http://www.faz.net/-gqz-8vq8p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 10.03.2017, 15:34 Uhr

John Malkovich in Hamburg Denn irre Herrscher lieben große Töne

Welturaufführung in der Elbphilharmonie: John Malkovich ist der Star in der Diktatorensatire „Just Call Me God“. Sophie von Kessel liefert Stichworte. Und die große Orgel bläst kakophonisch alle weg.

von
© dpa Was willst du mit den Orden, sprich? Alles dreht sich um John Malkovich in dieser Produktion, dankbare Nebenrollen gibt es nicht.

Während die armen Hamburger Jahr um Jahr mit ihren Politikern haderten, die Politiker mit Baulöwen stritten, die Architekten schluchzend vor ihren Reißbrettern hockten und die Anwälte sich fröhlich die Hände wund rieben, ließ ein blutrünstiger Diktator den Großen Saal der Elbphilharmonie, das achte Klangwunder, originalgetreu in seinem unterirdischen Palast nachbauen. Oder besser gesagt: vorbauen, denn die Rekonstruktion tief unter dem Sand irgendeiner Wüste war ganze fünf Jahre früher vollendet als das Original. Ist die geballte Diktatorenfaust etwa ein besserer Bauherr als das patschweiche öffentliche Händchen der stolzen Hansestadt?

Hubert Spiegel Folgen:

Wir können uns mit dieser Frage nicht lange aufhalten, denn schon stürmen Soldaten in voller Kampfmontur den unterirdischen Konzertsaal. Die Maschinenpistolen im Anschlag, schleichen sie auf die Bühne, tasten sich vorsichtig die vollbesetzten Ränge hinauf und sichern das Terrain. Der Palast scheint verlassen, niemand zu Hause. Nur eine Putzfrau wurde offenbar bei der Flucht zurückgelassen. Sie trägt ein buntes Kopftuch, unter dem dunkle Strohsträhnen hervorschauen, und enge schwarze Leggings unter ihrem blauen Kittel. Die nicht sehr zierlichen Füße stecken in blauen Plastik-Crocs. Kommt einem ihr Gang nicht irgendwie bekannt vor? Dieses unverwechselbare Vorwärtsschieben stämmiger X-Beine, das bei aller Breithüftigkeit immer auch eine leicht bedrohliche Eleganz ausstrahlt? Doch, er ist es.

Nichts soll vom gaumig spuckenden Star ablenken

Tänzelnde dicke Katze, arme alte Putzfrau, einsamer alter Alleinherrscher: John Malkovich spielt im Großen Saal der Elbphilharmonie den Großen Diktator einer blutigen Bananenrepublik namens Circassia, kommt mit einem Wägelchen voller Putzutensilien von links auf die Bühne, auf der sonst Streicher und Bläser sitzen, und knallt mit raumpflegerischer Gründlichkeit die Eindringlinge ab wie Feldhasen, die sich versehentlich in seinen Fuchsbau gewagt haben. Nur zwei überleben, weil sie noch gebraucht werden, die TV-Journalistin Caroline, gespielt von Sophie von Kessel, und Martin Haselböck als Armee-Geistlicher. Sie muss sich auf ein Kräftemessen mit dem Diktator einlassen, er muss an der großen Orgel der Elbphilharmonie den bombastischen Soundtrack dazu liefern. Denn irre Herrscher lieben große Töne. Die anderen Schauspieler haben Pause und liegen für den Rest des Abends als Leichen reglos auf der Bühne. Keine dankbare Rolle, aber dankbare Rollen neben John Malkovich sind in diesem Stück nicht vorgesehen.

45218290 © dpa Vergrößern John Malkovich verleiht die Rolle des gaumig spuckenden Diktators offensichtlich Flügel.

„Just Call Me God“, die neue Produktion von Regisseur und Autor Michael Sturminger, Komponist und Musiker Martin Haselböck und Hollywood-Legende John Malkovich, ist ein Star-Vehikel, das nach seiner englischsprachigen Welturaufführung in Hamburg noch durch zehn europäische Städte touren wird. In München macht man im April für zwei Abende im geschichtsträchtigen ehemaligen „Führerbau“ an der Arcisstraße Station. Wenn Malkovich dann im Großen Saal der Hochschule für Musik und Theater auftritt, wird es vermutlich die eine oder andere Anspielung auf Hitler geben, obwohl Malkovichs Despot eher eine Mischung aus Saddam Hussein, Gaddafi und Idi Amin darstellt, weitere Kleindiktatoren nicht ausgeschlossen. Wie Jules Vernes die Orgel im U-Boot spielender Kapitän Nemo ist auch Satur Diman Cha, der Herrscher von Circassia, eine Ausgeburt des Kolonialismus, in England erzogen und gedemütigt, in der Heimat zum Monstrum mutiert.

Mehr zum Thema

Seit 25 Jahren ist er Alleinherrscher, doch jetzt hat der Westen ihn fallengelassen und schickt statt Militärberatern Truppen und einige Journalisten vom Frühstücksfernsehen, die live vom Ende einer blutigen Herrschaft berichten sollen. Sophie von Kessel müht sich redlich, aber ihre Caroline kommt über die Rolle der Stichwortgeberin für den Diktator nur selten hinaus. Die Doppelzüngigkeit des Westens, die perversen Mechanismen der Macht, das Quotenspiel der Medien, die Faszination der Amoral, alles wird kurz angerissen und von Malkovich gaumig wieder ausgespuckt. Zweimal zieht er sich um, Diktatoren pflegen ihren eigenen Modestil, ab und an wird mit der Videokamera hantiert. Die Ambitionen der Regie halten sich in Grenzen. Nichts soll vom Star ablenken. Und Malkovich ist tatsächlich eine Wucht an Präsenz und Präzision, ein psychopathischer Komödiant der Macht, giftig und schillernd wie eine Viper.

Die wichtige Orgel

Man mag vielleicht auf allen Plätzen der Elbphilharmonie gleich gut hören, aber fürs Schauspiel ist dieser Saal nicht ideal. Von seiner Decke hängen einige Wimpel mit den Insignien des Diktators, goldener Lorbeer mit rotem Fadenkreuz auf schwarzem Grund, an Requisiten braucht man nur ein Rednerpult, zwei Rollcontainer, von denen einer später in der Verführungsszene – Achtung, die Erotik der Macht – als Chaiselongue dienen wird, sowie eine Filmkamera auf fahrbarem Stativ. Was sie aufnimmt, wird auf drei großen Projektionswänden gezeigt. Man will den Star ja aus der Nähe sehen – oder, wenn man schlechte Plätze hat, überhaupt einmal von vorne. Malkovich hat statt eines Zepters eine goldene Pistole, die er, auch nicht gerade einfallsreich, Caroline zwischen die Beine schiebt.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Das wichtigste Requisit ist jedoch die Orgel. Wenn Haselböck Bachs Toccata und Fuge oder Wagners Walkürenritt spielt, ist das zwar erwartbar, aber die Wucht des Klangs drückt die Zuschauer dennoch in die Sessel. Im Verlauf des Abends kommen Eigenkompositionen Haselböcks hinzu, und wenn ein Stück „Grand Organ Cacophonia“ heißt, dann hält es, was sein Titel verspricht. Malkovich, der wirklich sehr laut werden kann, ist einige Male kaum zu verstehen. Gegen Elphies 4765 Orgelpfeifen, durch die maximal 180 Kubikmeter Luft in der Minute geschickt werden können, hat auch eine in Hollywood erprobte Diktatoren-Lunge keine Chance.

Glosse

Zukunftsmusik

Von Jan Brachmann

Auf dem alten Pfanni-Gelände soll der neue Konzertsaal Münchens gebaut werden. Doch erst mal erklingen an dieser Stelle andere Töne: Das Festival „Stars and Rising Stars“ kokettiert mit Arroganz und Kirschwasser. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage