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Klassische Musik Lad' dir Ligeti als Klingelton runter

 ·  Wenn es ein Symbol für den Niedergang der Musikindustrie gibt, dann ist es der Handyklingelton. Inwischen gibt es auch klassische Musik fürs Handy: vom verzweifelten Versuch, sich eine Symphonie herunterzuladen.

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Wenn es ein Symbol für den Niedergang der Musikindustrie gibt, dann muss es der Handyklingelton sein. Vor ein paar Jahren, in Zeiten sinkender Umsätze mit dem Kulturgut Schallplatte, entdeckten die Marketingabteilungen der einst so stolzen Branche im Vertrieb von scheppernden Soundschnipseln eine neue Absatzmöglichkeit. Und nicht die geringste: 2004 sollen allein in Deutschland für rund 183 Millionen Euro Rock- und Popsongs als Klingeltöne verkauft worden sein; das wären immerhin zehn Prozent des Gesamtumsatzes auf dem heimischen Phonomarkt. Die akustische Umweltverschmutzung ist mobil geworden.

Jetzt bietet die Internetseite www.earsahead.com Klingeltöne zeitgenössischer Komponisten an, darunter so renommierte Künstler wie Heiner Goebbels, Bernhard Lang und Olga Neuwirth. Spekulieren nun also auch schon die Kollegen vom ernsten Fach auf das Geschäft mit dem Gebimmel? In diesem Fall kann Entwarnung gegeben werden: Hinter „Ears ahead“ steckt kein schwächelnder Großkonzern, der händeringend nach einem avantgardistischen Absatzmarkt im Klassiksegment suchte, sondern eine findige Künstleragentur aus Wien, die angesichts der akustischen Realität in U- und Straßenbahnen unseren klanglichen Alltag zumindest „etwas ästhetischer gestalten“ möchte.

Konservierte Musik boomt wieder

Aber natürlich hat die seit Jahren anhaltende Branchenkrise längst auch die Klassik erreicht. Während die Medien ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die Verwerfungen im Pop- und Rockbusiness richten, haben sich, weithin unbemerkt, auch die Produktion und der Vertrieb klassischer Musik grundlegend verändert. Der Rückgang aufwendiger Studioproduktionen zugunsten gelegenheitsgünstiger Konzertmitschnitte etwa wurde weitgehend stillschweigend hingenommen. Die penetrante Vermarktung einiger weniger Stars ist dabei nur der augenfälligste Ausdruck dieses Wandels - und noch nicht einmal ein echtes Novum, waren doch auch Herbert von Karajan und selbst Enrico Caruso zu ihrer Zeit schon begnadete Vermarkter in eigener Sache.

Immerhin: Es gelang der Branche nicht zuletzt mit Hilfe dieser Stars, den Umsatzanteil der Klassik über die letzten Jahre weitgehend konstant zu halten und zuletzt sogar auf 8,3 Prozent leicht zu steigern. Nach Angaben des Bundesverbandes der phonographischen Wirtschaft wurden in Deutschland 2006 (die Daten für 2007 liegen noch nicht vor) knapp elf Millionen CDs mit klassischer Musik verkauft; das entspricht einem Wachstum von fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch diese erfreulichen Zahlen täuschen über die drastischen Einbrüche der Jahre zuvor hinweg und ebenso über den Wandel, den das Geschäft mit konservierter Klassik derzeit erlebt. Längst ist klar: Die Überalterung des Publikums, der überschwemmte Tonträgermarkt und die steigende Relevanz des Onlinegeschäfts zwingen auch die Klassikabteilungen der Labels dazu, sich mit der Digitalisierung von Musik auseinanderzusetzen.

Illegale Downloads noch kein Problem

Dabei betrifft eines der großen Branchenprobleme - nämlich der illegale Download und damit auch die ideelle Entwertung von Musik - noch nicht einmal den Klassik-, sondern vor allem den Pop- und Rockbereich. Das dürfte auch mit dem Alter der jeweiligen Konsumenten zusammenhängen: Mehr als sechzig Prozent der Klassikkäufer sind über sechzig Jahre alt, ein weiteres Fünftel ist über vierzig; selbst die Freunde des deutschen Schlagers sind jünger und erst recht die zahlenden Popfans; mehr als ein Drittel von diesen ist unter dreißig und etwa die Hälfte zwischen dreißig und fünfzig.

Doch auf den legalen Onlinevertrieb ihrer Produkte kann auch die Klassikbranche nicht mehr verzichten. Seit der Computerhersteller Apple im April 2003 seine Internet-Handelsplattform iTunes eröffnete, auf der erstmals alle Rechteinhaber ihre Produkte anbieten wollten, verkaufte er darüber mehr als eine Milliarde Musiktitel. Mittlerweile sollen es täglich drei Millionen sein, und immerhin drei Prozent davon werden der klassischen Musik zugerechnet, Tendenz steigend.

Auch die Klassik muss online gehen

Auf das Onlinegeschäft kann auch die Klassikbranche nicht mehr verzichten. Ihre anfängliche Zurückhaltung aber hat einen guten Grund: Wie bislang noch jeder neue Tonträger von der Schellackplatte bis zur CD prägen auch die neuen Datenformate MP3 und, bei iTunes, MP4 ihren Inhalt entscheidend mit. Nicht nur zum Vorteil der Musik. Denn erstmals in der Geschichte der Phonographie brachte eine technische Neuerung keine klangliche Qualitätssteigerung mit sich, sondern im Gegenteil einen Verlust an Information.

Bedingt durch die für die Übertragung notwendige Datenreduktion, werden in den MP-Formaten ganze Frequenzbereiche ausgeblendet. Durchschnittliche Pophörer scheint das kaum zu stören, zumal der Verlust durch die sogenannte Kompression kompensiert wird, eine Pegelanhebung leiser Passagen und eine Pegelsenkung lauter Stellen. Diese akustische Verdichtung geht massiv auf Kosten der Dynamik, und schon befürchten Experten, dass die solcherart veränderten Hörgewohnheiten bald auch in der Klassik die Kompression notwendig machen. Das amerikanische Musikmagazin „Rolling Stone“ hat bereits den „Tod der High Fidelity“ verkündet.

Eine Frage der Organisation

Vorerst allerdings sorgt die Branche noch für eine entscheidende Qualitätssteigerung der Onlinemusik. Die Bitrate, also die Datenmenge zu einer Zeiteinheit, wird für immer mehr Klassiktitel von 128 auf 256 und teilweise sogar auf 320 Kilobit pro Sekunde angehoben. Damit erreicht virtuell vertriebene Musik beinahe schon den Informationsgehalt der CD - und wird erstmals auch für die audiophilen Klassikhörer interessant. Das Geschäft im Netz kann wachsen, und so bieten große Klassiklabels wie die Deutsche Grammophon und die britische EMI seit kurzem ihre Musik auch auf den eigenen Internetseiten an; kleinere Plattenfirmen, die sich den Onlinevertrieb in Eigenregie nicht leisten können, verkaufen weiterhin über iTunes, aber auch über neue Spezialseiten wie www.andante.com, die zum Teil sogar exklusives Material anbieten können.

Der Vorteil liegt hier wie dort darin, dass die Labels praktisch uneingeschränkt auf ihren Backkatalog zurückgreifen können. Viele ältere Aufnahmen sind aus Kostengründen nicht als CD auf dem Markt zu halten; als Audiodatei aber lassen sie sich ohne großen Aufwand ins Netz stellen, samt Cover, Begleittexten und Libretti im PDF-Format. Das Klassiklabel Harmonia Mundi wird eine Unzahl solcher lange vergriffener Titel demnächst in seinem neuen Katalog auflisten und damit erstmals entmaterialisierte Musik gleichwertig neben klassischen Tonträgern bewerben.

So steht einem attraktiven Onlineangebot der E-Musik nur noch ein logistisches Problem im Wege: Im Internet wird Musik selten nach dem ganzen Album, sondern vorwiegend nach Track gehandelt - im Pop also nach dem Song und in der Klassik nach dem einzelnen Satz. Das mag den Hör- und vor allem Kaufgewohnheiten der Pop- und Rockkonsumenten entsprechen, die sich für ihre iPods kunterbunte „Tracklists“ mit „Favorite Songs“ zusammenstellen. Beim Versuch allerdings, etwa eine Beethoven-Sinfonie in ihrer viersätzigen Gesamtheit per Download zu erwerben, führt diese Organisationsform der meisten Anbieterseiten noch zu einiger Verzweiflung.

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