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Jerusalemer Musikfestival : Solange der Atomminister Musik hört, herrscht Frieden

Forellenquintettfinale: András Schiff, Alisa Weilerstein und Ori Kam Bild: Dan Porges

Das internationale Jerusalem Chamber Music Festival soll Juden, Muslime und Christen in der heiligen Stadt zusammenführen. Die künstlerische Leiterin Elena Bashkirova kämpft für kulturelle Aussöhnung.

          Der Blick in die vierte Reihe beruhigt. Solange der für Geheimdienste und Atomenergie zuständige Minister dort fast jeden Abend seinen Stammplatz einnimmt, steht der israelische Angriff auf Iran offenbar nicht unmittelbar bevor. Während das Heimatfrontkommando die Bürger aufklärt, wie sie sich im Kriegsfall schützen sollen, erklingen im Kuppelsaal des Jerusalemer CVJM-Hotels Werke von Tschaikowsky, Schostakowitsch und Schubert. Bisher kein einziges Mal ist das Jerusalem Chamber Music Festival seit seiner Gründung 1998 ausgefallen, obwohl die Jahre an Terror und Krisen nicht arm waren: Am Abend des 11. September 2001 wurde ebenso gespielt wie während der Anschläge der zweiten Intifada und kurz nach dem zweiten Libanon-Krieg.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Elena Bashkirova, die künstlerische Leiterin, spricht von einem „existentiellen Moment“. Sie stammt aus Russland, sie ist Pianistin und schon überall auf der Welt aufgetreten: „Aber in Jerusalem spielt man anders. Man hat das Gefühl, dass es für die Leute hier sehr wichtig ist, dass wir es tun“, sagt Bashkirova. Für sie selbst ist das Festival weit mehr als nur ein weiteres Musikertreffen im internationalen Konzertzirkus. Den gut sechzig Kollegen, die in diesem September nach Jerusalem gereist sind, geht es ähnlich. András Schiff und Gidon Kremer nehmen sich eigens dafür Zeit, Konzertmeister und Solisten der Berliner und Wiener Philharmoniker reisen an, dazu jede Menge Nachwuchstalente. Sie alle erhalten keine Gage. Es gibt nur Flug, Unterkunft und nach dem Konzert ein Essen an langen Tischen.

          Jerusalems Blutverlust

          Auch das Publikum, für das an den fünfzehn Abenden die sechshundert Plätze nie ausreichen, kommt nicht, um vor den Konzerten und in der Pause auf der palmengesäumten Terrasse gesehen zu werden. Es geht um Musik, nicht um Garderobe. Selbst Geheimdienstminister Dan Meridor trägt das Hemd offen. „Das ist ein Luxuspublikum“, schwärmt Bashkirova, die 2012 wieder zusammen mit ihrem Sohn, dem Geiger Michael Barenboim, auftritt; auch ihr Ehemann Daniel Barenboim stieß in der Vergangenheit schon dazu. Im Konzertsaal gibt man sich leger, einige tragen Wandersandalen: ein eher älteres Publikum - obwohl doch Israel eine deutlich jüngere Bevölkerung hat als Deutschland und es in Jerusalem zwei Universitäten gibt.

          Aber nicht einmal die Musik schafft es, in der den Juden, Christen und Muslimen heiligen Stadt auch die Menschen zusammenzubringen, die fast Tür an Tür wohnen. Religiöse Juden und Araber bilden die Mehrheit unter den Einwohnern Jerusalems. Unter den Zuhörern sind nur wenige Männer, die auf dem Kopf eine Kippa tragen, die sie als gläubige Juden ausweist. Draußen sehen palästinensische Mütter mit Kopftüchern ihren Kindern beim Spielen zu. Im Saal ist kein Arabisch zu hören.

          Auch vom Bildungsbürgertum, das früher in Jerusalem den Ton angab, ist wenig geblieben. Der Exodus säkularer Bürger in die weniger frommen Städte an der Küste geht weiter. „Jerusalem kommt mir vor wie ein Mensch, der andauernd an Blut verliert. Es gibt vielleicht keine andere Stadt, die gleichermaßen anziehend ist und traurig wie diese“, sagt Bashkirova, die seit langem beobachtet, wie der Einfluss religiöser Extremisten zunimmt.

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