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Jelineks-Uraufführung Schuldlose Schludrigkeit

 ·  Unrat, alte Textreste und kapitalismuskritisches Durcheinander: Elfriede Jelineks neues Theaterstück „Aber sicher!“ wird in Bremen aufgeführt. Es ist ein Tänzchen um alles und nichts.

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© Jörg Landsberg Vergrößern Oh pardon, sind Sie die Rosa Luxemburg? Lisa Guth spielt sie jedenfalls als Miss Theater Bremen.

Je weniger Elfriede Jelinek sich selbst, die Welt und bisweilen auch ihre eigenen Texte zu verstehen scheint, umso größer wirkt ihr Vertrauen in das Theater. Das zeigt sich allein schon daran, dass die Autorin sich mit jedem Text, der zur Uraufführung gelangt, immer noch ein wenig weniger darum schert, wie die Theater mit diesen monologischen Textverknotungen zurechtkommen, die unaufhörlich aus ihr herausschwappen und vom Rowohlt Theaterverlag in die Schauspielhäuser gekippt werden, besonders seitdem sie die Finanzkrise als alles durchdringende System- und Gesellschaftskrise für sich entdeckt hat.

Textzumutung und Resterampe

Spätestens seit den stetig fortgeschriebenen „Kontrakten des Kaufmanns“ (2009), die Nicolas Stemann als großes und großartiges Krisenhappening immer neu inszenierte, gehört es zur Dialektik des Jelinek-Theaters, dass die Autorin den Schwierigkeitsgrad der Spielbarkeit in dem Maße erhöhte, in dem das Theater durch (früher) Einar Schleef, (heute) Nicolas Stemann oder Karin Beier Werkzeuge gefunden hat, das Unspielbare, bisweilen auch nahezu Unlesbare, an ihren Texten spielbar zu machen.

Etwa durch Aufsplitterung der Monologe in viele Sprecher, durch Chöre, durch das Ablesen von besonders unverständlichen Passagen vom Papier und nicht zuletzt durch jene Jelinek-Puppen-Perücken-Sonstwie-Parodie, die heute fester Bestandteil nahezu jeder Jelinek-Inszenierung ist. Wenn nun also ein neues „Stück“ uraufgeführt wird, dann stellt sich neben der Frage, worum es gehen könnte, viel mehr noch die Frage, wie das Theater mit den neuesten Textzumutungen Jelineks umgeht. Selbst oder vielleicht besonders dann, wenn, wie diesmal, das neue „Stück“ in weiten Teilen eine Resterampe ist. Denn „Aber sicher!“, das nun vom Theater Bremen uraufgeführt wurde, besteht zu großen Teilen aus Passagen, die Nicolas Stemann bei seinen „Kontrakte“Inszenierungen in Köln und Hamburg ungenutzt liegen ließ (woraus das Bremer Theater auch gar keinen Hehl macht). Der „Textberg“ wurde von der Autorin zwar neu gesichtet, arrangiert und um einen „Nachtrag“ ergänzt, aber es ist nicht ihr stärkster Text und viele Passagen sind zudem spürbar dated.

Auslöser für die Texte waren schließlich die gezielt falschen Kreditberatungen in den Vereinigten Staaten, die zu Hausverlusten und Obdachlosigkeit führten, aber auch zu Forderungen an und damit zum Fast-Crash des Versicherungsriesen AIG. Im Jahr 2008 rettete die amerikanische Regierung ihn durch massive Aktienkäufe, was ihr wiederum im Jahr 2012, als der Aktienkurs sich wieder erholt hatte, einen Milliardengewinn bescherte, gegen den AIG im Januar 2013 sogar klagen wollte. Es geht Elfriede Jelinek also um Gier, Schuld und Schulden und wie man - ökonomisch nicht allzu sauber argumentiert - diese zu Geld macht; es geht um blinde Seher und schuldlos Schuldige (Ödipus!) und am Ende um die Frage, warum die große Katastrophe doch nicht stattfand. Für Jelinek ist das die eigentliche Katastrophe.

Zwei Stunden Orientierungslosigkeit

In Bremen sind das lange weilende knapp zwei Stunden allgemeine Orientierungslosigkeit, ein Tänzchen um alles und nichts, das der Jelinek-Exegese nichts hinzufügt. Denn so richtungslos und harmlos, wie der Text vor sich hin schnurrt, wirkt auch die Inszenierung des jungen, eigentlich talentierten Hausregisseurs Alexander Riemenschneider. Der lässt seine vier männlichen Schauspieler gleich zu Beginn blutige Nasen holen. Einer nach dem anderen rennt buchstäblich gegen die Wand, die aus Sperrholz ist und die Bühne im Kleinen Haus komplett abriegelt. Vor ihr nun, in falsch verstandenem Bemühen um Nähe, ordnen sich die vier Sprecher vor und im Publikum immer neu, zu Bankberatern, zu Hausverlierern, zum „Konzern“, zum „Staat“. Sie ziehen sich bis auf die Unterhose aus (das letzte Hemd!), greifen auch mal in Theaterscheiße - aber nie ins Leben.

Und wenn dann endlich die Schauspielerin Lisa Guth da steht, im kleinen Schwarzen gekleidet und cocktailpartytauglich frisiert, und den „2. Akt. Für Rosa Luxemburg“ ankündigt, einen Akt, „den man auch weglassen kann“, was hier aber leider nicht geschieht, wenn nun an dessen Ende endlich die Wand, vor der zuvor ein Prospekt der leeren, schwarzen Bühne heruntergelassen wurde, mit einem Knall umfällt, es goldenes Konfetti regnet und eine Batterie von Scheinwerfern die Zuschauer unfreundlich weckt, wenn daraufhin die Schauspielerin Irene Kleinschmidt als trostlosestes Jelinek-Double der jüngeren Theatergeschichte vor sich hin textrobotet, bis endlich der Epilog, die „Klage“, von allen gemeinsam vom Blatt gelesen wird, dann passt es zum Gesamtbild, dass bei dieser Inszenierung eines „Stückes“, in dem „Kapital und Scheiße“ als die wichtigsten „Ströme der Gegenwart“ behauptet werden, die Souffleuse namens Annette Amelung den Restkot, der an diesem Abend auf der Bühne entstanden ist, zwischendurch rasch und geräuschlos mit dem Taschentuch wegputzen kann.

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