Der Blick in die vierte Reihe beruhigt. Solange der für Geheimdienste und Atomenergie zuständige Minister dort fast jeden Abend seinen Stammplatz einnimmt, steht der israelische Angriff auf Iran offenbar nicht unmittelbar bevor. Während das Heimatfrontkommando die Bürger aufklärt, wie sie sich im Kriegsfall schützen sollen, erklingen im Kuppelsaal des Jerusalemer CVJM-Hotels Werke von Tschaikowsky, Schostakowitsch und Schubert. Bisher kein einziges Mal ist das Jerusalem Chamber Music Festival seit seiner Gründung 1998 ausgefallen, obwohl die Jahre an Terror und Krisen nicht arm waren: Am Abend des 11. September 2001 wurde ebenso gespielt wie während der Anschläge der zweiten Intifada und kurz nach dem zweiten Libanon-Krieg.
Elena Bashkirova, die künstlerische Leiterin, spricht von einem „existentiellen Moment“. Sie stammt aus Russland, sie ist Pianistin und schon überall auf der Welt aufgetreten: „Aber in Jerusalem spielt man anders. Man hat das Gefühl, dass es für die Leute hier sehr wichtig ist, dass wir es tun“, sagt Bashkirova. Für sie selbst ist das Festival weit mehr als nur ein weiteres Musikertreffen im internationalen Konzertzirkus. Den gut sechzig Kollegen, die in diesem September nach Jerusalem gereist sind, geht es ähnlich. András Schiff und Gidon Kremer nehmen sich eigens dafür Zeit, Konzertmeister und Solisten der Berliner und Wiener Philharmoniker reisen an, dazu jede Menge Nachwuchstalente. Sie alle erhalten keine Gage. Es gibt nur Flug, Unterkunft und nach dem Konzert ein Essen an langen Tischen.
Jerusalems Blutverlust
Auch das Publikum, für das an den fünfzehn Abenden die sechshundert Plätze nie ausreichen, kommt nicht, um vor den Konzerten und in der Pause auf der palmengesäumten Terrasse gesehen zu werden. Es geht um Musik, nicht um Garderobe. Selbst Geheimdienstminister Dan Meridor trägt das Hemd offen. „Das ist ein Luxuspublikum“, schwärmt Bashkirova, die 2012 wieder zusammen mit ihrem Sohn, dem Geiger Michael Barenboim, auftritt; auch ihr Ehemann Daniel Barenboim stieß in der Vergangenheit schon dazu. Im Konzertsaal gibt man sich leger, einige tragen Wandersandalen: ein eher älteres Publikum - obwohl doch Israel eine deutlich jüngere Bevölkerung hat als Deutschland und es in Jerusalem zwei Universitäten gibt.
Aber nicht einmal die Musik schafft es, in der den Juden, Christen und Muslimen heiligen Stadt auch die Menschen zusammenzubringen, die fast Tür an Tür wohnen. Religiöse Juden und Araber bilden die Mehrheit unter den Einwohnern Jerusalems. Unter den Zuhörern sind nur wenige Männer, die auf dem Kopf eine Kippa tragen, die sie als gläubige Juden ausweist. Draußen sehen palästinensische Mütter mit Kopftüchern ihren Kindern beim Spielen zu. Im Saal ist kein Arabisch zu hören.
Auch vom Bildungsbürgertum, das früher in Jerusalem den Ton angab, ist wenig geblieben. Der Exodus säkularer Bürger in die weniger frommen Städte an der Küste geht weiter. „Jerusalem kommt mir vor wie ein Mensch, der andauernd an Blut verliert. Es gibt vielleicht keine andere Stadt, die gleichermaßen anziehend ist und traurig wie diese“, sagt Bashkirova, die seit langem beobachtet, wie der Einfluss religiöser Extremisten zunimmt.
Zunehmende israelfeindliche Stimmung
Vom Künstlerquartier im Mishkenot-Konferenzzentrum aus ist die graue Betonmauer zu sehen, die Israel von den Palästinensergebieten trennt. In Ramallah helfen Daniel Barenboim und andere seit Jahren, junge Musiker auszubilden. Einige spielen schon im West-Eastern Divan Orchestra, aber nicht alle sind für einen solistischen Auftritt beim Festival schon gut genug, wie Bashkirova meint. Dabei bleibt selbst ein Konzertbesuch im CVJM-Saal für palästinensische Musikliebhaber eine Herausforderung, weil ihnen das israelische Militär einen Passierschein ausstellen muss. Obendrein boykottieren im Westjordanland immer mehr Künstler und Akademiker Israel wegen der andauernden Besetzung der Palästinensergebiete.
Arabische Musiker aus Staaten wie Syrien und Jordanien, die Bashkirova gern einladen würde, wagen sich wiederum nicht nach Israel, weil sie nach ihrer Rückkehr Repressionen fürchten müssen. So kommen in diesem Jahr neben zahlreichen Israelis wie der Klarinettistin Shirley Brill, dem Pianisten Ohad Ben-Ari und dem ausgezeichneten Jerusalem Quartet nur zwei weitere Teilnehmer aus der Region: der in Nazareth geborene (aber mittlerweile in Berlin lebende) Pianist Saleem Aboud-Ashkar und der aus der Türkei stammende Kontrabassist Burak Marlali.
Die zunehmende israelfeindliche Stimmung bekam das Festival schon im Ausland zu spüren. Seit Jahren unternimmt Elena Bashkirova mit einer Programmauswahl Abstecher nach Europa und Amerika. Bei einer Einladung nach London wurde sie - ein unglaublicher Vorgang - gebeten, das Wort Jerusalem aus dem Namen zu tilgen. Die Veranstalter hatten Angst, dass sich Israel-Kritiker daran stören könnten, wie das in London vor einiger Zeit mit dem Israel Philharmonic Orchestra geschehen war.
Ein musikalisches „Club-Sandwich“
Der Pianist András Schiff hat nicht lange gezögert, er ist ein zweites Mal nach Jerusalem gekommen. „Mir hat es beim ersten Mal im vergangenen Jahr wahnsinnig gut gefallen. Das Publikum ist phantastisch - sachkundig und begeistert. Auch die Mischung der Musiker ist großartig“, sagt Schiff. In Jerusalem könne er mit alten Freunden und ganz jungen Musikern zusammenspielen, die er noch nicht kenne. „Der israelische Nachwuchs ist bewundernswert“, lobt Schiff - auch wenn er fürs Festival oft buchstäblich erst nach Hause zurückgeholt werden muss: Viele junge israelische Künstler haben sich längst im Ausland niedergelassen, viele in Berlin. Zu Beginn seines Konzertauftritts spielt Schiff ein Stück von Schubert - ein Schwerpunkt des diesjährigen Festivals; danach gibt es Musik von Igor Strawinsky, Mieczyslaw Weinberg und Wladimir Tarnopolski. Den zweiten Schwerpunkt bilden russische Komponisten.
Elena Bashkirova vergleicht ihre Programme gern mit einem „Club-Sandwich“, das aus mehreren Lagen mit Bekanntem und Unbekanntem besteht. Die Konzerte können manchmal drei Stunden dauern und Talente von überraschender Seite zeigen. Für die Pianistin Elisabeth Leonskaja und den Bassisten Alexander Vinogradov, die beide erkrankt waren, sprangen kurzfristig Kirill Gerstein und die Sängerin Elisabeth Kulman ein.
Statt Modest Mussorgskys „Lieder und Tänze des Todes“ trägt die österreichische Mezzosopranistin temperamentvoll und mit schauspielerischem Witz dessen „Kinderstube“ vor - ein Glanzpunkt des Festivals, von dem man sich im April 2013 auch in Berlin einen Eindruck verschaffen kann: Dann wird das Jerusalem Chamber Music Festival nämlich zum zweiten Mal im Jüdischen Museum zu Gast sein. „Der kleine Bruder unseres Festivals wächst“, meint Bashkirova, ein bisschen stolz. Sie hat schon wieder neue Programmideen für nächstes Jahr in Jerusalem.