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Klangkünstlerin Antye Greie : Wir sind auch gut in Moskitos!

  • -Aktualisiert am

Aus der lärmenden Techno-Szene Berlins in die Stille und Einsamkeit der finnischen Insellandschaft von Hailuoto: Antye Greie beim Soundcheck Bild: Antye Greie

Die Multimedia-Künstlerin Antye Greie zeigt Kindern auf der finnischen Insel Hailuoto, wie man die Welt mit den Ohren entdeckt. Wind, Wald, Schnee und Wellen liegen vor der Tür, und für den Klang eines Traktors gibt es eine App.

          Antye Greie ist Klangkünstlerin, Musikerin, Dichterin. Sie ist umgezogen in ihre Wahlheimat ans Ende der Welt. Die Insel, sie heißt Hailuoto, liegt eine halbe Fährstunde vor der finnischen Westküste, nicht einmal zweihundert Kilometer vom Polarkreis entfernt. 999 Einwohner, vier Ausländer. Greie ist eine der vier, sie mischt jetzt die Kulturszene der Insel auf, mehr noch, sie hat diese Insel in einen internationalen Magneten für Gegenwartskunst verwandelt.

          Greie sitzt im „Lab“, ihrem Arbeitsraum im Dorfkern, mitten auf der Insel. Der Raum ist durchzogen von Kabeln. Auf zwei Tischen iPads, Laptops, Synthesizer, Boxen, aus denen runde Klänge kommen, Rauschen, Surren, Bässe, Peaks. Vor dem Fenster ein Parkplatz, der zu einem von zwei Supermärkten auf der Insel gehört, daneben die Inselbank. Dahinter beginnt der Wald: dichte, dunkle Märchenkiefern, dazwischen grasgrüne, luzide Birkenblätter. Antye Greie trägt einen praktischen Parka und einen langen Zopf. Sie sei aufgewachsen im „Tal der Ahnungslosen“, in der DDR, sagt sie. Später zieht sie nach Berlin. Erlebt in den Neunzigern, wie Clubs in die leer stehenden Bauten in Ostberlin ziehen, die zu Schutzräumen für die Techno-Szene werden. Sie macht Musik, spielt in Clubs, jettet um die Welt. Bis sie müde wird, keine Lust mehr hat auf die Szene.

          „Pad Boys“ und „iGirls“

          Auf Hailuoto gibt es keine Clubs, nicht mal ein Kino. Der Wind ist da, Stimmen aus dem Wald, aus dem Meer. Für Greie ist die Natur der Stoff für ihre Arbeit: „Meine Idee war, in die Natur zu gehen und mit digitalen Mitteln Musik zu machen. Erforschen, wie sich das anfühlt: Im Wald zu sitzen und Beats zu machen, ja, wie fühlt sich das an?“ Das kann wohl nur jemand verstehen, der dort ist, in diesem „space“, wenn man zwischen Kiefern und Preiselbeersträuchern auf silberfarbenen Flechten sitzt, wo es nach Moos riecht und nach dem salzigen Wind vom Meer. „Ich habe gemerkt, es geht nicht darum, das aufzuzeichnen und irgendwem in der Stadt vorzuspielen. Man muss es hier gemeinsam machen.“

          Das ist auch die Grundidee von „Hai Art“, Greies künstlerischem Multi-Media-Projekt mit Klanginstallationen in ungenutzten Gebäuden, im Wald oder am Strand. Sogar die Fähre zum Festland ist für sie zur Bühne geworden. Das lockt nicht nur finnische Städter an, auch andere Künstler und Komponisten aus Deutschland, Kanada oder Mexiko. Sie kommen zu Besuch nach Hailuoto oder als „artists in residence“, erste Anlaufstation ist für alle immer das Lab - ebenso für die Kinder der Insel, die nach der Schule herkommen, um Musik zu machen.

          Am Boden sitzt Topias, zwölf Jahre, ein iPad auf dem Schoß. Er bewegt seine Finger auf dem Touchscreen und entlockt dem Gerät Töne. Topias ist einer der „Pad Boys“, die neben den „iGirls“ zu einem Vorzeigeprojekt von Hai-Art gehören, zum iPad-Orchester: Kinder zwischen sechs und sechzehn arbeiten mit speziellen Soundprogrammen, die Greie entworfen hat, und erfinden auf dem Touchscreen ihre eigene, neue Musik. „Wir spielen auch live, wie eine richtige Band“, sagt Topias. „Gitarre, Bass und one two three four . . .“ Greie, neben ihm, sucht an einem Rechner ein paar Demo-Videos heraus und freut sich: „Ich glaub’, so was gibt’s nur in Hailuoto! Dass Kinder Originalmusik schreiben in Gruppen - eine Weltsensation!“

          Kunstprojekte mit Szenegrößen

          Die Technologie, sagt sie, sei doch eigentlich simpel. Zum Beweis öffnet sie am iPad die Sounddrop-App. Auf dem Bildschirm flimmern Punkte, die Greie mit dem Finger verbindet. Die entstehenden Linien klingen absteigend oder aufsteigend, je nachdem, wie sie gezogen werden. Man kann kreisförmige Verbindungen herstellen oder die Konstruktion drehen, bis sie aussieht wie eine chemische Verbindung. „Elektronische Musik hat Soundwellen, jede klingt anders“, sagt Greie. Deshalb seien die musikalischen Möglichkeiten unerschöpflich.

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