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Keith Jarretts Quartett 1979 : Der aufgeweckte Schläfer

  • -Aktualisiert am

Tokio Hotel? Keith Jarrett war dort 1979 primus inter pares Bild: ECM

Dreiunddreißig Jahre schlummerte eine Quartettaufnahme mit Keith Jarrett und Jan Garbarek im Schallarchiv. Jetzt kann man sie wieder hören: als Jazz-Gesamtkunstwerk.

          Im Jahr 1974 kam in Deutschland eine Langspielplatte heraus, die sofort und weltweit Aufsehen erregte: „Belonging“, eingespielt von dem norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek, dem amerikanischen Pianisten Keith Jarrett, dem schwedische Bassisten Palle Danielsson und dem norwegischen Schlagzeuger Jon Christensen. Gespielt wurden Kompositionen von Jarrett, der schon deshalb als Leiter des Projekts galt. Er war aber auch, obwohl das imageerhöhende „Köln Concert“ noch bevorstand, der erfahrenere und weltläufigere Künstler und zum Beispiel an vieldiskutierten Rock-Jazz-Fusionen von Miles Davis und Charles Lloyd beteiligt. Auf Garbarek hatte er aber schon Auge und Ohr geworfen. ECM-Chef Manfred Eicher arrangierte dann alles.

          „Belonging“ wurde bewundert, zitiert, kopiert. Der rasante Titel „The Windup“ wurde fast so etwas wie ein Jazz-Hit, weitere Platten erschienen, das Quartett bestand bis 1979. Und aus jenem Jahr bringt ECM nun einen Konzertmitschnitt, aus einem Hotel in Tokio, heraus, der jetzt die Musikwelt erregt - gleichgültig, ob jemand ein dreiunddreißigjähriges Gedächtnis hat oder zum ersten Mal auf dieses opulenteste Zeugnis der Gruppe stößt: eine Doppel-CD mit mehr als hundert Minuten Musik.

          Eicher hatte es eher zufällig beim Abhören alter Archivbänder wiederentdeckt. Vorgesorgt für eine eventuelle spätere Veröffentlichung hatte er allerdings insofern, als er seinen Toningenieur, Jan Eric Kongshaug, den Architekten des ECM-Sounds, extra für die Aufnahme einfliegen ließ. Der mischte jetzt auch das historische Werk für die Veröffentlichung ab, so dass Nachsicht gegenüber einer eventuellen technischen SiebzigerJahre-Patina überflüssig ist.

          Mit weiteren Substanzen des Themas gefüttert

          Das erste Stück, „Personal Mountains“, einundzwanzig Minuten lang und wie alle anderen von Jarrett komponiert, mag zunächst für vieles, wenn auch nicht alles stehen, was den Kosmos dieser Künstler ausmacht. Das kantig schöne Thema mit seinem gebrochenen Rock-Rhythmus wird gleich in eine ziemlich wilde Klavierimprovisation überführt, die genialisch mit den harmonischen, aber auch melodischen Vorgaben des komponierten Teils umgeht. Das Solo strotzt vor Energie, Einfällen und technischer Brillanz.

          Aber fast noch berückender, wahnsinniger und ungewöhnlicher ist das, was Jarrett unter dem dann folgenden Solo von Garbarek macht: Er füttert nämlich den Solisten unablässig mit weiteren Substanzen des Themas und schafft damit eine unglaublich „logische“ Dichte dieses Gesamtkunstwerks aus Planung und Improvisation. Gerade bei diesen Passagen wird man an Jarretts Behauptung erinnert, bei seinen gefeierten Auftritten als Solist am Flügel gehe er mit entleertem Kopf an die Arbeit und spiele aus der Eingebung des Augenblicks. Das konnte man so recht nicht verstehen, da in diesem Kopf ja Klassik, Neue Musik und die ganze Jazzgeschichte in ziemlich einmaliger Fülle versammelt waren (und sind), war wohl auch nicht wörtlich gemeint, eher so, dass er sich vor einem solchen Auftritt keinerlei Plan machte.

          Eine Art surrealistischer Choralbearbeitung

          Bei Jarretts Begleitungen von Garbarek hat man aber tatsächlich das Gefühl, sie kämen aus einem kopflos gesteuerten Unterbewusstsein mit eigenem Triebleben. Später lässt er Garbarek dann allein, und man kann sich voll auf diesen Ton des Tenorsaxophons einstellen, in dem so wundervoll Sinnlichkeit, Jubel und Schmerz ihre Tiefendimensionen demonstrieren. Machtvoll setzt sich danach die Rhythmus-Fraktion Bass-Schlagzeug mit ihrem komplex synkopischen, gleichwohl driveintensiven Duett in Szene, und für die letzten sieben Minuten geht das Stück in einen sanften langsamen Walter über, in dem Poesie, lange Töne und feines Girlandenspiel eine ganz neue Herrschaft errichten.

          Im weiteren Verlauf dieses phänomenal gestaltenreichen Kunstwerks erleben wir „Innocence“, das in seiner lieblichen Sanglichkeit und nicht zuletzt durch den jenseitigen Ton von Garbareks Sopransaxophon eine Art surrealistischer Choralbearbeitung sein könnte. Oder „So Tender“, in dessen ekstatischem Aufbau Garbarek bis zu Coltranes „sheets of sound“ als höchstem Ausdrucksmittel vorstößt.

          Zwischen Kontemplation und Bewegungslust

          Das fast eine halbe Stunde währende „Oasis“ ist wieder eine ganz andere Welt. Außer Palle Danielsson spielen hier alle auch folkloristische Perkussionsinstrumente, vorzugsweise kleine Trommeln, Garbarek dazu noch eine kleine Flöte und später seine beiden Saxophone. Ein Wunderwerk atmosphärischer Entwicklungen, afrikanischer Mystik und Polyrhythmik ist dieses erzählintensive Märchen ohne Worte, auf Wanderschaft zwischen Kontemplation und körperlicher Bewegungslust. Als Zugabe spielte das Quartett im Tokioter Hotel das Stück, das dem anfangs erwähnten „Windup“ am nächsten kommt: „New Dance“, das Jarrett in einem Gespräch mal mit „Vitalität und Liebe zum Leben“ charakterisierte.

          Dieses nun erstmals veröffentlichte Werk wird schon mit Superlativen beschwärmt. Der Kritiker Phil Johnson beendete seine Besprechung im „Independant On Sunday“ mit der Aufforderung: „Spiel es immer wieder, für den Rest deines Lebens.“

          Keith Jarrett Jan Garbarek Palle Danielsson Jon Christensen, Sleeper; Tokio, April 16, 1979. ECM 2290/91 (Universal)

          Quelle: F.A.Z.

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