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Kammermusik Das ist produktiver Egoismus!

 ·  Zum ersten Mal leitet Carolin Widmann die Musiktagen in Hitzacker. Die Geigerin sorgt beim traditionsreichsten Kammermusikfestival in Deutschland für frische Impulse.

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© Kay-Christian Heine Konzentrierte Nachwuchspflege: Carolin Widmann (l.) bei ihrem Projekt „Profis unterrichten Laien“ im Rahmen der Musiktage Hitzacker

Am schlimmsten sind die Pausen. Die Bögen zittern. Manche Spitze ziept an den Saiten. Mit einem Aufstrich soll es weitergehen. Aber wann? Aller Augen sind auf Carolin Widmann gerichtet, die am ersten Pult steht und geigend das Orchester leitet. Kein Orchester wie jedes andere: Die dreizehn Musiker der Camerata Bern, allesamt Vollprofis, haben sich mit acht Laien zusammengetan, um „Zehn leichte Stücke“ von Béla Bartók zu spielen. Die Laien - Musiklehrer und erfahrene Hausmusiker, aber keine erprobten Bühnenkünstler - haben eine Woche lang die Freie Schule Hitzacker besucht, um an dem Projekt „Profis unterrichten Laien - Impulse für die Hausmusik“ teilzunehmen. Das gibt es bei den Sommerlichen Musiktagen in dem niedersächsischen Luftkurort zwar schon seit 2006, aber dieses Jahr ist alles ein bisschen anders.

Jetzt hat nämlich Carolin Widmann die künstlerische Leitung des ältesten Kammermusikfestivals in Deutschland übernommen und sich gesagt: Die Laien sollen nicht länger unter sich bleiben; die müssen in die Öffentlichkeit, rauf aufs Podium, im Konzert zeigen, was sie können. Die Stimmung im Verdo-Saal, auf einer Anhöhe gelegen, von dem man einen malerischen Blick über die Elbe nach Mecklenburg hat, ist ausgelassen nach diesem Auftritt. Es gibt Bravo-Rufe von den knapp fünfhundert Hörern. Profis und Laien umarmen sich. „Wenn Musik in der Lage ist, solche Begegnungen zu schaffen, dann ist alles erreicht“, sagt Carolin Widmann hinterher, nachdem sie sich eine Ladung kaltes Wasser ins heißglühende, sommersprossige Gesicht geklatscht hat. „Ich kann mir nur wünschen, dass es eine Welt voll solcher Laien gäbe. Denn davon lebt unsere Kultur. Und ich wünsche mir, dass möglichst viele Leute im Publikum sagen: Das schaff ich auch. Da mach ich nächstes Jahr mit“.

Mit Ideen für die nächsten zwanzig Jahre

Vor zwei Jahren hatte Markus Fein, der das Festival seit 2002 leitete, die Geigerin gefragt, ob sie nicht seine Nachfolge antreten wolle. Immerhin hatte sie sich, über ihr geigerisches Können hinaus, mit Programmschwerpunkten beim Heidelberger Frühling, dem Luzern-Festival, den Salzburger Festspielen und dem Kunstfest Weimar durch ihre dramaturgische Intelligenz empfohlen. Aber allein für ein ganzes Festival verantwortlich zu sein, das seit 1946 eine Tradition aufgebaut und durch ungewöhnliche Veranstaltungsformen wie Hörer-Akademien und Themen-Wanderungen viel Aufmerksamkeit gefunden hat, ist dann doch ein Sprung.

„Ich habe erst gedacht: Das kann ich nicht“, gesteht sie. „Doch nach einer Nacht Schlaf hatte ich am nächsten Morgen so viele Ideen im Kopf, dass ich für die nächsten zwanzig Jahre planen könnte“. Sie musste sich trotzdem einem Bewerbungsverfahren stellen. Der rege Vorstand der knapp vierhundert Mitglieder zählenden Gesellschaft der Freunde der Sommerlichen Musiktage verlangte von ihr die Ausarbeitung mehrerer Saisonthemen für das Vorstellungsgespräch. Sie überzeugte alle. Und für das Leitmotto „Exil“ hat man sich dann schließlich entschieden.

Ein erweiterter Kreis von Exilanten

Das Thema hat viel mit dem Ort zu tun. Hitzacker nahm nach dem Zweiten Weltkrieg so viele Flüchtlinge auf, dass sich die Bevölkerungszahl glatt verdoppelte. Von den Musikern unter ihnen ging auch der Anstoß zur Festivalgründung aus. Noch heute steht auf dem Langenberg ein Stein mit der Inschrift: „Der Heimat zum Gruß! Der Jugend zur Mahnung. Der Stadt Hitzacker einen Dank. Die Heimatvertriebenen 24.8.53“.

Ein Großteil des diesjährigen Programms bestand allerdings aus Musik von Opfern jener rassischen Verfolgung, die dieser Vertreibung voranging: Werke von Komponisten jüdischer Herkunft wie Fritz Kreisler, Arnold Schönberg, Hans Gál oder Mieczyslaw Weinberg. Doch Carolin Widmann wollte das Thema „Exil“ nicht rein politisch verstanden wissen. „Dem Wortsinn nach ist ,exsul’ ja das genaue Gegenteil von ,consul’, also der Ausgestoßene als Gegenpol zum Einberufenen“, kommentiert sie ihre anderthalbjährigen Vorüberlegungen. Und so kann sie, zugegebenermaßen etwas arg großzügig, auch Ludwig van Beethoven, Franz Schubert und Robert Schumann in deren sozialem und psychischem Abseits als „Exilanten“ begreifen.

Das Publikum als Motivation

Das Publikum hat auf diese Weise Gelegenheit, nach viel neuer Musik von Rebecca Saunders, Salvatore Sciarrino oder Claude Vivier dem Bekannten in veränderter Umgebung zu begegnen. Die Versunkenheit, mit der die jungen Musiker des Signum-Quartetts und der Cellist Eckart Runge das Trio im Scherzo von Schuberts Streichquintett spielen, ist unheimlich. Ein bedrückender Einbruch der Stille in die lärmende Fröhlichkeit: Rückzug zum Gebet oder Auszug aus dem Leben? Eine klingende Exklave ist hier entstanden, in der gesagt wird, was in gewöhnlicher Geselligkeit keinen Adressaten mehr findet.

Phantastische Künstler konnte Carolin Widmann nach Hitzacker holen: die Geigerin Isabelle Faust und den Pianisten Alexander Melnikov, den Bariton Matthias Goerne mit seinem Klavierbegleiter Alexander Schmalcz. Doch es sind nicht die großen Namen, um derentwillen sie das alles macht. Es ist das konzentrierte Publikum - gewissermaßen die musikalische Bürgergesellschaft -, das den programmatischen Überlegungen hier nicht nur folgt, sondern sie mitträgt.

„Ich will was lernen“

Und es ist natürlich auch die einladende Landschaft mit den Elbuferdeichen, auf denen die Schafe grasen, während durch die Wiesen dahinter Weißstörche waten: eine Landschaft, die zum Teil des Festivals wird, wenn dreihundert Leute Richtung Dömitz wandern, um Free Jazz mit dem Schlagzeuger Baby Sommer und dem Posaunisten Conny Bauer zu hören - an der kriegszerstörten Eisenbahnbrücke, Symbol der deutschen Teilung, Metapher einer abgerissenen Verbindung.

“Ich mach das hier“, sagt Carolin Widmann, „um das zu finden, was mir im Musikbetrieb oft fehlt: Qualität, Beschäftigung mit dem Notentext und mit geschichtlichen Zusammenhängen. Sonst geht es nur noch um PR-Kampagnen. Mich aber treibt ein besonderer Egoismus: Ich will was lernen.“ Endlich mal ein Egoismus, der seine Profite vergesellschaftet!

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