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Stadttheater der Gegenwart : Ein anderes Bühnenleben ist möglich

  • -Aktualisiert am

Die schöne Jüdin Raquel (Hanna Hilsdorf) verliebt sich im islamophoben Kastilien des zwölften Jahrhunderts in den christlichen Kreuzkrieger Alfonso (Ulvi Erkin Teke). Bild: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

Bochum schlägt ein neues Theaterkapitel auf: Johan Simons eröffnet das Schauspielhaus mit einer Adaption von Feuchtwangers „Jüdin von Toledo“, in den Kammerspielen rufen dreizehn Mädchen die Welt zur Ordnung.

          So, hier ist es. Das Stadttheater unserer Zeit. Es steht in Bochum, der alten Ruhrpott-Provinz, nicht in Berlin, Frankfurt oder Wien. Im fahlbeleuchteten Abseits findet sich wie von selbst, was bei grellem Metropolenglanz mit größter Anstrengung vergeblich gesucht wird: ein Theater der Gegenwart, eine Bühne, die wieder Versprechungen macht, und ein Spiel, so lustvoll und leicht, dass einem aller betriebliche Pessimismus, alle gewohnte Klage peinlich wird. Schon von außen wirkt das restaurierte Theatergebäude offenherzig und selbstbewusst. An der roten Klinkerfassade entlangschlendernd, sieht man durch hellerleuchtete Fenster immer wieder ins Foyer, sieht, wie sich die Premierenbesucher unter den berühmten Bochumer „Tulpenlampen“ begrüßen, sieht die alten Rauchersalons mit ihren Nierentischen, die Bars und Garderoben, die leuchtenden Toilettenanzeigen. Das Haus ist voller erwartungsfroher Gäste an diesem Abend, die Theaterstadt Bochum hat große Lust auf einen Neuanfang, auf einen neuen Intendanten.

          Mit dem Niederländer Johan Simons, der nach seiner erfolgreichen Zeit an den Münchner Kammerspielen zuletzt Leiter der benachbarten Ruhrtriennale war, kehrt nach Jahren der Krise und des Mittelmaßes wieder etwas von der alten Fama nach Bochum zurück, die von Namen wie Zadek, Peymann und Steckel begründet und dann von Intendanten wie Hauß- und Hartmann bis in die 2000er Jahre hineingetragen worden war.

          Simons eröffnet seine Bochumer Spielzeit mit einer dramatisierten Bearbeitung von Lion Feuchtwangers Roman „Die Jüdin von Toledo“ und markiert damit gleich, wie er sich eine zeitgemäße theatrale Beschäftigung mit den Konflikten der Gegenwart vorstellt: nicht durch kleine tagespolitisierte Übertragungskünste, sondern durch eine anspruchsvolle Metaphernsuche in den Schatzkammern der Literatur. Mit Feuchtwangers 1955 geschriebener Parabel über die schöne Jüdin Raquel, die sich im islamophoben Kastilien des zwölften Jahrhunderts in den christlichen Kreuzkrieger Alfonso verliebt, lässt Simons jenes entscheidende Identitätsmerkmal wieder nach vorne treten, das durch die gegenwärtige Fixierung auf Sexualität und Moralpolitik ziemlich außer Acht geraten ist: die Religion.

          „Deus vult“, Gott will es

          Die Fassung, die sein Dramaturg Koen Tachelet – gegenwärtig einer der ausgezeichneten Vertreter seiner Zunft – für ihn hergestellt hat, beeindruckt durch ihre sorgsam konstruierte Spannungsbreite und einen sprachlichen Gestus der ruhigen Unmittelbarkeit. Nahezu kein Fremdtext, kein Umgangston, schon gar keine Aktualitätsanspielung wird hier gebraucht, um direkt und mitreißend zu erzählen von dieser schönen Jüdin, die mit ihrem Vater, dem reichen Kaufmann Jehuda, nach Toledo kommt und auf der Stelle in die Fänge des Schicksals gerät.

          Während Jehuda versucht, den jungen, kriegslüsternen König von einem weiteren Kreuzzug gegen die Muslime abzuhalten und stattdessen von einer liberaleren Flüchtlingspolitik zu überzeugen, brennt dieser vor Verlangen für seine Tochter. Er lässt für sie ein Lustschloss bauen und sich von ihr in Toleranz unterrichten. Ihre leidenschaftliche Liebesbeziehung sorgt für Unruhe im Volk und wird beiden, Vater und Tochter, zum Verhängnis als die entscheidende Schlacht verlorengeht und die gekränkte Ehefrau des Königs dazu aufruft, in den Juden die Schuldigen zu suchen. „Warum immer zuerst die Juden“ fragt Raquel und bekommt zur Antwort: „Deus vult“, Gott will es.

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