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Karfreitag ist Spielzeit Tod und Theater

 ·  Am Heiligen Abend sind die Bühnen der Republik verrammelt, jedoch am Tag der Kreuzigung wird ohne Unterlass Theater gespielt. Ein paar ketzerische Karfreitagsgedanken.

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Was schenken die Engel, die, „Ehre sei Gott in der Höhe!“, überm Stall von Bethlehem die Freude über die Geburt des Heilands und Erlösers hinausjubeln, dem Jesuskind in der Krippe? Was legen sie als Gabe ins Stroh der Armenherberge? Man könnte eine herrliche Phantasie des großen Schwabinger Wundersamkeitsdichters Peter Paul Althaus aus seinen „Traumstadt“-Poemen weiterspinnen, der die Diener der Heiligen Drei Könige einen Schwamm, einen Essigkrug und ein Rohr dem Jesusknaben dedizieren lässt („und Maria sagte: ,Gelt’s Gott’“). Die Engel könnten eine kleine Dornenkrone und ein paar Nägel (zum Ans-Kreuz-geschlagen-Werden) dazugelegt haben. Denn Bethlehem ist ohne Golgatha nicht zu haben. Und Ostern (Auferstehung) auch nicht. Der Karfreitag ist dem Heiligen Abend von Anfang an eingeschrieben. Im jedem Halleluja-C-Dur tönt das d-Moll eines Requiems immer schon mit. Harmonische Reibungen des Heils.

Wenn nun aber an Weihnachten plötzlich die Kirchen voll sind von Leuten, die das ganze Jahr über nie in die Kirche gehen. Wenn sie sich an diesem hochheiligen Abend das gehörige, wenigstens kirchensteuerverdiente Quantum Besinnung und Gefühl reinziehen (und wenn der Weihrauch in den Augen beißt, geht das aufs Konto allfälliger Rührung!). Wenn außerdem an diesem allerheiligsten, allerbesinnlichsten, allersentimentalsten Abend des Jahres alle deutschen Schauspieler spielfrei haben. Wenn kein einziges deutsches Bühnenhaus in West und Ost und Süd und Nord geöffnet hat. Wenn weder eine „Dreigroschenoper“-Repertoirevorstellung (“Erst kommt das Fressen, dann die Moral“) noch eine Premiere der „Geschichten aus dem Wiener Wald“ (“Heute schlachte ich die Sau“) geboten werden, von „Faust I und II“ (“Habe nun, ach, ... und leider auch Theologie studiert“) ganz zu schweigen.

Ein ausverkauftes Haus in Frankfurt

Was machen dann alle diese Leute, von denen viele (eventuell die meisten) an Gott zwar nicht glauben, aber dessen Geburt kerzen-, tannenbaum- und gänsebratenartig feiern - was machen sie am Tag, an dem daran erinnert wird, dass das Kind, das in der Krippe lag, stirbt? Dass er als Gott sich dran- und dreingibt? Dass er die Sünden der Welt (vor allem auch die Sünden des deutschen Theaters!) auf sich nimmt und mit seinem Leben dafür bezahlt? Erniedrigt, beleidigt, unter brutalen, viehischen Schmerzen? Was machen sie alle an dem Tag seines Todes, ohne den der Tag seiner Geburt ja nicht zu haben und zu feiern ist? Was machen sie an dem Tag, an dem die Welt eigentlich zur Schreckensbesinnung erstarrt sein sollte?

Sie gehen ins Theater. Und amüsieren sich wie Bolle, wie zum Beispiel im Schauspiel der offenbar völlig gottlosen Stadt Frankfurt, wo sie am Karfreitag „Wir lieben und wissen nichts“ von Moritz Rinke geben, darin sich zwei lustige Paare über Kreuz in die Beziehungswolle geraten; die Vorstellung ist ausverkauft. Oder sie lassen sich im Deutschen Theater der noch gottloseren Stadt Berlin von den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ (Regie: Michael Thalheimer) samt Sauschlachten, Kindtöten und Marianne-Verhunzen bewalzern, die am Karfreitag Premiere haben, während in den Kammerspielen des Hauses im „Stallerhof“ des Franz Xaver Kroetz ein debiler Knecht eine debile Bauerntochter schwängert. Oder sie sammeln ein paar hundert Meter weiter im Berliner Ensemble in der „Dreigroschenoper“ ausreichende semiotische Magensäfte zum Moralfressen à la Bob Wilson. Oder lassen sich in der Berliner Schaubühne von Gorkis „Sommergästen“ in schimmeligen Badewannen vorführen, wie sich die alten Russen so belesbeln.

In Hamburg im Thalia gibt’s an Gottes Todestag „Faust I und II“, im dortigen Deutschen Schauspielhaus „The Right Bullits“, in Düsseldorf „Richard III.“, in Stuttgart, das außer Bahnhof sowieso nur Ballett versteht, „Krabat“, natürlich als Tanz-Event, in Bochum tanzschauspielern sie „Out of Body“, in Weimar wird im „Onkel Wanja“ auf Professoren geballert, in Dresden zweifelt „Galilei“ an Gott und Kirche. Abgesehen davon, dass immerhin in ein paar katholischen Hochburgen der höchste protestantische Feiertag geheiligt wird und es weder in den Münchner Kammerspielen noch im Bayerischen Staatsschauspiel am Karfreitag etwas zu sehen gibt und auch nicht im Wiener Burgtheater - wieso diese geradezu epidemische Störung der Totenruhe „dessen, der am Kreuz verblich“, wie es Friedrich Hebbel in seinen „Nibelungen“ so schön final ausdrückt? Wieso reißt das Theater am Karfreitag seine Amüsementsklappe auf - die es an Heiligabend hält?

Vielleicht liegt es daran, dass es weder für den Tod Gottes noch den Tod eines Menschen viel übrighat. Seit die Regisseure es sich angewöhnt haben, sich selbst für Gott und also für unsterblich zu halten, ist ihnen der Karfreitag sehr lästig. Den Tod unterspielen sie auf ihrer Szene gern, hauen ihn weg, machen ihn lächerlich. Ihre Leichen leben noch. Und ihre Lebenden haben sowieso wenig Chancen. Aber spielfrei an Heiligabend? Ganz einfach. Ist gewerkschaftlich garantiert.

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