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Jazzfestival Frankfurt : Auf Klangwolke sieben

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Der Saxophonist Chris Potter erfüllt den Saal mit seinem Spiel bis in den letzten Winkel. Dave Holland (hinten) sorgt am Bass für die Grundierung. Bild: Anna Meuer

Das Jazzfestival Frankfurt vereint große musikalische Individualisten. Sie erspielen sich das Prädikat „besonders wertvoll“. Nur das Revival von Beatles-Songs ist mit Vorsicht zu genießen.

          Es war ein Detail, aber ein bedeutsames. Chris Potter kämpfte mit dem Clipmikrofon an seinem Tenorsaxophon, warf es schließlich zu Boden, stellte sich wie in alten Zeiten vor das Standmikro und blies sich die Lunge aus dem Hals. In diesem kritischsten Moment seines Solos, als die Töne schon nicht mehr gespielt wurden, eher unkontrolliert wie bei einem Instrumentenrohrbruch herausgeschossen kamen, wäre er wohl ohne elektronische Hilfsmittel bis in den letzten Winkel des Saals zu hören gewesen. Wie Sonny Rollins, ein Demosthenes moderner Prägung, der einst tagsüber auf der Williamsburg Bridge gegen den New Yorker Verkehrslärm anblies, um nachts seine so gestärkten kolossalen Saxophontöne gegen alle Widrigkeiten des Lebens und der modernen Konzertsäle anklingen zu lassen.

          Beim 47. Deutschen Jazzfestival Frankfurt war Chris Potter nicht der einzige große Solist, der auf seine Imaginationskraft vertrauen konnte. Die Individualisten gaben sich in der Alten Oper, dem Sendesaal des Hessischen Rundfunks und im Mousonturm an fünf musikalisch randvollen Abenden die Klinke in die Hand. Und je mehr sich davon in einer Band versammelten, umso packender war das Ergebnis. Etwa bei Aziza, dem Quartett mit Chris Potter, dem Bassisten Dave Holland, dem aus Benin stammenden Gitarristen Lionel Loueke und dem Schlagzeuger Eric Harland.

          Der musikalische Buddha zupft den Bass

          Dave Holland, von Miles Davis mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgestattet, war immer schon ein unerschütterliches Fundament für jede Band. Jetzt ruht er wie ein musikalischer Buddha in sich und breitet seine sonor-schnörkellosen Bassläufe wie einen roten Teppich vor Lionel Loueke aus, damit dessen exzentrisch flirrende Gitarrentöne umso glänzender hervortreten. Natürlich auch Potters rasende akustische Signale, die den legendären „Sheets of Sound“ von John Coltrane nahe kommen, und auch die brodelnden Trommeltöne von Eric Harland, der wohl bei Charles Lloyd gelernt hat, was das unübersetzbare Magiewort „groove“ bedeutet.

          Ähnlich faszinierende Gleichklänge konnte man auch bei Phronesis erleben, einem Trio um den dänischen Bassisten Jasper Høiby, der wie ein Widergänger des seligen Jaco Pastorius erscheint. Jedenfalls hat man lange keinen so federnden, pulsierenden, rhythmisch alles Klanggeschehen zusammenhaltenden Bassisten erlebt wie Høiby im Zusammenspiel mit dem Drummer Anton Eger und dem englischen Pianisten Ivo Neame, der in seinem enzyklopädischen Klavierspiel offenbar die besten stilistischen Ingredienzien von Bud Powell bis zu Keith Jarrett und Paul Bley zu vereinen trachtet.

          Kein Jazzfestival ohne amerikanische Prominenz. In diesem Jahr war es ein Triumvirat aus dem Gitarristen John Scofield, der Pianistin Myra Melford und dem Saxophonisten Joe Lovano, drei Jazzschwergewichte mit ganz unterschiedlichen musikalischen Visionen. Während sich der kauzige John Scofield offenbar nach seiner unbeschwerten Country-Jugend zurücksehnt und alte Kamellen von Hank Williams, Dolly Parton oder Merle Haggard mit skurril-authentischer bis wunderbar-neuer Klangvielfalt ausstattet, lässt sich Joe Lovano von den karibischen Rhythmen des kubanischen Pianisten Chucho Valdès inspirieren und findet einen Balladentonfall, den auch Ben Webster nicht besser aus seinem Horn gezaubert hätte. Dagegen verlässt sich Myra Melford ganz auf ihr eigenes Universum und ein Klangspektrum von ruppig-chaotischem Free Jazz („The Kitchen“) bis zu atmosphärisch dichten Schumannschen Träumereien („Night of Sorrow“).

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