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Fragen Sie Eleonore Büning : Worin unterscheidet sich katholische von protestantischer Kirchenmusik?

Zum Himmel Empor: Die neue Orgel in der evangelischen Martinskirche in Kassel. Zu kommenden Pfingstsonntag soll sie eingeweiht werden. Bild: dpa

Das ist doch die richtige Frage zum Lutherjahr: Sind Katholiken und Protestanten im musikalischen Lob des Herrn ökumenisch vereint oder nicht? Die Antwort mag überraschen.

          Eine Lutherjahrfrage! Endlich! Hoffentlich haben Sie nicht alles für bare Münze genommen, was es dazu in den letzten fünf Monaten so zu lesen gab. „Der Protestant sang, der Katholik eher nicht“, schrieb, zum Beispiel, im Januar die „Welt“. Wobei das einschränkende Adverb verrät, dass selbst der Autor irgendwie das Gefühl hatte, er plappere etwas Halbgares nach. Tragen die katholischen Priester ihren Part des Messordinariums nicht heute noch, wie es seit alters her Brauch war, nach gregorianischen Melodien vor, hübsch unbegleitet, immer einstimmig, niemals eintönig?

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          „Vor dem Angesicht der Engel will ich dir Psalmen singen“, hatte der heilige Benedikt den ersten Mönchen um das Jahr 530 ins Stammbuch geschrieben. Zwei der erhaltenen Kapitelle des Chorumgangs aus der Klosterkirche von Cluny zeigen Personifikationen der acht gregorianischen Kirchentöne: acht Püppchen, Mönche mit oder ohne Bart, in Stein gemeißelt um 1100.

          Nicht nur die Mönche machen Musik

          Erste Überraschung: Sie begleiten sich auf Instrumenten. Einer schlägt die Laute, der andere eine Zither, der vierte bedient Glocken. Zweite Überraschung: Der hypodorische Modus wird verkörpert von einer jungen Frau. Eindeutig weiblich, in langem Faltenwurf, mit kokett geneigtem Kopf. So viel zum Thema „mulier taceat in ecclesia“! Natürlich kam es später vor, dass Katholikinnen in der Kirche nicht mitsingen durften. Aber diese hier singt und tanzt, zum Klang ihrer Handzimbeln. Offenbar ist (und war) die Kirchenmusik sehr viel komplexer und bunter, als man es ihr nach den vielen Dogmen, von denen sie im Lauf der Jahrhunderte eingezäunt wurde, heute zutraut.

          Ebenfalls halbgar oder auch, vulgo, falsch ist der Sprach-Indikator. Protestantische Kirchenmusik erkenne man an ihren deutschen Texten, heißt es, die katholische dagegen am Latein. Wäre dem so, hätte der Thomaskantor Johann Sebastian Bach, dem postum eine Riesenrolle zuwachsen sollte als „fünfter Evangelist“ (Albert Schweitzer), kein Magnificat komponiert und erst recht nicht die vier Lutherischen Messen, die „lutherisch“ genannt wurden nur, um anzuzeigen, dass sie, obgleich lateinisch getextet, bestimmt waren für den protestantischen Gottesdienst. Von der Missa brevis von 1733 gar nicht erst zu reden, die Bach später im Leben ausbaute zu seiner Hohen Messe in h-Moll.

          Der Barock-Meister: Bronze Denkmal von Johann Sebastian Bach auf dem Leipziger Thomaskirchhof vor der Thomaskirche.
          Der Barock-Meister: Bronze Denkmal von Johann Sebastian Bach auf dem Leipziger Thomaskirchhof vor der Thomaskirche. : Bild: dpa

          Martin Luther wollte nicht, dass sich die Gemeinde etwas ihr Unverständliches vorplappern lassen oder gar selbst nachplappern musste im Gottesdienst: „ein Nachahmen wie die Affen thun“. Ab 1525 ersetzte er Teile der lateinischen Messe durch deutsche Texte. Auch komponierte er rund vierzig deutschsprachige Choräle. Während die Lutheraner fortan die Kirchenmusik als eine probate Waffe wider die Kräfte des Bösen priesen und pflegten, wollten andere Reformer, etwa Zwingli und Calvin, das Musizieren ganz und gar verbieten, als ein Teufelswerk – exakt dieselbe Begründung, mit der kurz darauf die Katholiken bei ihrem Konzil in Trient die phantastisch überbordende Mehrstimmigkeit einzudämmen suchten.

          Vergebens. Aus beidem wurde nichts. Im Gegenteil, die Kirchenmusik blühte nach jedem Verbot umso herrlicher neu auf. Und egal unter welchem konfessionellen Alleinvertretungsanspruch: Immer war das humanistische Potential, das in der holden Kunst Musik steckt, stärker als das Dogma.

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          Unerhörtes, Vielformatiges entstand. Außerliturgische Formen wurden erprobt, auch Opernhaftes. Köstliche Kirchensonaten wurden geschrieben, aufrüttelnde Messen, die, als unteilbares Menschenwerk, von Hoffnung, Utopie und Selbstbehauptung berichten, angesichts der Endlichkeit des Seins.

          Bach transkribierte für seine geistliche Musik weltliche Liebeslieder. Schubert kürzte aus seinen Messtexten das Kirchenlob heraus. Eine rauschhaft-glückselige Orgel-Sortie von Louis Vierne kann man sich natürlich am besten in einer französischen Kathedrale vorstellen, mit Weihrauch. Der engelsklare „Elias“ des konvertierten Juden Mendelssohn passt mit den Massenchören (bei der Uraufführung: dreihundert Mitwirkende) vielleicht doch besser in eine Arena als in den Dom. Oder eben in Scharouns Berliner Philharmonie.

          Singt dem Herrn: Die Eisenacher Kurrende singt am Denkmal für Johann Sebastian Bach in Eisenach, wo der Komponist am 21. März 1685 geboren wurde, traditionsgemäß ein Geburtstagsständchen.
          Singt dem Herrn: Die Eisenacher Kurrende singt am Denkmal für Johann Sebastian Bach in Eisenach, wo der Komponist am 21. März 1685 geboren wurde, traditionsgemäß ein Geburtstagsständchen. : Bild: dpa

          So hat jedes Stück Kirchenmusik seinen Ort im Leben. Aber wie unterscheidet man das eine vom anderen? Könnte sein, dass die jahrhundertealten Formelhaftigkeiten der katholischen Kirchenmusik dem Komponisten mehr individuelle Freiheit erlaubten. Schuberts und Mozarts Messen sprechen dafür. Und die kinderliedhaft naive Sinnlichkeit, mit der Gabriel Fauré das Betreten des Paradieses feierte, dazu gibt es echt kein protestantisches Pendant.

          Quelle: F.A.S.

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