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Schauspiel Frankfurt : Der Blender brüllt: Verrat!

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Stéphane Laimé hat das kleine Inselpodest auf allen vier Seiten mit Stuhlreihen eingefasst. Bespielt wird das ganze Haus. Wo sonst die Bühne ist, sitzen jetzt Zuschauer, zwischen denen die Schauspieler die Aufgänge hinauf- und wieder hinunterjagen. Wenn gerade niemand zum Verscharren da ist, verschnaufen die Schauspieler in den ersten Reihen, hecken neue Intrigen und Mordpläne aus oder wünschen einander die Pest an den Hals. Das kann niemand so gut wie Mechthild Großmann, die als Königin Margaret im ersten Akt alle Beteiligten verflucht, jeden einzeln und mit königlicher Gewissenhaftigkeit, bevor sie später als Glosters Mutter ihrem Sohn gnadenlos vor Augen führt, was dieser selbst nur zu gut kennt: Schmerz ohne Mitleid. Die Frage, ob er ihr denn nicht auch ein klein wenig Freude gemacht habe, klingt absurd aus dem Mund eines Ungeheuers. Aber dieser Richard meint sie ernst.

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Wolfram Kochs Richard ist der Mann, der Liebe nicht kennengelernt hat, der nicht liebt und nie geliebt wurde und das Wort zu den liebesfernsten Zwecken dennoch stets im Munde führt. Was er tut, tut er, weil er es kann, und er kann es, weil er intelligenter, schneller und skrupelloser ist als all die anderen, vor denen er unablässig posiert.

Koch ist mit nie nachlassender Präsenz der Entertainer des Bösen, ein fideler Alleinunterhalter, der die Bühne liebt, die große wie die kleine. Denn was er tut, tut er allein aus Selbstgenuss.

Er erzählt zotige Limericks, hüpft wie ein Schrat seinem riesenhaften Schatten hinterher, flegelt sich probeweise auf den Thron oder lädt ihn sich auf den Buckel. Er ist verschlagen, demütig, großmäulig. Ob er ein Krokodilsfroschmaul aus der Jacketttasche holt, vors Gesicht schnallt und seinen Neffen einige Kasperliaden vorspielt oder wenig später den Auftrag gibt, die Kinder umzubringen, stets ist er mit Freude bei der Sache.

In Richards Schatten Kontur zu gewinnen ist schwer

Bosse entwickelt den Abend langsam, lässt sich viel Zeit und die Schauspieler ein wenig zu oft einer Dramaturgie der langen Wege folgen, die sie immer wieder auf die oberen Ränge führt. Im „Richard“ sind eigentlich alle Figuren Nebenfiguren, und dass einige Schauspieler wie Isaak Dentler, Heiko Raulin und Peter Schröder mehrere Figuren verkörpern müssen, macht es nicht leichter, neben Kochs Richard Kontur zu gewinnen. Claude de Demo als Elisabeth ist erst stolze Königin, dann Löwenmutter und am Ende keines mehr von beidem. Samuel Simon als jugendlicher Thronfolger ist das hochmütige, Katharina Bach als sein jüngerer Bruder das altkluge Kind. Warum sie dann auch noch Tyrell, den gedungenen Mörder, spielen muss, mit wenig Text und sparsamer Kleidung, erschließt sich ebenso wenig wie der Sinn des massiven Nebeleinsatzes gegen Ende des fast vierstündigen Abends, der trotz einiger Längen überzeugt.

Das kann man von der Übersetzung, die Gabriella Bussacker und Jan Bosse gemeinsam erarbeitet haben, leider nicht sagen. Während er als Regisseur auf Aktualisierungen klugerweise weitgehend verzichtet, setzt Bosse als Übersetzer auf einen heutigen Alltagston, der die Eleganz und Subtilität von Shakespeares Versen unter viel Schnodder begräbt. Es geht also einiges verloren. Am Anfang des Stücks kehrt Richard aus dem Krieg zurück und weiß nichts mit sich anzufangen. Fortan wird er nur noch mit einer Waffe töten: seinen Worten.

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