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Kabarett : Ein Himmelsorganist: Zum Tod von Hanns Dieter Hüsch

Hanns Dieter Hüsch, 1925 - 2005 Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Mehr als vierzig Jahre stand er als Kabarettist und als „Mann an der Orgel“ auf deutschen Bühnen: Zum Tode von Hanns Dieter Hüsch, der im Kostüm des fahrenden Sängers durch die Welt zog.

          Jetzt hört man endgültig nur noch die Orgel. Hanns Dieter Hüsch ist schon vor vier Jahren verstummt, nach einem Schlaganfall. Seinen achtzigsten Geburtstag im Mai feierte seine Heimatstadt Moers ohne ihren Ehrenbürger.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In der Nacht zum Dienstag ist er nun gestorben. Im Ohr bleibt wie nach jedem Konzert der Ton, den er auf seiner elektronischen Orgel erzeugt hat, ein markantes Wabern, eine erdnahe Klangwolke, ein metaphysisches Geräusch. Mit der Zeit war er immer asketischer geworden und schien dabei seltsamerweise zugleich immer katholischer zu werden. Früher gab es in seinen Programen eine ordentliche Teilung zwischen Liedern und Texten. Die Lieder hatten eine ausgefeilte Melodie und einen akkuraten Aufbau, mit Stollen wie unter dem Weihnachtsbaum und Abgesang wie im Abendstudio. Die Texte gaben sich frei und kamen ohne Begleitung daher.

          Ein romantischer Universalpoet

          Aber für den von dieser Zwei-Reiche-Lehre beschriebenen Zustand galt das klassische Hausmeisterwort, das Hüsch auf jedem Schulzentrumsparkplatz empfing, wenn er seine Orgel auslud: Hier konnte er nicht stehenbleiben! Er war ein romantischer Universalpoet, und es drängte ihn mit der Urkraft des jugendlichen Helmut Kohl zum Einreißen von Grenzpfählen. So wurde der Gesang prosaisch und der Vortrag fast tonlos, aber zum Zeichen, daß alles mit allem zusammenhängt, hatten wir, daß Hüsch eine Taste pausenlos gedrückt hielt.

          Hanns Dieter Hüsch, 1925 - 2005 Bilderstrecke

          Er zog im Kostüm des fahrenden Sängers durch eine Welt, in der ein Satz wie „Wir geben zurück in die angeschlossenen Funkhäuser“ nicht anachronistisch klang. Der Rundfunk hat ihn bekannt gemacht; um nahe am Mikrophon zu sein, ließ er sich in Mainz nieder und später in Köln. In der frühen Bundesrepublik, wo an allen Ecken und Enden die vom Krieg gerissenen Baulücken den Zusammenhang des Lebens zerrissen, gab es schon eine Grundversorgung mit erbaulichem und kritischem Schall. Damals war der Rundfunk so wertvoll, daß ehrgeizige Halbgebildete meinen konnten, das schlechthin Teure, das seltene Element Radium, komme von den Radiumstationen. Vom Funk wurde auch der Einsamste erreicht, und im Funk konnte auch der Schüchternste den Narren geben, auf den Putz und aufs Klavier hauen und die Leichenberge besingen, die sich in einem tollen Schlager von Hüsch weit jenseits der deutschen Grenzen von 1937 in einem Opium-Club stapeln.

          Ein Landschaftsbild aus Worten

          Dem Funk der frühen Jahre, dem Ethos dieser Radiotage, um Woody Allen zu verdeutschen, setzte Hüsch ein Denkmal mit seinem Bild des Niederrheins: einem Landschaftsbild aus Worten, aus sprechenden Namen und zählebigen Gerüchten, nacherzählten Krankenakten und aufgewärmten Wissensbrocken. Alles ist Kommunikation, Mitreden und Hörensagen. Daß das originelle Völkchen noch lebt, in dem jeder mit jedem verschwistert, verschwägert oder wenigstens verfeindet ist - sollte das nicht auch nur eine Legende sein, vergleichbar den Berichten des von Hüsch verewigten Sparkassenaushilfsboten, der einmal im Jahr die großen Spendierhosen mit roten Streifen anzog, um in seinem Vaterstädtchen den Pariser Lebemann zu markieren? Wie kann eine Lebenswelt sich am Leben halten, in der preußischer Leichtsinn und rheinische Gemütskrankheit koexistieren? Durch den Flur-, Feld-, Wald- und Wiesenfunk narrativer Naturtalente, Mund-zu-Mund-Beatmung.

          Über „Meine Interessen“ hat Hüschs lyrisches Ich Rechenschaft abgelegt, als man unter dieser Rubrik noch die Berechnung des objektiven gesellschaftlichen Standpunkts erwartete. Der Dichter interessierte sich nur für das, wofür die Leute sich eben so interessieren, worüber man in der Zeitung liest oder im Geschichtsbuch: „Mich interessieren die Menschen, die langsam zum Bahnhof gehen, zum Abschied sich küssen und wissen, daß sie sich nicht wiedersehen.“ Mit etwas Klatsch und etwas Wärme waren die Bedürfnisse dieses allzumenschlichen Interessenten bedient.

          Schmetterling kommt nach Haus

          Wo die Verhaltenslehre der Kälte kultiviert werden, sieht man herab auf Hüsch, den frömmelnden Leierkastenmann, der unironisch kundtat, daß ihn „die sterbenden Bäume am Wegesrand“ interessierten und „die Worte von Träumern auf grauer Wand“. Die Hüsch-Verrisse aus fortschrittlichen Federn ergäben eine Anthologie, die Aufschluß gäbe über die Lebenslügen der Bundesrepublik, etwa die von Nachkommen der Familien des 20. Juli verbreitete Meinung, das Kleinbürgertum sei das deutsche Unglück. Alle Topoi des popkulturellen Antihumanismus nahmen die Hüsch-Verächter vorweg.

          Sogar die Humor-Kritik der Neuen Frankfurter Schule verlor bei Hüsch die Fassung, unterließ die Überprüfung des Kitschverdachts durch Textanalyse. Wem Zeiten unheimlich sind, in denen ein Gedicht über Menschen fast ein Verbrechen ist, wird es als gutes Zeichen nehmen, daß die Postavantgardisten von „Blumfeld“ einen der sentimentalsten Texte von Hüsch aufgenommen haben, das „Abendlied“, das mit den Versen anhebt: „Schmetterling kommt nach Haus. Kleiner Bär, kommt nach Haus.“

          Was, hat Hüsch erzählt, habe seine Mutter ihn einmal gefragt, sei eigentlich aus dem Mann geworden, der ihnen damals auf dem Bahnhof in Mainz so nett die Koffer getragen habe? Lebe der noch? Hanns Dieter Hüsch ist sein Bühnenleben lang langsam zum Bahnhof gegangen und hat uns geholfen, unser Köfferchen zu tragen. Was nun aus ihm werden soll? Ein Himmelsorganist. Wir geben ihn zurück ins große Funkhaus.

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