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Schauspiel Frankfurt : Der Blender brüllt: Verrat!

Guter Onkel, böser Onkel: Katharina Bach und Samuel Simon als junge Prinzen, Wolfram Koch als Richard III. in Frankfurt. Bild: Arno Declair

Keiner hier ist gut, keiner unschuldig oder edel: Zum Auftakt von Anselm Webers Intendanz am Schauspiel Frankfurt inszeniert Jan Bosse „Richard III.“ mit Wolfram Koch.

          England ist ein Häufchen Asche. Ein ausgebranntes Eiland, bedeckt von dem, was übrig bleibt, wenn Menschen sengen, morden und einander mit Krieg überziehen. Die Insel ist klein, ein paar Quadratmeter nur auf einem Podest im Zentrum des geräumigen Frankfurter Schauspielhauses, viel zu klein also für die maßlose Gier, die Bosheit und die Machtansprüche, die sich hier gleich austoben werden. Unter der Asche aber ist noch reichlich Platz.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dort erstreckt sich das Totenreich, das keine Grenzen kennt. Immer wieder wird an diesem Abend hektisch gebuddelt, die Asche wird beiseitegeräumt, mit bloßen Händen oder irgendwelchen Hilfsmitteln, um ein Loch zu graben, in dem versenkt wird, wer sich verrechnet hat im Spiel um die Macht, wer übertölpelt wurde, verraten, verkauft, gemeuchelt.

          Der Erste ist Heinrich, der tote König. In ein Leichentuch gehüllt, liegt er auf dem Aschehügel, betrauert und beweint von seiner Schwiegertochter, die über dem Leichnam dem Werben eines anderen erliegt und den zum Mann nehmen wird, der ihren Ehemann und dessen Vater ermordet hat und dies auch gar nicht leugnet. Am Ende wird der tote König, wie die meisten anderen Opfer nach ihm, geradezu bereitwillig in die Grube steigen, als hätten sie alle mehr als genug von dieser Welt. Keiner hier ist gut, keiner unschuldig oder edel. Aber niemand gleicht dem Herzog von Gloster, der zu Beginn des Abends von der Seite hereinschlendert, auf schmalem Steg, das unförmige Jackett über die krumme Schulter geworfen, die rote Krawatte hängt ihm ungebunden um den Hals.

          Die Faszination der monströsen Titelfigur

          Jede Inszenierung von Shakespeares „Richard III.“, mit dem Anselm Weber seine erste Spielzeit als Intendant des Schauspiels Frankfurt eröffnet, steht und fällt mit der Titelfigur. Burbage, Garrick, Olivier, Kortner, Gert Voss, Ulrich Wildgruber, Lars Eidinger und viele andere große Schauspieler haben versucht, dem genialen Monstrum sein Geheimnis zu entreißen. Wie kann ein Mann, der so abstoßend, hässlich, widerwärtig und bösartig ist, alle täuschen, verführen und sich zum König aufschwingen, allein aus eigener Kraft?

          Wolfram Kochs Richard steckt in einem billigen Anzug, mausgrau und riesig groß, wie ein schlabbrig gewordener Fatsuit, aus dem sich nach und nach die Fütterung verabschiedet hat und der nun aufgetragen wird von einem, den es nicht schert, wie er aussieht, weil er weiß, dass er alles schönzureden vermag, sogar sich selbst. In diesem kastenförmigen Anzug kann man viel verstecken, den Buckel etwa, der Koch später auf dem Rücken herumbaumeln wird, und jede Menge Ambitionen.

          Kochs Richard wird über diesen Anzug, der ihm mindestens fünf Nummern zu groß ist, hinauswachsen, bis er am Ziel seiner Machtgier ist und in ein anderes Gewand schlüpft: ein Show-Ornat, besetzt mit zahllosen Spiegelsplittern, als wäre ein König vor allem Glanz, der große Reflektor, der nichts ist ohne das Licht, das nur auf ihn fällt, damit er es funkelnd zurückwerfen kann. So funktioniert die Macht: blenden und die Blendung aussehen lassen, als handele es sich um Teilhabe, als hätten die Geblendeten auch etwas davon.

          Statt der Krone trägt Englands König eine gleichfalls verspiegelte Mischung aus Helm und Kapuze. Es sieht aus, als habe ein Experte für Sondermüll seinen Schutzanzug für die Disco aufgebrezelt. Das transparente Kleidchen, das Katharina Bach als Lady Anne trägt, hat die Kostümbildnerin Tabea Braun ebenfalls mit Glitzerzeug besetzt, als ginge es dem Regisseur Jan Bosse nicht nur um die Facetten, sondern vor allem um die Pailletten der Macht.

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          Stéphane Laimé hat das kleine Inselpodest auf allen vier Seiten mit Stuhlreihen eingefasst. Bespielt wird das ganze Haus. Wo sonst die Bühne ist, sitzen jetzt Zuschauer, zwischen denen die Schauspieler die Aufgänge hinauf- und wieder hinunterjagen. Wenn gerade niemand zum Verscharren da ist, verschnaufen die Schauspieler in den ersten Reihen, hecken neue Intrigen und Mordpläne aus oder wünschen einander die Pest an den Hals. Das kann niemand so gut wie Mechthild Großmann, die als Königin Margaret im ersten Akt alle Beteiligten verflucht, jeden einzeln und mit königlicher Gewissenhaftigkeit, bevor sie später als Glosters Mutter ihrem Sohn gnadenlos vor Augen führt, was dieser selbst nur zu gut kennt: Schmerz ohne Mitleid. Die Frage, ob er ihr denn nicht auch ein klein wenig Freude gemacht habe, klingt absurd aus dem Mund eines Ungeheuers. Aber dieser Richard meint sie ernst.

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          Wolfram Kochs Richard ist der Mann, der Liebe nicht kennengelernt hat, der nicht liebt und nie geliebt wurde und das Wort zu den liebesfernsten Zwecken dennoch stets im Munde führt. Was er tut, tut er, weil er es kann, und er kann es, weil er intelligenter, schneller und skrupelloser ist als all die anderen, vor denen er unablässig posiert.

          Koch ist mit nie nachlassender Präsenz der Entertainer des Bösen, ein fideler Alleinunterhalter, der die Bühne liebt, die große wie die kleine. Denn was er tut, tut er allein aus Selbstgenuss.

          Er erzählt zotige Limericks, hüpft wie ein Schrat seinem riesenhaften Schatten hinterher, flegelt sich probeweise auf den Thron oder lädt ihn sich auf den Buckel. Er ist verschlagen, demütig, großmäulig. Ob er ein Krokodilsfroschmaul aus der Jacketttasche holt, vors Gesicht schnallt und seinen Neffen einige Kasperliaden vorspielt oder wenig später den Auftrag gibt, die Kinder umzubringen, stets ist er mit Freude bei der Sache.

          In Richards Schatten Kontur zu gewinnen ist schwer

          Bosse entwickelt den Abend langsam, lässt sich viel Zeit und die Schauspieler ein wenig zu oft einer Dramaturgie der langen Wege folgen, die sie immer wieder auf die oberen Ränge führt. Im „Richard“ sind eigentlich alle Figuren Nebenfiguren, und dass einige Schauspieler wie Isaak Dentler, Heiko Raulin und Peter Schröder mehrere Figuren verkörpern müssen, macht es nicht leichter, neben Kochs Richard Kontur zu gewinnen. Claude de Demo als Elisabeth ist erst stolze Königin, dann Löwenmutter und am Ende keines mehr von beidem. Samuel Simon als jugendlicher Thronfolger ist das hochmütige, Katharina Bach als sein jüngerer Bruder das altkluge Kind. Warum sie dann auch noch Tyrell, den gedungenen Mörder, spielen muss, mit wenig Text und sparsamer Kleidung, erschließt sich ebenso wenig wie der Sinn des massiven Nebeleinsatzes gegen Ende des fast vierstündigen Abends, der trotz einiger Längen überzeugt.

          Das kann man von der Übersetzung, die Gabriella Bussacker und Jan Bosse gemeinsam erarbeitet haben, leider nicht sagen. Während er als Regisseur auf Aktualisierungen klugerweise weitgehend verzichtet, setzt Bosse als Übersetzer auf einen heutigen Alltagston, der die Eleganz und Subtilität von Shakespeares Versen unter viel Schnodder begräbt. Es geht also einiges verloren. Am Anfang des Stücks kehrt Richard aus dem Krieg zurück und weiß nichts mit sich anzufangen. Fortan wird er nur noch mit einer Waffe töten: seinen Worten.

          Quelle: F.A.Z.

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