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„Arsen und Spitzenhäubchen“ : Der Präsident hat niemanden, der über ihn lacht

  • -Aktualisiert am

Jan Bosses Inszenierung punktet mit Slapstick, zieht der Klamotte aber keinen doppelten Boden ein. Bild: Bettina Stöß

Jan Bosse entfesselt die Kleinbürger im Klamauk und inszeniert am Schauspiel Stuttgart „Arsen und Spitzenhäubchen“. Er versäumt dabei, den alten Häubchen neue Lichter oder giftige Spitzen aufzustecken.

          Nette alte Tantchen, die alleinstehende Herren mit vergiftetem Holunderwein um die Ecke bringen und selbst Profiverbrecher mit ihrer spitzengeklöppelten Brutalität beschämen: Joseph Kesselrings Komödie „Arsen und Spitzenhäubchen“, 1941 am Broadway uraufgeführt und durch Frank Capras Verfilmung mit Cary Grant unvergesslich geworden, ist bis heute ein Klassiker des schwarzen Humors. Allein die drei Neffen der Tanten sind ja fast so lustig wie die von Onkel Donald.

          Der eine, Teddy, hält sich für Präsident Teddy Roosevelt und weist sich durch großspurige geheime Proklamationen selbst ins Irrenhaus ein. Jonathan, der vierschrötige Serienmörder auf der Flucht, sieht nach Gesichtsoperationen durch seinen Assistenten Dr. Einstein wie Frankensteins Monster aus. Mortimer, der auf Freiersfüßen wandelnde Theaterkritiker, scheint halbwegs normal zu sein, aber Tante Abby gibt dem Theater als Kunstform höchstens noch „ein, zwei Jahre“.

          Besänftigung oder giftige Praline?

          Die makabre Komödie, eine Art viktorianischer Prä-Tarantino, wird seit bald achtzig Jahren immer wieder gern gespielt, in Schul-, Stadt- und Liebhabertheatern, in St. Pauli mit Angela Winkler und Eva Mattes, in Wien zuletzt mit den Lokalheldinnen Marianne Nentwich und Elfriede Schüsseleder. Was aber will uns Armin Petras, der scheidende Stuttgarter Schauspielchef, sagen, wenn er in seiner vorletzten Saison neben viel humorlosem, aber politisch relevantem Staatstheater gleich zwei Klamotten aus dem Repertoire des entfesselten Kleinbürgertums auf die Bühne bringt? Ist es ein Angebot zur Besänftigung, ein höhnisches Abschiedsgeschenk oder eine vergiftete Praline?

          Sebastian Hartmann nutzte bei seinem „Raub der Sabinerinnen“ ja wenigstens die Theater-im-Theater-Schmiere für kritisch-selbstreflexives Allotria. Jan Bosse aber versucht nicht einmal, den alten Häubchen neue Lichter oder giftige Spitzen aufzustecken. Man kann sich jetzt als Theaterkritiker mortimerhaft zurücklehnen und fünfe gerade sein lassen. Oder eine Prise Zyankali in den vielbejubelten Wein gießen: So lustig sind quetschende Schwingtüren und die Rollenmodelle der vierziger Jahre auch wieder nicht.

          Rahel Ohm (mitte) hat als Abby Brewster die Würde einer Massenmörderin mit Spitzenhaube.
          Rahel Ohm (mitte) hat als Abby Brewster die Würde einer Massenmörderin mit Spitzenhaube. : Bild: Bettina Stöß

          Manolo Bertling als überforderter Krisenmanager Mortimer beherrscht alle genreüblichen Slapstickübungen: Erschrecken mit Verzögerung, weit aufgerissene Augen, panisch schlenkernde Glieder, Abwiegelungsstrategien, die alles noch schlimmer machen. Aber er macht nichts aus seinem Beruf als Theaterkritiker. Wenn sich am Ende im Stück des als Bühnenautor dilettierenden Polizeibeamten Schreiben und Handeln, Lederjacke und Staatsgewalt, Realität und Theater bedrohlich ineinander verkeilen, ist das in Stuttgart nur ein müder Schwulenwitz.

          Bosse punktet mit Slapstick, dadaistischer Wortakrobatik und einem stark aufspielenden Ensemble, aber er versäumt es, der Klamotte einen doppelten Boden einzuziehen oder wenigstens die bedrohliche Unterseite des Idylls auszuspielen. Ab und zu dreht sich die Bühne, und dann enthüllt die bürgerliche Fassade, eine Art-déco-Wohnlandschaft mit Sesseln, Drehtüren und steilen Treppen ins Nichts, ihre düstere Hinteransicht: Särge, wabernde Nebel, gespenstische Dunkelheit wie in Draculas Gruft. Am Ende bekommt die Fassade Risse, die Kulissen brechen auseinander, aber bloß weil das Theater sich fröhlich einmal um sich selber dreht, geht die Welt noch lange nicht aus den Fugen.

          Dass ein größenwahnsinniger Irrer sich für den amerikanischen Präsidenten hält, soll ja vorkommen. Aber Sebastian Röhrles Teddy ist ein sehr harmloser Verrückter, kein schlechter Kerl oder gar böser Verlierer: Er bläst so laut zur Attacke, dass die Polizei kommt, er verkleidet sich als Uncle Sam oder Teddybär und entsorgt brav die Leichen im Keller, im Irrglauben, mit jedem Erdloch eine neue Schleuse für den Panamakanal auszuheben. Oh, wie schön ist Panama, oh: wie lustig das Spiel mit impliziten Klischees. Aber eine etwas explizitere Trump-Satire hätte es ruhig sein dürfen. Die vollmundig angekündigte Entharmlosung der Klamotte bleibt in Stuttgart jedenfalls in Slapstick und Klamauk stecken.

          Vielleicht auch weil die tütteligen Giftmischerinnen mit ihren Spitzenhäubchen hier noch relativ junge und coole Diven in Hollywood-Kostümen sind. Vor allem Rahel Ohm als Abby hat die Würde einer Massenmörderin mit Spitzenhaube, aber unheimlich gemütlich ist auch sie nicht. Christian Schneeweiß stattet den Erzschurken Johnny mit der gebotenen Bos- und Dummheit aus, Astrid Meyerfeldt als Schönheitschirurg Dr. Einstein klammert sich wie ein Äffchen an seinen Riesenleib.

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          Meyerfeldt hat schon in Bosses Stuttgarter Inszenierungen von Bergmans „Szenen einer Ehe“ die Ehekriegerin gespielt, und nach so viel psychologischem Feinsinn und protestantischer Nabelschau ist es natürlich eine Erlösung, die Rampensau rauslassen und wie ein Weltmeister Zigarren paffen zu dürfen. Aber wenn Einstein zum hundertsten Mal „Schonny“ flötet, reicht es dann auch. Jan Bosse haut übermütig auf Kesselrings Kesselpauke, aber als Friedensangebot an das vergrätzte Stuttgarter Theaterpublikum kommt dieser Schwank wohl ein wenig zu spät.

          Quelle: F.A.Z.

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