Home
http://www.faz.net/-gs3-135hw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Katharina Wagners „Meistersinger“ Enteignet Papa!

27.07.2009 ·  Buhrufe für die Regisseurin und Festspielleiterin: Katharina Wagners Deutung der in den „Meistersingern“ vielschichtig diskutierten Künstlerproblematik ist nicht weniger plump als die Inszenierung ihres Vaters Wolfgang Wagner.

Von Julia Spinola, Bayreuth
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Katharina Wagners Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ war schon im Premierenjahr 2007 alles andere als unumstritten. Zu durchsichtig wirkte die Absicht der damaligen Kronprinzessin, mit ihrem Bayreuther Gesellenstück als unangepasste Revoluzzerin aufzutreten. Um sich als aufbegehrende, mutig mit allen familiären Autoritäten brechende und die historischen Verstrickungen wie einen gordischen Knoten zerschlagende Künstlerin zu inszenieren, benutzte die Regisseurin das Werk ihres Urgroßvaters als bloßen Steinbruch für eine Fülle von drastischen, aber über weite Strecken sinnlos montierten Bildern (siehe: Nach dem Regelbuch des kritischen Regietheaters: Katharina Wagner inszeniert in Bayreuth „Die Meistersinger von Nürnberg“).

Dieses Jahr allerdings war es nicht nur die gescheiterte Regisseurin, sondern die neue Festspielleiterin, die sich einer geschlossenen Wand aus Buhrufern gegenüber sah, als sie nach der Vorstellung vor den Vorhang trat. Tapfer versuchte sie, dem Proteststurm zu begegnen, indem sie ihren Kritikern freundlich lächelnd zuwinkte. Doch die vehemente Ablehnung setzte ihr sichtlich zu.

Enthemmte Farbkleckserei

Auch wenn man die Absicht der Provokation in Rechnung stellt, ist Katharina Wagners Deutung der in den „Meistersingern“ vielschichtig diskutierten Künstlerproblematik nicht weniger plan und plump als die für ihre Simplizität berüchtigte letzte Inszenierung ihres Vaters Wolfgang Wagner. Gegen das graue, repressive Establishment der Meister setzt sie den vermeintlichen Freidenker Stolzing, der als randalierender Flegel über die Bühne tobt und versucht, seine verpasste Pubertät dadurch nachzuholen, dass kein Möbelstück und kein weißes Sofa vor seiner enthemmten Farbkleckserei sicher ist.

Der überangepasste Beckmesser wandelt sich, das übliche Klischee bedienend, in Ermangelung eines „echten“ inneren Kerns durch bloße Nachahmung Stolzings vom fehlerguckerhaften Oberbürokraten zum bürgerschreckartigen „Avantgardisten“ und muss sich am Ende ängstlich vor zwei monumentalen Stein-Ariern ducken, wenn Hans Sachs als Hitler-Vorläufer seine Schlussansprache hält. Am ärgerlichsten aber ist es, dass die Regisseurin einerseits mit pubertären Revoluzzergesten auf der Bühne prahlt, während sie sich andererseits gegen Kritik dadurch zu immunisieren versucht, dass sie sich selber als Opfer stilisiert: Das „unangepasste“ Regieteam, das kurzerhand in einen Container gesteckt und dann rüde abgefackelt wird, durfte auch dieses Jahr auf der Bayreuther Meistersingerbühne nicht fehlen.

Sängerische Lichtblicke

Sängerisch gab es einige Lichtblicke. Klaus Florian Vogt gab mit wohlklingendem lyrischen Tenor den Stolzing und wurde dafür zu Recht gefeiert. Adrian Eröd triumphierte in seinem gelungenen Bayreuthdebüt als kraftvoll, klar und textverständlich intonierender Beckmesser. Anstelle von Franz Hawlata war der zuverlässige, nur im letzten Aufzug etwas strapaziert wirkende Alan Titus in der Partie des Hans Sachs zu hören. Eva Kaune war eine insgesamt ansprechende Eva, wenn sie der Partie auch manches an Farbigkeit vorenthielt.

Sebastian Weigle bot am Pult des Festspielorchesters nicht mehr als eine ordentliche, eher schlanke und unaufdringliche, äußerst facettenarme und glanzlose Interpretation der Partitur. Die Koordination mit der Bühne geriet einige Male empfindlich ins Wanken. Exzellent wie stets präsentierte sich dagegen der von Eberhard Friedrich vorbereitete, kraftvoll und präzise singende Festspielchor.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Nachtreten gegen Günter Wallraff

Von Michael Hanfeld

Alles, was der Logistikfirma GLS zur RTL-Reportage „Günter Wallraff deckt auf“ einfällt, ist mehr als lahm. „Einseitige Berichterstattung“, heißt es. Das ist reiner Zynismus. Mehr 4 34