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Karajan heute : Sein Ruhm hat keine weißen Flügel

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Jahrhundertdirigent Karajan Bild: EMI Classics Archiv

Nachdem der Jubel zum hundertsten Geburtstag des großen Dirigenten verklungen ist, neigt sich nun auch das Karajan-Gedenkjahr seinem Ende zu. Zeit, sein künstlerisches Erbe neu zu sichten und zu bewerten. Welche beständigen Schätze birgt Karajans diskographisches Vermächtnis?

          In einer Pause während einer Aufführung von Mussorgskis „Boris Godunow“ ist ihm die Erleuchtung gekommen: „Das hier ist der Platz, wo dein Festival stattfinden muss.“ Nach der Aufführung, so berichtete Herbert von Karajan, sei er im strömenden Regen durchs nächtliche Salzburg gelaufen und habe den Meisterplan für sein Festival entwickelt. Das liest sich wie eine jener Inspirationslegenden, die Richard Wagner all seinen Werken mitgegeben hat.

          Zwei Jahre später hatte der Dirigent in der Tat verwirklicht, was Wagner bei einem der Höhenflüge seiner Maßlosigkeit erträumt hatte: „Mein Taktstock soll das Zepter sein, das die Zeiten lehrt, welchen Gang sie zu nehmen haben.“ 1967 eröffnete er in seiner Geburtsstadt Salzburg die Oster-Festspiele - symbolischerweise mit Wagners Tetralogie. Anders als Wagner, der die bürgerlichen Ehren unter Preisgabe der bürgerlichen Würde hatte erkämpfen müssen, stand Karajan als Doppelpersönlichkeit auf dem Höhepunkt seiner von Weltruhmesglanz besonnten Karriere: als Künstler wie als Großunternehmer. Lange bevor es den Begriff „Globalisierung“ gab, hatte der Dirigent dank der Konzentration der Mittel die denkbar größte Expansion der Wirkung erreicht.

          Zwei Voraussetzungen für die Karriere

          Es gab zwei Voraussetzungen für diese Karriere. Anders als die meisten seiner damaligen Kollegen hat Karajan den Satz, dass Dirigieren ein Lehrberuf mit zehn-, ja zwanzigjähriger Lernzeit ist, ernst genommen. Am 2. März 1929 hat er in Ulm seine erste Opernaufführung dirigiert: Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Zehn Tage später wurde er als Kapellmeister engagiert. In seiner ersten Saison dirigierte er „Rigoletto“, „Martha“, „Cavalleria rusticana“, „Don Giovanni“ und „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ von Jaromir Weinberger, und er lernte, dass es „am schwierigsten ist, ein fünftklassiges Orchester wie ein zweitklassiges spielen zu lassen“. Hundert Stunden Zeit investierte er, mit einem Bassisten, der keine Noten lesen konnte, die Partie des Ochs von Lerchenau am Klavier einzustudieren. Als er sich 1934 in Aachen mit „Fidelio“ vorstellte, hatte er jeden Takt der Partitur im Kopf und „jedes Wort der Singenden auf den Lippen“. Als er 1938 nach Berlin kam und in seiner zweiten Aufführung an der Staatsoper „Tristan und Isolde“ dirigierte, umfasste sein Repertoire über vierzig Opern, dazu zahlreiche symphonische Werke.

          Dass er zum „Wunder Karajan“ ausgerufen wurde, war ein von Heinz Tietjen, dem allmächtigen Berliner Intendanten, bestelltes Lob, mit dem die Eifersucht Wilhelm Furtwänglers geschürt werden sollte. Der Ruhm hat, nach einem Wort von Honoré de Balzac, keine weißen Flügel. Auf den Flügeln, die ihn emportrugen, gab es den schwarzen Flecken seines Eintritts in die NSDAP. Und da Menschenruhm und Schmach mit dem Stande wachsen, sah man nach dem Krieg gerade in ihm eine Symbolfigur des Mitläufers und Opportunisten. Es war der englische Plattenproduzent Walter Legge, der in ihm den Mann der Zukunft erkannte. Nach Wien gekommen, um arrivierte Künstler wie Furtwängler und „die besten Talente“ für „His Master's Voice“ zu verpflichten, wurde die „Hebamme der Musik“ (so Legge über sich selbst) zum Geburtshelfer eines neuen Dirigententypus: des Künstlers aus der Konserve.

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