30.11.2008 · Wie dramatisiert man den erschütternden Rechnitz-Fall aus dem März 1945, wie bringt man ihn auf die Bühne? Elfriede Jelinek hat in „Der Würgeengel“ eine Historienparty im Fitness-Studio des Verdrängens daraus gemacht. Und Jossi Wieler hat es geschmackvoll umgesetzt.
Von Gerhard StadelmaierDie Boten sind jetzt überflüssig. Sie haben ihre Botschaften längst in Dokumentarfilmen, wissenschaftlichen Abhandlungen, Büchern und Artikeln verkündet (unter anderem in der F.A.Z.: Rechnitz-Massaker: Die Köchin sah die Mörder tanzen). Die Akten- und Faktenlage ist schaurig klar. In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 veranstaltete Margit Gräfin Batthyány, geborene Thyssen, auf ihrem Schloss im burgenländischen Rechnitz einen alkoholseligen Kameradschaftsabend, zu dem HJ-Führer, örtliche NSDAP und SS-Größen geladen waren. Die vorrückende Rote Armee stand bereits fünfzehn Kilometer vor dem Dorf. Gegen dreiundzwanzig Uhr bat Franz Podezin, Ortsgruppenleiter der NSDAP, einen Teil der Gäste nach draußen, verteilte Waffen und lud dazu ein, einhundertachtzig jüdische ungarische Zwangsarbeiter, die zum Bau des sogenannten „Südostwalls“ abkommandiert waren, zu erschießen.
Ob die Gräfin Batthyány, die später bei Bad Homburg Pferde züchtete, nachdem sie Ende März 1945 aus Rechnitz in die Schweiz geflohen war, mitgeschossen oder nur zugeschaut hat, lässt sich nicht beweisen. Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee wurden die Toten ausgegraben, man führte Prozesse, die wenig ergaben, erstellte einen Lageplan der Gräber. Zwei Tat- und Prozesszeugen, darunter ein SA-Mann, wurden von Unbekannten erschossen, der Lageplan verschwand. Herr Podezin wurde nie gefasst. Das Dorf Rechnitz wollte – wie das ganze Land – späterhin vom Massaker in seinen Mauern nichts mehr wissen. Bis, wie gesagt, die wissenschaftlichen und dokumentarfilmerischen und journalistischen Boten Kunde von all dem taten. Von dem nun alle wissen. Es ist längst in der Welt.
Wir sind‘s nicht gewesen
Aber jetzt sind die rechnitzkündenden Boten schon wieder da. Fünf an der Zahl, zwei Damen, drei Herren. Sie tragen Abendkleidung, treten aus elf engen, drehbaren, hohen Holztüren, die auf der Bühne der Münchner Kammerspiele eine Mischung aus Salon, Jagdzimmer (mit Zwölfender-Geweih an der Wandecke droben) und Horchstudio (mit roten Klappsesseln an jeder Holztür samt Kopfhörer drüber) begrenzen.
Es könnte sich im Bühnenbild von Anja Rabes auch um den Hinterzimmerschlupfwinkel eines Restaurants „Zur Wolfsschlucht“ handeln. Denn unaufhörlich und in diversen Verfremdungen erklingt die süßleidige Horn-Sexten-Stelle aus der „Freischütz“-Ouvertüre, zu der die fünf sanft twisten und swingen, oder auch schon mal recht anzüglich die Jägerchor-Musik (Menschenjagd!), wenn Rechnitz-Gewehre aus dem Wandschrank fallen, mit denen die fünf hier aber eher nebenher hantieren und sogar ganz slapsticklustig über sie stolpern. Es müssen damals, in Rechnitz, wie im „Freischütz“, offenbar Teufelszauberkugeln gewesen sein, von fremddiabolischer Hand gelenkt, die in die Körper der Juden fuhren, abgegeben aus fünfzehn Gewehrläufen. Diese fünf hier äffen nur: Sie schießen allenfalls mit Worten. Lächelnd in die Luft.
Die Damen lüpfen die Röcke, unter denen die Hände der Herren leichthin rutschen. Man ist sanft obszön, mampft mal Eier, mal Hühnchen, liegt in Unterwäsche locker herum, zieht sich Pelzmäntel über, schleckt an Schokotorten, ist schon irgendwie auch kultiviert und hält sich den ganzen historischen Schrecken mit Finten und Finessen vom Leibe: Wir sind‘s nicht gewesen. Wir sind nicht schuld. Fünf selig lustige Kulturspießer. Operngenießer. Österreichische Deutschromantiker mit bestem Gewissen. Boten, die alles gesehen und miterlebt, aber nichts begriffen haben außer, dass man, nehmt alles nur in allem, die ollen Schreckenskamellen doch in Ruhe lassen soll, dass die „Opfergeilheit“ und der „Sündenstolz“ und die Gier nach „Buß und Reu“ der Nachgeborenen lächerlich sei. Geplapper auf einer Historienparty im Fitness-Studio des Verdrängens. Zwei Stunden lang treibt der geschmackvolle Regisseur Jossi Wieler fünf witzige Schauspieler durch ein entlarvendes Zynismus-und-Banalität-des-Bösen-Ertüchtigungsprogramm: mit lachmuskelstärkenden Typen-Hanteln.
Es hängt zu viel Blut daran - und zu viel Papier
Hildegard Schmahl gibt im langen Violetten die auch im Stimmton blondierte Wilmersdorfer Witwe, die es gut findet, dass Menschen, an denen sowieso wegen Verhungerns nichts mehr dran war, gnädig erschossen werden – „und jetzt beschweren die sich auch noch“. André Jung ist der gebildete, genervte Naivling, der gerne Damenunterwäsche trägt, Steven Scharf der Naturburschenschaftler mit dem Raubtiergrinsen, Hans Kremer der Sado-Dandy mit dem sanften Messerblick, Katja Bürkle das G‘wissensflittchen mit wenig drunter. Der Abend zeigt: schrecklich nette Leute, die von einer schrecklichen Geschichte und ihrem Dreck am Stecken nichts wissen wollen. Das wird hübsch entlarvt. Man sieht aber vor lauter Entlarvung das Drama nicht. Und das ist ja auch gut so.
Das Drama nämlich besteht im Rechnitz-Fall ja schon aus den Aktenfakten. Sie benötigen die Verdichtungs- und Umdichtungsphantasiemaschine Theater nicht. Die Szenen und ihre Wirklichkeitsdarsteller sind im Falle Rechnitz (bitte, nicht nur dort) so unsäglich, dass man sie sich unschwer vorstellen kann, sie sich aber schwer darstellen lassen. Schon aus Massengründen. Denn es hängt zu viel Blut daran - und zu viel Papier. Ein Ermordeter füllt die Bühne. Hundertzwanzig sprengen sie. Ein Brief aus dem KZ ist eine Monologerschütterung. Dreihunderttausend Leitzordner sind ein Theatergrab. Das Theater kann viel. In manchen Fällen können Leitartikel mehr: die alte Krux des Historiendramas. Vor dem nur zwei Nicht-Dramatiker überhaupt keine Angst haben. Einerseits Rolf Huchhuth. Andererseits Elfriede Jelinek.
Während der gelernte Buchhändler Hochhuth aus historischem Papier papierene Historien bastelt, womit er aber oft aktuelle Wirkungen entfaltet (siehe: Papst Pius XII., Churchill, Filbinger), verkordelt die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die sich jetzt sozusagen zur Hochhüterin des Massakers zu Rechnitz aufgeschwungen hat, in „Rechnitz (Der Würgeengel)“ die historischen Akten und Fakten mit aktuellen Kalauern, mit denen sie das Historische kleinkocht. Und ihm so alle Wirkung nimmt.
Schon in „Bambiland“ (2003), wo sie den Irak-Krieg abhandelte, bombardierte sie die Leute in Bagdad mit Jelinekismen, die naturgemäß die Amerikaner treffen sollten, und höhnte einer Tomahawk-Rakete, die auf dem Markt von Bagdad einschlug, hinterher: „Ja, was hat sie denn da gewollt, wollte sie einkaufen, die liebe Tomahawk? Vielleicht auch was essen?“ Ihre Stücke, die keine Stücke sind, stellen absatzlose textflächendeckende monologische Eruptionen über hunderte von Seiten weg dar, in denen von einem autorinnenbesetzten monomanischen Hass- und Raunzstammtisch aus über Gott und die Welt hergefallen wird: mit der Attitüde, Gott und die Welt in die Pfanne zu hauen, in der das Unfassbare so lange bis zur Lächerlichkeit verbrutzelt wird, bis man es als vollkommene Harm- und Belanglosigkeit von der Stammtischfläche kippen kann. Sie nimmt sich das Größte vor – um es in der Wortzerhäckselungsmaschine so kleinzukriegen, dass es keinen mehr interessiert.
Kopfnickerisch die Nackenmuskeln verstärken
So werden im „Rechnitz“-Fall locker „Blutordensträger“ zu „Hosenträgern“, kommen Vorstände als „Vorsteher (ich war eine Drüse)“ auf Prostata-Niveau, wird ein Wasserhahn dreimal krähend zu einer Verleugnung à la Petrus führen, werden „Geschichtsimplantate“ operiert oder „historisches Gepäck abgestellt“, werden „Zügel gehalten, aber unsere Züge haben sie nicht halten können“, sollte Deutschland nicht „der Nabel, lieber der Arsch der Welt“ sein, denn „darauf kann man sitzen“. Aber all dies kalauermäßig an den Rechnitz-Akten und -Fakten entlang, so dass, angefangen beim Brand im Schloss bis hin zur Gemäldesammlung der Thyssen-Bornemiszas in der Villa Favorita in Lugano (die bei Jelinek ein „Favorit“ anlegt), von der Erschießung der hundertundzwanzig („die sind schon geliefert, und jetzt werden sie aufgetragen“) bis hin zu deutschen und österreichischen Bewusstseins- und Urlaubsbräuchen inklusive des Menschenfleischkonsums des Kannibalen von Rothenburg, von den „Toten, die man doch nicht gegessen haben wird“ bis hin zu den „nach Hartz duftenden Opfern“ buchstäblich alles von einem „Alppapier“ sofort zu einem „Altpapier“ wird.
Da ist es doch würdig und recht, wenn ein geschmackvoller Regisseur und fünf witzige Schauspieler aus dieser Betroffenheitsverwurstungsshow ungefähr sechzig bis siebzig Prozent an Peinlichkeit gestrichen und dreißig Prozent an leidlich Botenkritischem durchturnt und durchtanzt und durchlächelt haben. So werden aus dem unmöglichen Blut-und-Boten-Geschichtsdrama, das die Jelinek nicht bewältigt, an den Münchner Kammerspielen zwei hübsche Musikkabarettstunden, in denen Spießermentalität vor historischer Folie entlarvend bewältigt wird. Abgesehen davon, dass dies auch schon wieder ein wenig spießig wirkt, weil es nur kopfnickerisch die Nackenmuskeln verstärkt, war es ein wirklich amüsanter und erhebender Abend. Die Toten von Rechnitz, wie gesagt, spielen ja auf einer anderen Bühne.