflyer in Flughäfen verteilen – Brandauer wird Brandauer bleiben, er wird weitermachen wie bisher. Im alten Stil. Mit alter Verve.

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Im Rahmen von „Movimentos“, den kulturellen Festwochen der Autostadt Wolfsburg (deren Budget trotz der schweren Krise des VW-Konzerns nur geringfügig beschnitten wurde), ist er mit einer musikalischen Lesung zum diesjährigen Festivalthema „Freiheit“ aufgetreten. Begleitet vom Filmorchester Babelsberg rezitierte er vor über tausend Zuhörern anderthalb Stunden lang seine Auswahl von Freiheitstexten. Von Aischylos’ „Prometheus“ über Schillers „Don Carlos“, Heines „Wintermärchen“ und Büchners „Danton“ bis Kästners „Kleine Freiheit“ ging der literarische Parforceritt, unterbrochen jeweils von den säuselnden Klängen des Filmorchesters, die ein musikalisches Echo auf das zu geben versuchten, was Brandauer vorlas.

Texte als Kraftquellen seiner Leidenschaften

Vor spektakulärer Kulisse, im alten VW-Kraftwerk, dessen Südteil nur in den sechs „Movimentos“-Wochen als Veranstaltungsort genutzt wird, ansonsten leer steht, saß er im schwarzen Jackett und strich das Papier glatt, um dann plötzlich den Kopf zu heben, den Arm nach vorne zu strecken und loszulegen. Seine Texte vorzutragen mit jener Stimme, deren Melodie und Farbe so anziehend wirken, dass man ihr wohl auch dann noch gerne zuhören würde, wenn sie nur die Lottozahlen vorläse. Der österreichische Schmäh – immer leicht changierend zwischen Verführung und Verachtung –, die unvorhersehbaren Betonungen, die dauernd wechselnden Geschwindigkeiten und Tongebungen, mal nah am Singsang, dann wieder ganz im klassischen Deklamationsstil – monoton ist Brandauer nie.

Immer kommt noch ein Ausrufs-Tupfer hier, noch eine Pausen-Girlande da hinzu. Er ist ein Garderobier der Worte. Seine Stimme kleidet ihre Körper ein, schnürt das Mieder zu und setzt ihnen einen Reif auf. Manchmal überschlägt er sich dabei, verfällt in eine undeutliche Mischung aus Kreischen und Rufen. Bei „Prometheus“ zum Beispiel – „Ich dich ehren? Wofür?“ – und natürlich auch bei Schillers „Gedankenfreiheit“: „Ich aber soll zum Meißel mich erniedern / Wo ich der Künstler könnte sein?“ Ein Satz, bei dem Brandauer die Faust auf den Tisch knallt. Das ist sein Leitsatz. Seine Lebensdevise. Er ist kein „Fürstendiener“, keiner, der sich unterordnet, „kreuzt“, wie er nach der Vorstellung bei einer kurzen Begegnung sagen wird. Das ist Brandauer: einer, der in den Texten nach Selbstbestätigung sucht, sie zu Kraftquellen für seine Leidenschaften und Aversionen erklärt. Kein Interpret, sondern ein Inbesitznehmer.

Vielleicht der letzte Volksschauspieler

Deshalb kommen die Leute. Nicht wegen der Texte, sondern um Brandauer live zu hören, ihm, dem vielleicht berühmtesten deutschsprachigen Schauspieler seiner Generation, einmal ins Gesicht zu schauen. Der markante Leberfleck an der rechten Wange, die schmalen, spöttischen Lippen und leicht geschlitzten, kleinen Augen, die die starken Brillengläser durchfunkeln – fünfundsiebzig wird Brandauer im nächsten Jahr, aber noch immer strahlt er etwas Spitzbübisches aus. „Rampensau“ nennen ihn seine Kritiker verächtlich, einen, der immer nur sich selbst spiele, den „Größenwahnsinnigen“ gebe. Das kann man so sehen.

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