30.10.2011 · Zwei Giganten und ziemlich große Künstler harmonieren beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt wie eineiige Zwillinge: Joachim Kühn und Archie Shepp.
Von Wolfgang SandnerWer immer noch behauptet, das Klavier besitze kein Mundstück und das Saxophon keine Stahlsaiten, wer den Klang weiterhin schwarzmalen oder weißwaschen will und dem Glauben anhängt, ein Schlagzeugsolo sei unabdingbar, um die Füße mitwippen zu lassen, wer zweiunddreißig Takte braucht, um sich zu orientieren, und eine Schlusskadenz, um applaudieren zu können, der hat keine Ahnung von Jazz. Oder sagen wir etwas milder: Er war nicht bei der diesjährigen Auflage des Deutschen Jazzfestivals Frankfurt im Sendesaal des Hessischen Rundfunks, wo er möglicherweise eine der hellsten Stunden dieser Musik in den letzten zehn Jahren versäumt hat. Der Leipziger Pianist Joachim Kühn und der Saxophonist Archie Shepp aus Fort Lauderdale haben im Duo demonstriert, was Jazz heute bedeuten kann, vielleicht sogar soll. Gute sechzig Minuten dauerte ihr Auftritt, bei dem sie vor allem Stücke ihrer Aufnahme unter dem Titel „Wo! Man“ improvisierten: Es war eine Offenbarung.
Archie Shepp, dieser gottgesegnete Tenorsaxophonist, würde jeden Lehrer für dieses Instrument zur Verzweiflung bringen. So kann man nicht intonieren, so kann man nicht auf dem Rohrblatt herumkauen, so darf man nicht ins Instrument hineinblasen. Eigentlich darf man überhaupt nichts so machen wie Archie Shepp. Wenn man den Regeln folgen will! Aber was bei Shepps abenteuerlicher Spieltechnik den Schalltrichter des Instruments verlässt, hat die Welt noch nicht gehört. Kein Wissenschaftler wäre fähig, diese Klänge zu transkribieren. Das klingt nach Stahltrust wie bei Prokofjew und dann wieder wie die endlich gefundene blaue Blume von Novalis. Es ist schier unglaublich, wie das alles schillern und klangfarblich blühen kann, wie Shepp die Grundlinie der harmonisch-melodischen Basis durchschimmern lässt, aber sich so weit davon entfernt, dass es ein Rätsel ist, wie er sich aus diesen Galaxien wieder zurückholen kann.
Das eigentliche Wunder aber ist die Polyphonie mit dem Pianisten Joachim Kühn. Die beiden sind musikalisch so auf einem gemeinsamen Trip, dass sie ihre Instrumente zu transzendieren vermögen. Hat Joachim Kühn da ins Klavier geblasen und Shepp die schwarzen und weißen Tasten seines Saxophons berührt? Wie kann man so aufeinander reagieren? Archie Shepp hat es mit einem Wort nach der Improvisation über Benny Golsons „Stablemates“ angedeutet: Sie kämen aus demselben Stall. Das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Sie müssen eineiige Zwillinge sein, der weiße Schwarze Kühn und der schwarze Schwarze Shepp.
Sie ticken vollkommen synchron, hören aufeinander wie zwei Jagdhunde, inspirieren sich mit melodischen Gedankensplittern und rhythmischen Impulsen. Es ist das Ideal dieser Musik: zwei Musiker, denen das Instrument keinen Widerstand mehr entgegenbringt, die die Geschichte des Jazz von den ersten zwölf Takten bis zu den Urschreien des Free Jazz völlig absorbiert haben, aber wach geblieben sind und aus den ältesten Balladen, Duke Ellingtons „Sophisticated Lady“ aus dem Jahr 1933 etwa, ein Feuer entfachen können, an dem sich die schrumpfende Gemeinde des Hardcore-Jazz auch heute noch zu wärmen vermag.
Und wenn Joachim Kühn, dieser deutsche Bildungsbürgerpianist mit den Fähigkeiten und der Erfahrung einer New Yorker Underground-Karriere einmal die Weiten des funktionsharmonischen Universums von Bach bis Skrjabin durchschreitet, schweigt Archie Shepp, der kluge Autor von Black Studies an der Universität von Massachusetts, und versucht herauszuhören, was er davon in sein afroamerikanisches Obertongeflüster und seine Lippentänze einflechten kann.
Was soll man zu den armen anderen Musikern des Festivals sagen? Zu McCoy Tyner, dem grandiosen Pianisten in der Band des legendären John Coltrane, der mit seiner linken Hand noch immer ein ganzes Orchester zu ersetzen vermag, aber eigentlich mehr von seinem Renommee zehrt als von zündend weiterreichenden Ideen. Oder von dem schwedischen Tenorsaxophonisten Jonas Kullhammar, der sich der schier unlösbaren Aufgabe unterzog, Coltranes Meisterstück „A Love Supreme“ neu zu interpretieren, bei aller stupenden Technik und angemessenen Phrasierungskunst aber doch nur die Frage aufkommen ließ, ob sein Versuch nicht dem absurden Gedanken entspricht, Picassos „Guernica“ aufs Neue malen zu wollen.
Dann die drei Musiker vom „Kapital“, die Hanns Eislers Musik im Jazzton erklingen ließen und nicht im Entferntesten an den packenden Dilettantismus und die Aktualität des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters von Heiner Goebbels vor vierzig Jahren herankamen, als die Notstandsgesetze die Gesellschaft spalteten und die Musiker politisch darauf reagierten. Wie hätte sich schließlich ein Mann wie Bob Degen gegen den Geniestreich des deutsch-amerikanischen Duos behaupten sollen, der mit seiner wunderbar filigranen Klaviermusik der Frankfurter Schule des Jazz eine solide Basis gibt und auch jetzt eher bescheiden demonstrierte, dass er die Klangsinnlichkeit eines Bill Evans und die formvollendete Improvisationskunst eines Hank Jones verinnerlicht hat.
Immerhin aber gab es noch zwei Auftritte der phänomenalen hr-Bigband, die mittlerweile zu den herausragenden europäischen Jazzorchestern gehört: einmal unter dem früheren Leiter Jörg Achim Keller mit feinen Arrangements von Oliver Nelson und dem Saxophonisten Vincent Herring, das andere Mal mit Archie Shepp als Gast und einer fulminanten, im Vergleich zu „A Love Supreme“ von Kullhammar hier tatsächlich neuen Interpretation von Coltranes Geniestreich „Africa/Brass“ in Arrangements von Charles Tolliver.
Nach einem ermüdenden Auftritt elektronischer Klangtüftler des Harriet Tubman Double Trios erinnerte der Schlussakkord des Festivals durch Joachim Kühn im Quartett mit seinem Klarinette spielenden Bruder Rolf, mit John Patitucci am Bass und Brian Blade am Schlagzeug bei allem Spielwitz daran, dass vier große Musiker noch keine überirdische Musik garantieren und Sternstunden auch im Jazz seltene Kostbarkeiten sind.