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Veröffentlicht: 27.09.2016, 10:30 Uhr

„Zauberflöte“ in Hamburg Tamino-Baby fürchtet sich

Das erstes Ärgernis der Opernsaison: Jette Steckel und ihr Regieteam veralbern Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ in Hamburg.

von Jürgen Kesting
© dpa Die Sänger Jonathan McGovern als Papageno, Nadezhda Karyazina und Marta Swiderska (v.l.n.r.) bei einer Fotoprobe zur „Zauberflöte“ in Hamburg

Wie so oft fällt dem Programmheft bei der Hamburger Neuinszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ die wichtigste Aufgabe zu: die der Bedienungs- oder Gebrauchsanleitung. Darin findet sich zum einen eine Inhaltsangabe, in der die Handlung nicht nacherzählt, sondern uptodate aufgefrischt wird, zum anderen eine als „Polemik“ übertitelte Betrachtung des Dramaturgen Johannes Blum. Er richtet schwerstes Geschütz auf die Rezeption der Oper: angeblich eine Geschichte von Missverständnissen, Fehldeutungen. Das „pure Vergnügen an Mozarts Musik“, so lautet der mehrfach repetierte Vorwurf, habe den „Blick auf das Konstrukt“ verhindert.

Also hat sich Regisseurin Jette Steckel an den Versuch einer Dekonstruktion gemacht, offenbar von der Frage ausgehend, was denn alles überflüssig sei an diesem „Rätselwerk der europäischen Kultur“ (wie Peter von Matt einmal schrieb). Es sind, nicht unerwartet, die Dialoge von Emanuel Schikaneder. Von dessen Buch sind in der Hamburger Inszenierung nur Versatzstücke geblieben, und auch diese wurden „nach Schikaneder“ gemodelt, die „Handlung“ aber reduziert zur bloßen Nummernfolge von Arien und Ensembles. Auf die Rache-Arie der nächtlichen Königin folgt nicht der Monolog mit den Gewissensqualen der Pamina, sondern, ohne jede Motivation, sogleich Sarastros „In diesen heil‘gen Hallen“. Beide, die nächtliche Königin wie der Priester, werden vollständig aus dem szenischen Geschehen herausgenommen dadurch, dass sie ihre Arien aus dem Graben singen. Und Tamino tritt auf als ein schon während der Ouvertüre zusammengebrochener greiser Graubart, der, nachdem notärztlich versorgt und aufgebahrt, auf die Bühne geschoben wird, wo er wegen der unsichtbaren Schlange um Hilfe ruft. Wenn die drei Damen angesichts des ohnmächtigen Jünglings von Sinnen geraten, wiegen sie ein Tamino-Baby auf den Armen. Gleich danach sind Tamino und Papageno, bei ihrer ersten Begegnung, zwei Kinder, die sich rasch miteinander anfreunden.

Es rumst und bumst

Die im Programmheft formulierte Forderung nach genauestem Hinschauen auf die vielen Probleme von „Humanität und Autokratie, Gut und Böse, Alt und Neu, Revolution und Restauration“ (etc. etc.) wurde keineswegs mit dem Versuch beantwortet, das Werk für die Gegenwart anschlussfähig zu machen. All diese Fragen wurden eskamotiert. Dass etwa in dem dramatisch entscheidenden Dialog – „Wo willst du kühner Fremdling hin? – die Worte des Sprechers völlig unverständlich blieben, lag nicht nur daran, dass Alin Anca wie ein Raumfahrer weit im All schwebte und seine Stimme nur hohe Laute erzeugte. Er sollte nicht verstehbar sein, um den Besuchern das Nachdenken über den dramatischen Vorgang – die Peripetie der Handlung – zu ersparen.

Das Bühnenbild von Florian Lösche, die Licht-Regie von Paulus Vogt und ein videogestütztes „emotionales Storytelling“ (besorgt von EINS 23 TV) helfen mit, aus dem Schauspiel mit Musik eine Sequenz von Einzelnummern zu machen, wie in einer Pop-Sendung. Es blitzt, funkelt und leuchtet in dieser Mozart-Rocky-Picture-Show, es bumst und rumst, hell und grell.

Beifallssturm für die Königin der Nacht

Gegen das Gebrüll der Bilder hatte das Zweit- oder auch Rest-Orchester – der größere Teil des Hamburger Philharmonischen Orchesters gastiert zum Auftakt der Saison gerade unter Kent Nagano in Südamerika – unter Leitung des Dirigenten Jean-Christoph Spinosi einen frustrierenden Kampf auszufechten. Er geriet zu einem diskret-leise geführten Rückzugsgefecht. Der turkmenische Tenor Dovlet Nurgeldiyev war ein ausgezeichneter Tamino mit einer leuchtenden, vor allem dynamisch gut kontrollierten Stimme. Christina Gansch konnte als Pamina die hohen Erwartungen, die in sie gesetzt waren, nicht ganz erfüllen. Wie berückend schön sie in Paminas g-Moll-Arie „Ach, ich fühl’s“ das G („so wird Ruh’ im Tode sein“) sang, so angestrengt klang die Stimme in den langsam sich hochschraubenden Koloraturen. Imponierend die durchschlagskräftige Stimme der griechischen Sopranistin Christina Poulitsi in der Rolle der nächtlichen Königin, die sich zwar mit den gebundenen Koloraturen ihrer ersten Arie („Zum Leiden bin ich auserkoren“) nicht leichttat, aber mit den feuerball-leuchtenden Staccati der Rache-Arie einen Beifallssturm auslöste. Der Italiener Andrea Mastroni orgelte die Arien des Sarastro mit profundem, klanglich körnig rauhem Bass. Trefflich der kernige Bariton des spielgewandten englischen Baritons Jonathan McGovern, der den Wiener Hanswurst Papageno in einen charmanten Straßenstreuner zu verwandeln hatte.

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Hinreißend der blühende Sopran der aus Minsk gebürtigen Maria Chabounia als Papagena. Schwierig der Monastatos von Dietmar Kerschbaum, der die Arie „Alles fühlt der Liebe Freuden“ in Fragmente zersplittern ließ. Dem Gesang der Knaben musste man nachsichtig lauschen: „Dem Reinen ist alles rein.“ Einmal mehr sei ein Satz von Hugo von Hofmannsthal in Erinnerung gerufen: dass das Publikum nie so ganz unrecht habe. Er bewahrheitete sich diesmal in zweifacher Hinsicht: nämlich dadurch, dass der größere Teil der Premierengäste lauthals Buh brüllte, mit mindestens 110 Dezibel und der andere Teil diese Hamburger Pop-Zauberflöte einfach nur „nett“ fand. Gibt es ein vernichtenderes Lobeswort als nett?

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