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Jazzlegende Chick Corea : Verführe uns nicht zu Disco

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Rasendes Stoßgebet zum Jazzhimmel: Chick Corea (links) mit dem Geiger Jean-Luc Ponty Bild: dpa

Hexengebräu: Chick Corea zeigt mit seiner prominent besetzten Band beim Ruhr-Klavierfestival in der Duisburger Mercatorhalle, dass der Jazzrock nichts von seiner brodelnden Atmosphäre verloren hat.

          Nein, George Gershwin kann nichts dafür, wenn mittelmäßige Barpianisten rund um die Welt ihn für ihresgleichen halten und seine, nicht nur nach den Worten Schönbergs, genialen Werke zu später Trinkstunde rauf und runter verhunzen. Debussy ist auch nicht daran schuld, dass Kaliforniens Filmindustrie sein orchestrales Meeresrauschen so lange in B-Pictures verwendete, bis der reale Debussy im Konzertsaal fast schon als Hollywood-Kopie wahrgenommen wurde. Und Horace Silver, Miles Davis, Joe Zawinul, Ramsey Lewis, Freddie Hubbard, Dave Brubeck, Herbie Hancock und eine ganze Phalanx weiterer origineller Musiker müssen sich schließlich nicht dafür schämen, dass DJs und Klangtüftler ihre Ideen als Riffs, Grooves und Samples in Soundmaschinen stopfen und sich als ihre eigene Leistung honorieren lassen.

          Aber man muss schon ästhetische Toleranz besitzen, um etwa jetzt beim Auftritt von Chick Coreas wiedervereinigter Fusion-Band „Return To Forever“ beim Klavier-Festival Ruhr in Duisburgs Mercatorhalle nicht zu denken: tausendmal gehört. Wenn Chick Corea gleich zu Beginn seine „Medieval Overture“ anstimmt, dann klingt es fast so, als hätte er sein eigenes Keyboard damit programmiert und müsste selbst gar nicht mehr die Tasten drücken. Noch eine ganze Weile wird man das Gefühl nicht los, das Dreigestirn aus dem Pianisten Chick Corea, dem Bassisten Stanley Clarke und dem Schlagzeuger Lenny White - die Urformation von „Return To Forever“, verstärkt mit dem Geiger Jean-Luc Ponty und dem Gitarristen Frank Gambale - habe seine Hits in den siebziger Jahren eingefroren und taue sie jetzt nur noch einmal auf.

          „Erlöse uns vom Kommerz, Amen“

          Die rasenden Läufe, die plakativen Ostinati und eingängigen Rhythmus-Patterns, das Baukastenprinzip, wonach die Song-Teile zusammengesetzt werden, sind zu jenen Klischees geworden, wie sie der prophetische Gitarrist Larry Coryell in seinem blasphemischen Vaterunser der Jazz-Rock-Fusion schon 1978 hat kommen sehen: „Vater unser, der du eine Kreuzung aus Miles Davis, John Coltrane und Jimi Hendrix bist, vergib uns unsere falschen Akkordfortschreitungen, verführe uns nicht zu Disco, sondern erlöse uns vom Kommerz, Amen.“

          Intarsienarbeiten an den Keyboards: Chick Corea als Kopf der Band „Return to Forever”
          Intarsienarbeiten an den Keyboards: Chick Corea als Kopf der Band „Return to Forever” : Bild: dpa

          Aber im Laufe des Konzerts müssen Chick Corea und seine Mitstreiter Coryells Stoßgebet zum Himmel geschickt haben und erhört worden sein. Denn plötzlich, bei Jean-Luc Pontys „Renaissance“, war nichts mehr zu spüren von Stereotypen und Abklatsch, da ließ Jean-Luc Ponty seinen Bogen so inspiriert und ohne allen virtuosen Schnickschnack über die elektrisch verstärkte Geige streichen, baute Stanley Clarke sein Solo so kraftvoll aus einem winzigen Ostinato auf, dass man seine aberwitzige Slapping-Technik nur als logische dramaturgische Konsequenz empfinden konnte. Und Chick Corea fügte seine Improvisationen auf dem Flügel und diversen elektronischen Keyboards bei „After the Cosmic Rain“ oder „Romantic Warrior“ wie elfenbeinerne Intarsien in die pulsierenden Rhythmen von Lenny White ein, dass sie wie funkelnagelneu erschienen.

          Dankbare Traditionalisten

          Da war sie wieder, diese Magie aus der rhythmisch-melodischen Reduktion des Jazzrock, diese brodelnde Atmosphäre, die dem Paten Miles Davis bei seinem Hexengebräu Ende der sechziger Jahre so attraktiv erschienen ist, dass er bis zum seinem Ende nicht mehr davon loskam. Und weil fast alle Jazzmusiker dankbare Traditionalisten sind, die wissen, wem sie etwas zu verdanken haben, zog Chick Corea am Ende noch einmal höflich den Hut vor dem Größten und intonierte mit dem wandlungsfähigen Frank Gambale an der halbakustischen Gitarre Rodrigos Concierto de Aranjuez. Miles Davis hat es vor einem halben Jahrhundert mit dem Arrangeur Gil Evans auf seinen „Sketches Of Spain“ verewigt: ein Meilenstein der Jazzgeschichte.

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