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Jelinek in Frankfurt : Der Glaube ans Geld oder Casino real

Die Hohepriesterin des Kapitals (Constanze Becker) mit den Sektenjüngern Nils Kahnwald, Michael Goldberg, Sébastien Jacobi, Lisa Stiegler (l.-r.). Bild: Birgit Hupfeld

Elfriede Jelineks „Kontrakte des Kaufmanns“, ein Stück zur Finanzkrise, ist jetzt im Schauspiel Frankfurt angekommen, als Kabarett und Klamotte im Casino. Eine Wirtschaftskomödie? Etikettenschwindel!

          Die Bank nennt sich jetzt Herakles, und die (nicht näher bezeichnete) Gesellschaft tut es ihr nach: So steht es in Zierschrift auf den Bildschirmen, die im Foyer hängen. Dabei haben beide gar nichts miteinander zu tun, doch genau das ist Kalkül. Denn die Kunden, die von der Gesellschaft Papiere kauften, haben geglaubt, es mit der Bank zu tun zu haben. So hat sich Herakles der Aufsicht entzogen, wie die Firma sich überhaupt wie ein Gott selbst kontrolliert. Und wie kleine Götter haben sich auch die Kleinanleger gefühlt. Nur, dass sie jetzt nichts mehr haben.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Den Regisseuren, die sich ihres Schauspiels „Die Kontrakte des Kaufmanns“ annehmen, macht es Elfriede Jelinek leicht: „Der Text kann an jeder beliebigen Stelle anfangen und aufhören“, und: „Es ist egal, wie man ihn realisiert.“ Die Schwierigkeit mit dieser „Wirtschaftskomödie“, die, angeregt durch die Pleiten zweier österreichischer Banken, zur globalen Finanzkrise gerade fertig war, liegt woanders: Ohne Absätze, Rollen, Szenen oder gar Dialoge erstreckt sich die figurenlose Textfläche über mehr als neunzig Seiten. Das Stück ist, was das Theater daraus macht.

          Raubtierkapitalismus-Bashing als Kleinkunst

          Das Schauspiel Frankfurt macht daraus zunächst einen Ortswechsel. Es ist für seine Jelinek-Inszenierung an einen „authentischen Ort“ gezogen, in die ehemalige Diamantenbörse, eine 1974 errichtete Spekulationsruine im Rücken der Einkaufsmeile Zeil, die, bis sie zum Wohn- und Geschäftshaus umgebaut wird, zwei Wochen lang für kulturelle Projekte zwischengenutzt wird. Dort schlägt der Regisseur Philipp Preuss gleich ins Kontor. Mit der Firma Herakles, die sich vorstellt, sind auch schon die windigen Geldgeschäfte, die teure Zertifikate in wertlose Papiere verwandeln, angesprochen. Warum und wie das geht, kann und will auch Elfriede Jelinek nicht erklären, um das Irreale daran assoziativ und wortspielerisch in seiner Absurdität zu verdeutlichen.

          Als Hohepriesterin des Kapitals sitzt Constanze Becker, aufgetakelt wie eine Fruchtbarkeitsgöttin mit buntem Blumenkopfschmuck aus Plastik, zwischen Goldfischglas und Sektkübel und haut in die Tasten. Was sie an strategischen Linien vorgibt, wird auf die Monitore übertragen und von ihren Sektenjüngern in rosa Glitzerkitteln und weißen Jeans auf der kleinen Bühne davor angespielt und variiert: Lisa Stiegler, Michael Goldberg, Sébastien Jacobi und Nils Kahnwald sprechen und singen im flotten Wechsel, setzen Politikermasken auf und baden in Seifenblasen. Raubtierkapitalismus-Bashing als Kleinkunst.

          Casino real

          Im ersten Teil wird die Krise aus „Täterperspektive“ erzählt und das Publikum in die Rolle der Kleinanleger versetzt. In der Bankenmetropole Frankfurt ist das eine sichere Bank: Hier spricht das Geld. Glaubenssätze, Investmenttricks, Luftgeschäfte, Täuschungsmanöver, Kursmanipulationen, Werbesprüche, Beschwichtigungsformeln werden zum Verhaltenskanon einer Gesellschaft erklärt, deren Abgott das Gewinnstreben ist, der keine Erlöse einstreicht, sondern alle erlöst hat. Noch in den religiös kontaminierten Übersteigerungen ergeht sich die Autorin in Wiederholungen und Beliebigkeiten, die mehr verharmlosen als entlarven.

          Da geht man doch besser gleich in die Spielbank, denkt sich der Kleinanleger. Und genau das macht er hier dann auch. Die Rolltreppen im Foyer springen an und transportieren das Publikum, während Jetons verteilt werden, in ein buntes Casino, wo zum Einsatz aufgefordert wird: An zwei Tischen dreht sich das Roulette, an einem wird Black Jack angeboten. Die Croupiers sind Profis, rien ne va plus. Glücksspiel kann, wenn keine Zeile Jelinek stört, erholsam sein. Casino real.

          Am Ende sind alle tot

          Dann öffnet sich daneben ein Raum, in dem die Zuschauer auf Kisten Platz zu nehmen haben. Ein bürgerliches Interieur mit zwei Kaminen und einem Klavier gibt vor einer gemalten Winterlandschaft den Rahmen, die Beatles singen „You never give me your money“: Hier endlich soll die Frage, wie das viele Geld so spurlos verschwinden konnte, beantwortet werden. Die Gewinner geben sich ahnungslos, die Verlierer, die erst Pelzmäntel tragen und später Allonge-Perücken aufsetzen, üben Selbstkritik. Die Erklärungsversuche drehen fachchinesische Schleifen, ziehen abstruse Vergleiche und verlagern sich auf die seitlichen Leinwände, die Selbstmordszenarien aber werden konkret. Die Inszenierung hat viel ausprobiert und immer wieder neue Anläufe unternommen, um ins Spiel zu kommen. Der Versuch, die letzten Pläne auszuarbeiten, aber gerät strapaziös, Discokugel und Presslufthammer werden eingesetzt, die Videosequenzen werden länger, die Sentenzen dünner: „Geld ist nicht alles. Nein, alles ist es nicht, es ist bloß alles.“ Am Ende sind alle tot.

          Bei der Uraufführung der „Kontrakte des Kaufmanns“ am Schauspiel Köln (in Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater) vor zwei Jahren gab Nicolas Stemann den Conferencier: Seine Inszenierung war kaum mehr als eine zu Improvisation und Revue sich öffnende Lesung und benötigte fast vier Stunden (siehe Das neue Stück von Elfriede Jelinek: Milchmädchenrechnung für die Krise). Jetzt filtert Philipp Preuss in Frankfurt aus der Textsuada in gut der Hälfte der Zeit einen Traktat über den Glauben an das Geld und den Kapitalismus als Konfession. Was als munteres Kabarett anhebt, versackt in der bedeutungsschweren Klamotte. Das Theater zahlt hier wie dort drauf. Wirtschaftskomödie? Etikettenschwindel.

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