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Veröffentlicht: 13.03.2017, 13:26 Uhr

Meyerhoff spielt Melle Hörst du die Trommeln, Fernando?

Solo für Joachim Meyerhoff: Im Wiener Akademietheater wird Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“ auf die Bühne gebracht. Der Schauspieler leistet auf der Bühne nahezu Übermenschliches.

von Martin Lhotzky
© Robert Jaeger/APA/dpa Theaterschwerstarbeiter: Joachim Meyerhoff spielt Pingpong.

Landauf, landab feiert Joachim Meyerhoff mit seinen autobiographisch inspirierten, bislang in drei Bänden erschienenen Romanen der Reihe „Alle Toten fliegen hoch“ große Erfolge. Nicht zuletzt geht es darin um Meyerhoffs Kindheit und Jugend in einer psychiatrischen Anstalt in Schleswig. Nur, für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, noch nichts davon gehört haben sollten: Sein Vater war Direktor dieser Institution, und Familie Meyerhoff wohnte auf dem Anstaltsgelände.

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Thomas Melle wiederum, Romanautor, Dramatiker und Übersetzer aus dem Englischen, gab in seinem autobiographischen Werk „Die Welt im Rücken“ einen tiefen Einblick in seine als „BAS – bipolare affektive Störung“ diagnostizierte Krankheit. Nicht nur ihm, vielen von dieser psychischen Erkrankung Betroffenen scheint es passender, diese willentlich nicht kontrollierbare, seelische Störung weiterhin mit ihrem alten, weniger verschleiernd-beschönigenden Namen als „manisch-depressiv“ anzusprechen. Denn darum, so empfindet es Melle, geht es: Phasen von manischer Euphorie, die von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten andauern können, folgen unweigerlich Episoden tiefster Depression von gleichfalls unabschätzbarer Dauer. Thomas Melle, so sagt er es selbst ohne den geringsten Anschein von Eitelkeit oder gar Mitleidshascherei im auf rund ein Zehntel der ursprünglichen Buchlänge gekürzten Bühnenfassung, ist „einer derer, die die Jahreskarte gezogen haben.“

Ein dreistündiger, kaum unterbrochener Monolog

Dem Regisseur Jan Bosse, der mit Meyerhoff schon einige Projekte am Burgtheater realisiert hat, etwa das seltsame Rollentausch-Szenario über „Robinson Crusoe“ (2012) oder den in Schlammmasken unkenntlichen Danton nach Büchners „Dantons Tod“ (2014), Jan Bosse also, der speziell diesen Mimen bis an die Grenzen der Belastbarkeit – und bisweilen auch darüber hinaus – fordert, schien es nur logisch, den eifrigen Beobachter mit dem betroffenen Berichterstatter des seelischen Elends zu verschmelzen. Als beim tosenden, langanhaltenden Schlussapplaus auch Thomas Melle auf die Bühne gebeten wurde und die Beifallskundgebungen dankbar-bescheiden genoss, konnte sich das Auditorium vergewissern, wie sehr diese Verschmelzung gelungen war. Ein einfacher Kniff genügte, die beiden ansonsten körperlich kaum ähnlich zu Nennenden optisch einander anzuverwandeln: Meyerhoff trug den Abend über eine Perücke, die der natürlichen Haartracht des Dramatikers bis aufs Haar (was auch sonst) glich. Für den Rest aber sorgte das Spiel.

45286075 © Reinhard Maximilian Werner/Burgtheater/dpa Vergrößern Es ist ein Kreuz: Joachim Meyerhoff während einer Probe von „Die Welt im Rücken“.

Bevor noch alle Theatergäste Platz genommen haben, schleppt schon Meyerhoff, mit Melle-Toupet und in beiger Ausstattung vom Überziehpullover bis zu den Sportschuhen, durch die Sitzreihen das zeitweilig einzige Requisit heran, einen Pingpong-Tisch. Einige Bühnenarbeiter, die noch in einer zweiten Szene gegen Ende zu sehen sein werden, quasi die einzige Nebenrolle einnehmen und daher nicht unerwähnt bleiben sollen, helfen ihm, das unhandliche Ding auf die leergefegte Bühne des Akademietheaters zu hieven. Es folgen einige kurze Ballwechsel, am Premierenabend mit hintereinander drei Herren, die aus den ersten Sitzreihen kurz die Szene betreten. Dann erst, wenn die Saaltüren tatsächlich geschlossen sind, beginnt der beinahe dreistündige, von kurzen, geplanten Sprechpausen und einer Aufräumphase („Eine Pause, wenn Sie möchten“, wie es im Programmheft verschmitzt heißt) kaum unterbrochene Monolog.

Einmal wird es dann doch theatralisch

Wir sehen und hören eine erste, langsam anwachsende, heftige manische Periode. Sie begann noch im vorigen Jahrtausend und war – vielleicht nicht ursächlich, aber wer kann das schon genau sagen – mit den ersten Gehversuchen „durchs noch junge Internet“ verknüpft. Dann folgt eine erste Selbsteinweisung in die geschlossene Abteilung der Berliner Charité. Wir erfahren vom Abbruch dieses Aufenthaltes: „Weil ich freiwillig dort war, konnte ich mich gegen ärztlichen Rat selbst entlassen.“ Eine noch schwerere, weitere Krankheitsphase zeichnete sich spätestens beim Bachmann-Wettbewerb 2006 in Klagenfurt ab, an den sich Melle kaum mehr erinnern kann („Ich hasste Klagenfurt, das weiß ich allerdings noch“). Er überstand die paar Minuten Lesens nur an sein Manuskript geklammert – um anschließend abzustürzen: Selbstmordversuche, Schulden, Obdachlosigkeit, dazwischen aber immer wieder Preise und Förderpreise in Bremen, Nordrhein-Westfalen und Berlin für sein literarisches Schaffen. Vor einem mutmaßlich erfolgreichen Selbstmord bewahrt ihn nur die plötzlich auftauchende Erinnerung an den ABBA-Hit „Fernando“, den Melle eigentlich gar nicht mag.

45286082 © Reinhard Maximilian Werner/Burgtheater/dpa Vergrößern Einmal dann doch theatralisch: Joachim Meyerhoff bei einer Probe des Stücks „Die Welt im Rücken“

Einmal wird es dann doch – wenn auch extrem übertrieben – theatralisch, als Meyerhoff in Gold gewandet zum Gnarls-Barkley-Ohrwurm „Crazy“ auf einem riesigen Magenpräparat über der Bühne schwebt. Aber das ist dann schon alles gewesen. Soll man sich diesen schwierigen, ein immer noch verwundbares Selbst entblößenden, mithin unfreiwillig voyeuristischen und wohl auch zu langen Abend antun? Man sollte jedenfalls gewappnet sein. Und ein Triumph für Joachim Meyerhoff, der auf der Bühne nahezu Übermenschliches leistet, ist er in jedem Fall.

Weitere Aufführungen

Donnerstag, 16. März, 20 Uhr
Montag, 20. März, 19.30 Uhr
Samstag, 25. März, 19.30 Uhr

Samstag, 1. April, 19.30 Uhr
Donnerstag, 13. April, 20 Uhr
Mittwoch, 19. April, 20 Uhr
Samstag, 22. April, 20 Uhr

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