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Veröffentlicht: 14.05.2017, 23:04 Uhr

Französische Barockoper Ein Flossenwesen unter Starkstrom

Die Tanzlegende Lucinda Childs verlebendigt in Kiel die französische Barockoper „Skylla und Glaukos“. Mit fesselnden Kontrasten erzählt die Aufführung von einem fatalen Kampf.

von Jürgen Kesting
© Olaf Struck Circe (Tatia Jibladze, links) mit Dorine (Marie Sophie Richter)

Die Oper sei „die Vereinigung der bildenden Künste mit der Poesie, der Musik mit dem Tanz, der Optik mit der Mechanik“ – ein „spectre universel“. Das schrieb der französische Theater-Historiker Durey de Noiville 1757 in seiner Theatergeschichte der Pariser „Académie Royale de Musique“. Solch ein „Gesamtkunstwerk“ hat die amerikanische Tanzlegende Lucinda Childs nun für die Kieler Oper in Szene gesetzt: „Skylla und Glaukos“ von Jean-Marie Leclair, uraufgeführt 1746 und nach nur achtzehn Aufführungen von der Bühne verschwunden. Das Werk wurde erst 1979 in London von John Eliot Gardiner konzertant wiederaufgeführt, 1986 an der Oper von Lyon szenisch aufgeführt und 1988 auf CD herausgebracht.

Der Librettist, ein Monsieur d’Albaret, griff für seine Flickschusterarbeit auf Figuren und Motive aus Ovids „Metamorphosen“ zurück. Der lange Prolog, in dem wenig gesungen, aber viel getanzt wird, berichtet von den Töchtern des Propoetus, die sich der Venus als einer „falschen Göttin“, widersetzen. Venus steigt vom Himmel herab (anno 1746 mit einer Flugmaschine), huldigt en passant einem „Roi puissant“ (Ludwig XV.), beschwört die Freuden der Liebe und entsendet ihren Sohn Amor nach Sizilien, um auch die Nymphe Skylla, die alle Bewerber von sich weist, zur Liebe zu bekehren.

46360875 © Olaf Struck Vergrößern Liebe mit fatalem Ende: Glaukos (Valdemar Villadsen, Mitte) und die Nymphe Skylla (Mercedes Arcuri)

Die fünf Akte der Oper erzählen eine fatale Geschichte: vom Kampf zwischen der schönen Nymphe und der Zauberin Circe um den Meeresgott Glaukos, der am Ende erleben muss, dass Skylla auf einen Felsen in der Meerenge von Messina versetzt wird – gegenüber den schäumenden Strudeln des Meerungeheuers Charybdis. So schematisch das Libretto auch gewoben ist, so fesselnd sind die musikalischen Kontraste der Oper: eine lebendige französische Ouvertüre, feine Tanzmusiken, mächtige Chorszenen, eindringliche „symphonies“, effektvolle Sturmmusiken (etwa ein „Bruit de tonnerre“), eine brillante Faktur des Streichersatzes und ein ungewöhnlicher Reichtum der Gesangspartien, die Leclair im Sinne einer „réunion des goûts“, einer Vereinigung der Stile, mit virtuosen Elementen der italienischen Musik anreicherte. Gerade in der kolossalen Partie der Circe verbindet Leclair dramatische Deklamation mit affektaufgeladenen Koloratur-Éclats. Wer die Phantasie hat, eine Sängerin in einer Partie zu hören, die sie nie gesungen hat, mag in der Partie der Circe eine Callas-Partie erahnen.

Eine solche Imagination konnte die georgische Mezzosopranistin Tatia Jibladze zumindest heraufbeschwören, gerade wenn sie sich in der fesselnd-schaurigen „Invocation“ der liebeswahnsinnigen Rächerin an die „Noires divinités“ wendet. Die beiden Titelfiguren sind anmutig-elegisch gezeichnet. Für die Partie der Skylla brachte die argentinische Sopranistin Mercedes Arcuri eine anmutige Erscheinung und einen aparten, zu Beginn nicht immer ganz frei klingenden lyrischen Sopran mit. Die Partie des Glaukos hat Leclair für Pierre de Jélyotte geschrieben, einen sogenannten „haut-contre“ mit einem ätherisch-hellen Stimmklang (wie er etwa in den Aufnahmen des jungen Nicolai Gedda zu hören ist).

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Der technisch-stilistisch sehr versierte dänische Tenor Valdemar Villadsen tat sich zunächst nicht leicht mit der vokalen Equilibristik, steigerte sich aber, gerade in der Verzweiflungsszene des Finales, auf eindringliche Weise. Der tschechische Dirigent Václav Luks setzte die Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters unter Starkstrom, gerade bei den vielen dramatischen Affektwechseln. Die Partitur für die Kieler Aufführung ist aus den Quellen neu erstellt worden von den Philologen im Centre de Musique Baroque de Versailles.

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Bereits bei der Uraufführung 1746 wurde „Skylla und Glaukos“ als Anachronismus empfunden – als eine vom Blei der Konventionen beschwerte „tragédie lyrique“, die in der Tat schon bald der volkstümlichen Oper weichen musste. Der regieführenden Choreographin Lucinda Childs und dem Ausstatter Paris Mexis ist es gelungen, die zeremonielle Künstlichkeit preziöser höfischer Kunst vorzuführen wie ein zauberisches Andenken hinter Glas. Die phantasievoll kostümierten Figuren – Glaukos, der „Blauglänzende“, erscheint als weißbärtiges, blau kostümiertes und bemaltes Flossenwesen – bewegen sich in einer mythisch-phantastischen Szene mit stilisierten Bäumen, dunklen Grüften und maritimen Formen oder Chiffren. Auf spielerische und unterhaltsam verspielte Weise wird deutlich, dass sich in dieser Geschichte einer Liebe und der finalen Verwandlung eine Erzählung über menschliche Hybris verbirgt. Das Publikum dankte mit jenem eher stillen Beifall, dessen sich Künstler am stärksten freuen.

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