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Klassikpreis Das Elend mit dem Echo

17.10.2010 ·  An diesem Sonntag Abend wird wieder der angeblich „renommierteste Klassikpreis der Welt“ vergeben. Ein Horror für alle, die ihn bekommen. Und für alle jene, die sich die Gala zu seiner Verleihung im Fernsehen antun.

Von Eleonore Büning
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Es gibt jede Menge Preise auf der Welt, die niemand haben will, aber direkt ablehnen geht auch nicht. Diese Preise sind in der Regel undotiert, sie kommen einfach zu spät oder zu häufig oder sie sind auch manchmal nichts wert, weil praktisch jeder so einen Orden einmal jährlich umgehängt kriegt. Oft sind die Trophäen dann auch noch so hässlich, dass man sie im Keller verstecken oder in der Garderobe stehen lassen muss. Einer der hässlichsten, bei den Preisträgern unbeliebtesten Preise der Welt ist der Echo-Klassik-Preis, der heute Abend in der Essener Philharmonie verliehen wird.

Echos regnet es immer Mitte Oktober, zur gleichen Zeit, wenn wieder die ersten Schokoweihnachtsmänner in den Supermärkten auftauchen. Klassische Musik teilt mit den Weihnachtsmännern das Schicksal, dass sie nur im letzten Quartal so richtig fett Umsatz macht. Warum das so ist, dass die Menschen, die das ganze, liebe, helle Jahr lang im schönsten Sonnenschein nur Schlager oder Hiphop oder guten, alten Rock’n’Roll an ihre Ohren lassen, plötzlich, wenn es kalt wird draußen und dunkel, von einem unstillbaren Verlangen nach Bach oder Schubert erfasst werden, das ist noch nicht ausreichend erforscht. Aber es ist empirisch bewiesen. Der Bundesverband Musikindustrie e.V. wird es jederzeit bestätigen können.

Ein Preis, dem man eher aus dem Weg geht

Die Echo-Trophäe wiegt fast zwei Kilo, sie ist aus Stahl, massiv, poliert und sieht aus wie ein aufgeschlitzter Reifen oder wie ein Gerät, mit dem sich sehr gut Reifen aufschlitzen ließen. Ich kenne Echopreisträger, die ihren Echo als Türstopper benutzen und andere, die anrufen und sich entschuldigen, dass sie ihn bekommen haben: „Wie peinlich. Tut mir leid. Hab schon wieder den Echo gekriegt.“ Die überwältigende Mehrheit der knapp 800 Preisträger der letzten 16 Jahre hat „ihren Echo“ (eigentlich müsste es grammatisch korrekt heißten: „ihr Echo“) gar nicht erst abgeholt. Ja, in der Klassikbranche kursieren unzählige lustige Geschichten darüber, wie Musiker es vermieden haben, diesen Preis zu bekommen oder damit klar kamen, ihn zu bekommen. Man könnte ein Büchlein damit füllen. Doch für eine anständige Reportage reicht das leider nicht aus, keiner möchte mit Namen erwähnt werden, es steckt einfach zu viel Geld darin, nicht direkt in dem Preis, aber doch dahinter.

Der Bundesverband Musikindustrie, vertreten durch sein Promo-Ärmchen, die sogenannte „Deutsche Phono-Akademie“, hatte den Echo-Klassik-Preis 1993 mitten in der ersten, onlinebedingten Strukturkrise erfunden, um sich selbst regelmäßig ermutigend auf die Schulter klopfen zu können. Laut Selbstauskunft ist der Echo heute der „renommierteste Klassikpreis der Welt“. Wenn das noch oft genug wiederholt wird, dann wird es eines Tages schon zutreffen. Vorläufig haben weder die Kollegen in Frankreich noch die in Großbritannien davon gehört. Dafür hat hierzulande immer noch der „Grand Prix du Disque“, den es lange nicht mehr gibt, einen sehr guten Klang, auch der Preis der Plattenzeitschrift „Repertoire“, beide standen für von Jurys evaluierte Qualität.

Das gilt auch für den Gramophone Award, der von den Kritikern der Zeitschrift „Gramophone“ verliehen wird. Sie sind nicht ganz so unabhängig von der Schallplattenindustrie, wie der 1993 vom Echo beiseite gedrängte, beim Publikum kaum bekannte, aber unter Musikern hoch angesehene „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“, den es auch schon seit 30 Jahren gibt. Der Gramophone Award lässt sich zumindest die Preisverleihungszeremonie indirekt von den Labels bezahlen, die für den stolzen Preis von 220 Pfund einen Verkaufstisch bei der Veranstaltung erwerben können. Beim Echo dagegen floss das Geld von Anfang an direkt. Zunächst wurden die Preise von den verbandsstärksten Major Labels untereinander verschoben, je nach finanziellem Einsatz. Seit 1998 gibt es auch beim Echo eine Jury mit vier Unabhängigen darin, aus Alibi-Gründen. Freilich musste dieses Alibi von den klassischen Independent-Labels, die im CLASS-Verband organisiert sind, erst zäh erkämpft werden. Trotzdem sind die Ergebnisse, die heute Abend präsentiert werden, dominiert von den Majorlabels, also von Sony Classical, EMI und der Universal.

Nicht ohne roten Teppich

Der oder das Echo wird also heute zum 17. Mal festlich verliehen, in 21 Kategorien, an 60 Preisträger, mit Abendkleid, Smoking, Prominenz und rotem Teppich. Von der Oscar-Verleihung, der sie stilistisch nacheifert, unterscheidet sich diese Zeremonie vor allem durch die Nichtanwesenheit der Künstler. Von den Prämierten schauen zum Beispiel nur elf persönlich vorbei, die 248 Nominierten sind nicht dabei. Und das, obgleich Thomas Gottschalk moderiert und das ZDF wieder Ausschnitte der Gala zeitversetzt im Late-Night-Programm überträgt. Es ist ja keineswegs so, dass klassische Musiker grundsätzlich zu ungeschickt, zu steifbeinig oder zu hochnäsig wären, um vor einem Millionenpublikum auftreten zu können. Im Gegenteil: Alle Musiker sind von Hause aus Priester oder Missionare, es gibt nichts Schöneres für sie als eine volle Hütte.

In einen Konzertsaal passen nur etwa 2000 Leute hinein, bei der nächtlichen Fernsehübertragung des Klassik-Echo hören bis zu zwei Millionen Leute zu. Trotzdem kommen zum Echo nur elf von 60 (oder 248), weil die Musikredakteure des ZDF all jene Künstler, die sie nicht kennen, gleich wieder aus der Preisträgerliste aussortiert haben. Es fehlt an Zeit, es fehlt an Interesse, es fehlt an Ahnung. Diese ZDF-Klassikfachleute hören sich keine Platten an, man sieht sie, im Unterschied zu Gottschalk, auch nicht in Konzerten. Jedoch haben sie in den vergangenen 16 Jahren schon öfters Echo-Preiskategorien nachträglich erfunden für Musiker, die sie unbedingt in der Gala dabei haben wollten, einfach, weil deren Name so bekannt ist, dass sogar ein öffentlich-rechtlicher FernsehMusikredakteur ihn schon mal irgendwo gehört hat.

Die Standardformel muss sein

Ein Beispiel ist die junge, wilde, moldawische Geigerin und Komponistin Patricia Kopatchinskaya, die im vorigen Jahr von der sogenannten „Jury“ einen Echo-Preis für ihr Bartók-Ravel-Album mit dem Pianisten Fazil Say bekam. Kopatchinskaya veröffentlicht ihre Musik bei dem kleinen, französischen Label Naive, das in Deutschland vom Vertrieb Indigo vertreten wird, der hauptsächlich Pop und Jazz im Programm hat. Man kann über die Sauberkeit der Bogenführung und ihre Grifftechnik geteilter Meinung sein, aber eines ist sicher: Kopatchinskaya hat den Blues im Blut. Sie ist jung, ehrgeizig, hübsch, hatte Zeit, zu kommen und wäre sicherlich gerne aufgetreten. Sie wurde nicht eingeladen. Dagegen kriegt Quotengeiger David Garrett, bei dem von Blues keine Rede sein, von Sauberkeit schon gar nicht, heute in Essen den zweiten Echo in Folge, er spielt auch wieder, in einer Kategorie, die nicht von der „Jury“ evaluiert, sondern irgendwann quotengerecht erfunden wurde, sie heißt: „Bestseller des Jahres“.

Möglicherweise stimmt es sogar, dass der DEAG-Geiger Garrett in den letzten zwölf Monaten mehr Platten verkauft hat als die DECCA-Sängerin Cecilia Bartoli (die auch wieder ausgezeichnet wird, aber nicht kommt). Aber noch wichtiger als das, was in der Vergangenheit verkauft wurde, ist für den Echo, was in Zukunft verkauft werden soll. Drei Prozent mehr auf dem Segment Klassik-Tonträger vermeldete der Bundesverband für das vergangene Jahr. Das ist ein viel zu geringes Wachstum. Also kommt die Standardformel bei den Klassikproduzenten der Majorlabels wieder zum Zuge, sie haben sie auswendig gelernt am ersten Tag ihres Marketing-Weiterbildungskurses, sie lautet: „Den (oder die) machen wir jetzt groß“. Ein Produkt wird erfunden, die Verbraucher dazu werden sich dann schon von alleine finden, wenn nur ein Weile aus allen Werbekanonen getrommelfeuert wird.

Mit Beethoven-Schnipsel als „Wegschalter“

Garrett selbst, der sich für eine große Nummer hält, weil er sogar beim Bundespräsidenten aufspielt, ist solch ein schönes Klassik-Retorten-Baby, dessen Ruhm eines Tages verlöschen wird, nämlich dann, wenn die DEAG ihm das Licht ausknipst.

Und nett muss das Produkt aussehen. Ein Manager (der natürlich nicht genannt werden darf), sagte kürzlich zu einem hoffnungsvollen jungen Musiker, höchst beeindruckt nach einem Konzert: „Du hast alles für eine richtig große Karriere, Dir fehlen nur noch lange Haare, lange Beine und zwei Möpse.“ Das ist kein Zynismus, nur rein geschäftlich und gut gemeint. Wenn man bei der Klassik-Echo-Gala das ausgeborgte Oscar-Getue abzieht und die Fernsehluft herauslässt, dann stellt man erstaunt fest: Es ist nur eine Kaffeefahrt.

Daran können Moderatoren verzweifeln. Maria Furtwängler, die drei Jahre lang die Echo-Ansagen machte, scheiterte auf ganzer Linie. Kein Charme, keine persönliche Aura überlebt das Aufsagen von immer denselben Werbeformeln. Ihrem Nachfolger Götz Alsmann ging es keinen Deut besser bei dem Versuch, Leben in diese stock-unauthentische Totentanzbude zu bringen. Ein weiteres strukturelles Problem der Echo-Gala ist der Umstand, dass klassische Musikwerke, pur dargeboten in Ausschnitten, seltsamerweise genau so funktionieren wie Commercials: Sie sind, im Fernsehjargon, absolute „Wegschalter“. Ein aus dem Kontext gerissener Satz einer Beethoven-Sonate etwa dauert nun einmal länger als die für den Zeit-Takt einer TV-Gala passenden eineinhalb Minuten. Ein Beethoven-Schnipsel, wie dekorativ häppchenverkürzt auch immer, verlangt vom Zuschauer tätiges Mithören.

Klassische Musik und Fernsehen

Gehört klassische Musik also gar nicht ins Fernsehen? Nein, so einfach ist das nicht. Das so viel klügere Internet hat längst gezeigt, wie klassische Musik zu einem absoluten „Hingucker“ werden kann. Diese Musik verlangt nur nach anderen Formen, als es die Verpopmusikalisierung der Medienwelt ihr in der Echo-Klassik-Gala zubilligt, mit all dem fernsehgerecht kurzgeschnittenen Gefiedel und der spießigen Gefühligkeit, all den auswendig gelernten Unglaubwürdigkeiten einiger weniger Gutaussehender. Diese Musik braucht einen anderen Atem, ein bisschen mehr Ehrlichkeit, Sachverstand, Konzentration und etwas Zeit.

Wenn, beispielsweise, ein Musiker wie Leonard Bernstein stundenlang dirigiert, probt, spricht und dabei wütet, leidet und leuchtet, wie neulich in einem Arte-Film wieder zu sehen, dann ist das unglaublich spannend. Niemand möchte da wegzappen. Wenn Garrett dagegen beim Echo die Titelmelodie aus „Fluch der Karibik“ vorsägt, oder Lang Lang Schumanns „Träumerei“ klimpert, will der Zuschauer doch schon mal schnell gucken, was es anderswo gibt. Mit Recht. Und großartige Musiker wie Nikolaus Harnoncourt oder Cecilia Bartoli, Tabea Zimmermann oder Christian Zacharias, die sonst in allen Medien prima rüberkommen, bleiben heute Abend weg, nicht nur, weil sie aussortiert wurden, auch, weil sie sich nicht zu Klassikschnitzeln verarbeiten lassen wollen. Zu Recht.

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Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

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