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Jelinek-Premiere in Köln Apokalypse grau

 ·  Wir fischen im Trüben, nein: im Trübsinn: Die Regisseurin Karin Beier rollt in Elfriede Jelineks Fukushima-Stück „Kein Licht“ einen Textcollagenteppich aus.

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Das Orchester stellt das Modell, komplex und vielseitig. Wofür kann es nicht alles stehen, ein sozialer Mikrokosmos, der ein Unternehmen, eine Stadtgesellschaft oder die ganze Welt bedeuten mag, was lässt sich daran nicht alles aufzeigen, alles ablesen? Das Verhältnis von Einzelnem und Gruppe, Führungskraft und gemeinsamem Willen, Hierarchien und Abhängigkeiten, Selbstregulierung und Verantwortung. Und wie leicht ist es möglich, durch Übereifer oder Egoismus, Nachlässigkeit oder Resignation das Gesamtbild zu gefährden, gar, Kakophonie statt Wohlklang, zunichtezumachen? Zu laut oder zu leise, ein falscher Ton genügt.

Das Orchester setzt die Grundkonstellation der Aufführung „Demokratie in Abendstunden“, mit der das Schauspiel Köln die Saison eröffnet. Zunächst ist sie gar nicht erkennbar, nach und nach wird sie aufgebaut. Ein Glaskubus steht links in dem großen grauen Kasten, den Johannes Schütz entworfen hat, Wabendecke, zwei kleine Tische, Lautsprecherboxen, Mikrofone an den Seiten, eine Mülltonne vor der Rückwand, hinten in der Ecke ein Wasserspender, vorne eine Kaffeemaschine, dazwischen ein Hausmeister: Michael Wittenborn - Zopf, grauer Kittel, Badelatschen, schiefer Gang - schleppt Stühle herein und plaziert sie millimetergenau.

Dada-Manifest und Gewaltdebatte

Der einsame Baritonklarinettist ist der erste, zwei kumpelige Kollegen mit Instrumentenkoffer folgen, dann zwei Frauen mit Cello, die sich in Positionskämpfe verhaken; eine Japanerin, die als Einzige grüßt, setzt sich ans Klavier, der Hausmeister bringt Notenständer, eine Sängerin stolziert nach vorne und spuckt spitze Töne, Bläser, sogar ein Sousaphon ist dabei, Harfe, Vibraphon, Gong, Schlagwerke nehmen Aufstellung. Kleine Reibereien, Sticheleien, Rivalitäten. Nur, einen Halbkreis, einen Klangkörper bildet sich nicht. Das Orchester, zehn Schauspieler und sieben Musiker, bleibt Fragment.

Die Instrumente werden gestimmt, dann endlich - „er kommt!“ - tigert der Dirigent herein, kleiner Mann, große Schritte, finstere Entschlossenheit: Wolfgang Pregler. Handkuss für die Sängerin, Blick ins Publikum, „Opus 111“, aber nicht von Beethoven. Gespannte Erwartung, die Arme sind ausgebreitet, ein Huster. Der Taktstock-Zampano dreht sich um und geigt dem Saal die Meinung, eine Publikumsbeschimpfung, die sich gewaschen hat, dann ein neuer Anlauf, neutönerische Emphasen. Doch der Hausmeister schlurft dazwischen, ein Musiker pocht auf die tarifrechtlich garantierte Ruhezeit und hat alle auf seiner Seite, ein anderer mault über sein mickriges Gehalt, der Streit um eine Note eskaliert zur Machtfrage, und die Aufführung ist, frei nach Fellinis „Orchesterprobe“, bei ihrem Thema.

In vielen Positionswechseln und überraschenden Volten, Positionen und Gegenpositionen spricht, geht und spitzt sie es an: Wie ist dem Katastrophenlauf der Welt mit Kunst beizukommen, wie der Demokratie und ihren Gefährdungen? Und wie steht es um die Kunst selbst, ist sie mit Demokratie vereinbar? Das Orchester ist nicht nur die Grundkonstellation, es ist auch Reflexionsraum und Rahmen. Denn der Aufführung liegt kein fertiges Drama, sondern eine Szenenfolge zugrunde, die Karin Beier mit den Dramaturginnen Bettina Auer und Rita Thiele aus vielen Texten, von Al Qaida über Bernhard, Beuys, Breton und Rainald Goetz bis Slavoj Zizek, montiert hat: Räsonnement, Rede und Gegenrede, Pamphlet und Palaver, Dada-Manifest und Gewaltdebatte.

Sprachpartitur mit zwei Stimmen

Leere weiße Seiten schneien auf die Bühne, Bodypainting und Donnergrollen, der Glaskubus wird Plakatwand und Beschmierfläche, den Taktstock übernehmen will keiner, jeder gibt die Verantwortung weiter. Die streitenden Stimmen vereinen sich in politischen Parolen, die scharf skandiert werden, am Ende findet das Ensemble zur Orchesterprobe zurück und zu einem verzweifelten Trotzdem: „Wir spielen!“ Die Kunst erklärt lautstark ihre Ohnmacht, um sie kokett zu widerlegen.

Die szenische Collage ist der Prolog zu einem Text, den Elfriede Jelinek für das Schauspiel Köln geschrieben hat - doch, nein, eher umgekehrt: „Kein Licht“, das mit knapp einer Stunde nur halb so lang ausfällt, wird zum Epilog von „Demokratie in Abendstunden“. Keine Textfläche ohne Punkt und Komma diesmal, sondern eine Sprachpartitur mit zwei Stimmen, den Orchestergeigern A und B, erster Versuch der Autorin, die Havarie von Fukushima zu fassen, Fortschreibung ihrer Einreden gegen blinde Technikgläubigkeit und grenzenlose Naturbeherrschung.

Die Musiker, zwei Untote, können die Töne, die sie zu spielen glauben, nicht mehr hören: „Wir fischen im Trüben, nein, im Trübsinn.“ Und reden, als hätte das alles, obwohl sie doch mitten drinstecken, nichts mit ihnen zu tun: „Die Verdunklung hat uns überrannt.“ Karin Beier, die nur einen Bruchteil der vierzig Seiten inszeniert, lässt die beiden, Lina Beckmann und Julia Wieninger, als Musikclowns durch eine versinkende Landschaft purzeln, in der eine Japanerin klagend herumirrt und Vermisstenanzeigen klebt: eine postbeckettsche Gespenstersonate, Apokalypse grau.

Panikorchesterprobe bis zur Pause, dann wird die Luft dünner. Groß angelegt, vielfältig im szenischen Ablauf und ingeniös verknüpft, kann die Performance, die vom Kölner Ensemble so virtuos wie vehement getragen wird, Witz und Wut, Unruhe und Beunruhigung oft zusammenbringen, doch hat sie auch überfrachtete, diffuse, deklamatorische Passagen. Karin Beier will zu viel, die Schärfe und Schlagfertigkeit von Jelineks „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“, einem Köln-Bashing, mit dem sie die vergangene Saison aufrollte, entwickelt „Demokratie in Abendstunden“ / „Kein Licht“ nicht. Das Publikum hat die Premiere ähnlich groß gefeiert.

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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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