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Kindertheater : Emil und die Direktive

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Klassiker für Kinder: Im „Grips”-Theater spielte der spätere „Tatort”-Star Axel Prahl (r.) Bild: picture-alliance / dpa

Arme Würstchen in Schalke-Kluft, Hauptschulen in Bewegung und politisches Erzähltheater: Ein Überblick über das neuere deutsche Kinder- und Jugendtheater, das auch schon sechzig wird.

          Paul ist verschwunden. Nur die Schirmmütze, auf der sein Name steht, liegt immer irgendwo auf der Bühne herum. Oder sein Vater hat sie sich übergestülpt, damit er die Welt mal mit Pauls Mütze sehen kann. Denn Paul ist ein Trennungskind, bei der Übergabe an jedem zweiten Wochenende gehen sich die Eltern tunlichst aus dem Weg. An seinem zehnten Geburtstag ist allerdings alles anders: Weil Paul die Zeit vergessen hat, stecken alle fest in einer Zeitschleife. Vater und Mutter müssen sich arrangieren: miteinander, mit einem sprechenden Klappstuhl, einer sprechenden Stehlampe und einem Geburtstagskuchen, doch ohne Geburtstagskind. Denn Paul bleibt verschwunden.

          Es weht der Zeitgeist halt auch im Kinder- und Jugendtheater wie hier im neuen Stück „Paule“ von Carsten Brandau, das Ende letzten Jahres mit dem Preis der Frankfurter Autorenstiftung ausgezeichnet und bisher noch nicht uraufgeführt wurde. Jenseits vom Weihnachtsmärchen, mit dem das Zeitalter des sogenannten kindgerechten Schauspiels an deutschen Theatern um 1854 eingeläutet wurde, bevor von 1946 an eigene Spielstätten für junge Theaterstücke entstanden, geht's inzwischen auch um Trennung und Tod, Außenseiter, Gewalt, Krieg, Liebe und Sexualität.

          Sie meinen es zu gut

          Die Autoren meinen es gut in dem Stück „Crap!“ von Stefan Ey über zwei sinnentleert konsum- und klamotteninfizierte Schülerinnen, die einen Obdachlosen vergiften, weil sie die „Star Mall“ in ihrem Einkaufszentrum vom „menschlichen Außenseiter-Müll sauberhalten“ wollen. Sie meinen es gut in dem politischen Erzähltheater „Zabibi und Muzalifa“ von Bente Jonker, in dem zwei afghanische Jugendliche im pakistanischen Flüchtlingslager ihre traumatische Vergangenheit durchspielen, darüber neue Hoffnung schöpfen. Sie meinen es zu gut in dem Stück „Was heißt hier Liebe?“, seit 1976 vom Berliner „Rote Grütze“-Theater immer wieder in neue Fassung gebracht, in dem zwei Jugendliche das Vokabular der Sexualität sozusagen von Alpha bis Omega durchbuchstabieren: von A wie Arsch, der auch als eigenständige Figur auf der Bühne herumwabbeln darf, bis O wie Orgasmus, der im Finale als „Orgi-Doppelwesen“ seinen Höhepunkt hat. Ob's Jugendliche, die sich im heute freizügigen Klima fast schon erkälten, wirklich noch so genau wissen wollen?

          Im Jahr 1946, als in Leipzig mit dem „Theater der Jungen Welt“ das erste deutsche Kinder- und Jugendtheater seine Pforten öffnete, gefolgt von Dresden („Theater Junge Generation“, 1949) und Ost-Berlin („Theater der Freundschaft“, 1950, heute: „Theater an der Parkaue“), wollte man jungen Menschen in der traumatisierten Nachkriegswelt Orientierungshilfe geben. Die Stücke hatten neben dem pädagogischen zudem den ideologischen Anstrich, der auf die sowjetischen Besatzer zurückzuführen war, die das Kinder- und Jugendtheater erstmals 1918 in Moskau auf die Bühne gebracht hatten. Neben Klassikern wie Erich Kästners „Emil und die Detektive“, „Robinsons Abenteuer“ nach Daniel Defoe oder „Tom Sawyers großes Abenteuer“ in der Fassung von Hanus Burger und Stefan Heym standen das mexikanische Befreiungskriegskinderdrama „Pablo der Indio“ von Anneliese Eulau, W.A. Ljubimowas Rassismus- und Amerika-Kritik „Schneeball“ oder das Pioniere-Stück „Das rote Halstuch“ von Sergej Michalkow auf ostdeutschen Spielplänen.

          Die Klassiker stehen Pate

          Im Westen, wo 1948 das Nürnberger Staatstheater, 1953 das Dortmunder Schauspiel und das „Theater der Jugend“ in München (das erste mit eigenem Ensemble) ihre Kinder- und Jugend-Spielstätten öffneten, gab's zunächst Märchen und Jugendabenteuer zu sehen wie „Peterchens Mondfahrt“, „Der silberne Pfeil“, „Der kleine Lord“.

          Eine wichtige Inspirationsquelle des Kinder- und Jugendtheaters in West und Ost war die internationale Reformpädagogik-Bewegung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Kind als Persönlichkeit ernst nehmen, auch auf der Bühne, forderten zudem Autoren wie Walter Benjamin („Programm eines proletarischen Kindertheaters“, 1928) oder Erich Kästner („Die Klassiker stehen Pate - Ein Projekt zur Errichtung ständiger Kindertheater“, 1946). Walter Benjamin wollte Kinderdarsteller auf der Bühne sehen, die eigenständig Spielvorgänge und Lösungsansätze improvisieren und revolutionäre Kräfte entwickeln - eine Idee, die ansatzweise bereits im proletarischen Jugendtheater der frühen zwanziger Jahre umgesetzt worden war und die von 1968 an im studentenbewegten und antiautoritär beeinflußten Mitspiel- oder Mitmach-Theater wieder aufgegriffen wurde.

          Kinder dürfen mitreden

          Das Wir-Gefühl und Durchsetzungsvermögen bei Kindern stärken wollte man etwa im Berliner „Grips“-Theater, aus dem sich 1973 das „Rote Grütze“-Theater löste. In Stücken wie „Trummi kaputt“, „Darüber spricht man nicht“ (1973) oder „Mensch, ich lieb dich doch“ (1980) waren die jungen Zuschauer Ko-Autoren und Akteure in einer eigens umgebauten Theater-Arena. Im „Grips“-Theater erkannte man jedoch schnell die Grenzen dieser Spielform und besserte nach. Dort dürfen Kinder heute noch vereinzelt mitreden und -spielen - jedoch nur bei übersichtlicher Zuschauerzahl und unter pädagogischer Anleitung, und auch im „Rote Grütze“-Theater steht mit „September hat Zeit“ gerade wieder ein Mitmach-Stück auf dem Spielplan.

          Neue Impulse setzten beide Häuser zudem mit ihren sogenannten neorealistischen Theaterstoffen. Autoren wie Volker Ludwig, Christian Sorge oder Detlef Michels holten in „Ein Fest bei Papadakis“, (1973) oder „Das hältste ja im Kopf nicht aus“ (1975) Themen wie Ausländerfeindlichkeit oder die schwierige Jobsuche unter Hauptschulschülern - und damit die Realität - auf die Bühne. Die Stücke, die auch im Ausland Anklang fanden, haben das heutige Kinder- und Jugendtheater nachhaltig beeinflußt, auch wenn inzwischen wieder phantastische Figuren wie sprechende Klappstühle oder Stehlampen mitreden dürfen.

          Kindertheater als Stiefkind

          „Wenn Erwachsene für Kinder spielen, kommt Lafferei heraus“ - der Satz von Walter Benjamin sitzt Schauspielern dabei im Nacken: Das Kinder- und Jugendtheater gilt als Stiefkind, an Schauspielschulen wird's belächelt, nicht behandelt, Schauspielpädagogen raten angehenden Kindertheaterdarstellern zum raschen Absprung ins „Erwachsenentheater“ - bevor es zu spät sei. Moniert wird einerseits die oft einfache, mehr herein- als herausfordernde Alltagssprache, in denen viele Stücke geschrieben sind; andererseits wirken die Figuren oft eindimensional, flachbrüstig: Sie funktionieren dem Stückthema gemäß, indem sie ihren Horizont erweitern, etwas dazulernen, haben innerlich aber kaum Luft, um ihren Charakter auch zum Atmen zu bringen.

          Wie lebendig die Figuren dennoch sein können, zeigen zwei Produktionen des Mannheimer Schnawwl-Theaters, beides Ein-Frau-Stücke: In Paul Maars Erzähl- und Objekttheaterstück für Vier- bis Sechsjährige „Von Maus und Mond oder Wer ist hier der Größte?“ läßt die Schauspielerin Verena Saake als bunt gemusterte Inuitfrau Lea eine Teetasse als Mond, eine Teekanne als Sonne am imaginären Himmel auf- und untergehen. Mit ihren langen Zöpfen spielt sie Maus, mit ihren zu Fäusten geballten Händen streitende Inuitjungen. Und tritt so mit einfachen Mitteln den poetischen Beweis an, daß die Sonne immer noch die Größte und die Maus die Stärkste ist.

          Steht auf, wenn ihr Schalker seid

          Als halbstarker Schalkefan Chrissi wischt Angelika Baumgartner abends dann vor Jugendlichen Tische und Tresen im Casino-Werkhaus, einer kleinen Kneipe, die etwa vierzig Zuschauer faßt. In Jörg Menke-Peitzmeyers Solo „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ (alternative Fassung: „Steht auf, wenn ihr Borussen seid“) macht Chrissi - einbetoniert in blauweißer Pudelmütze, blauweißer Gesichtsschminke, Jeansjacke, Schals und einer Unmenge aus Schalkebuttons - herumschnauzend und Schalkelieder gröhlend klar, warum das Wort „Fan“ von Fanatismus kommt und welch einsames, armes Würstchen eigentlich hinter all der Maskerade steckt.

          Vielseitig auch die Jugendclubs und Sonderprojekte, die viele Theater inzwischen anbieten. Am Bochumer Schauspielhaus, das sein Kinder- und Jugendangebot zur Spielzeit 2005/06 auf drei Neuinszenierungen pro Spielzeit ausgeweitet hat, wird zur Zeit die „Hauptschule in Bewegung“ gesetzt: Fünf Gruppen aus verschiedenen Hauptschulklassen erarbeiten separat ein Theaterstück, Bühnenbild, Tanz, Musik und Regie zum Thema „Utopie, Visionen, Träume“. Beim Projekt „Iphigenie Königskind“ dürfen neben Kindern auch Eltern und Großeltern mitspielen: Der Weg vom Familientreffen zum gemeinsamen Schauspielhausbesuch ist nicht weit, zumal dort gerade Goethes „Iphigenie auf Tauris“ läuft.

          Im Leipziger „Theater der Jungen Welt“ werden andere „Brücken gebaut“: Hier treffen ausländische und deutsche Jugendliche zum Erzählen und Improvisieren aufeinander, ein gemeinsames Vorhaben mit dem Schulmuseum führt außerdem auf „Jüdische Spurensuche in Leipzig“, woraus eine Szenencollage entstehen soll. Das „Theater an der Parkaue“ in Berlin, das derzeit größte deutsche Kinder- und Jugendtheater mit drei Spielorten, spürt derweil in seiner Reihe „Meilen & Meer“ auf spielerische Weise fremden Kulturen und ihren alten Festen und Ritualen nach. Das künstlerische Interesse der Zuschauer von morgen schon heute wecken - darin sehen die etwa einhundertvierzig öffentlichen, freien und privaten Spielstätten für Kinder und Jugendliche, die es in Deutschland derzeit gibt, auch nach sechzig Jahren ihren Sinn. Gemäß Kästners Wort: „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“

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