http://www.faz.net/-gqz-8jiwr

Musikfestival in Pärnu : Die Esten drängen nach Westen

Nichts bleibt schläfrig, nichts verwaschen: Paavo Järvi probt mit dem Estonian Festival Orchestra in Pärnu. Bild: Kaupo Kikkas

Paavo Järvi macht das Musikfestival in Pärnu konkurrenzfähig für Europa und wird ab 2017 einen Teil davon exportieren. Das wird für Unruhe in der europäischen Festivallandschaft sorgen.

          Im Menuett fahren die Rhythmen Achterbahn, bis mit einer sensationellen Pause die Notbremse gezogen wird. Der Witz zündet auch beim zweiten Mal; die Wiederholung steigert seine Wirkung sogar. Da zeigt sich der Könner. Das Finale ist ein Tanz auf der Tenne. Über den Fagott-Bordunen fliegen die Spelzen, die vom Dreschen übriggeblieben sind. Dazwischen fliegen Beine und Röcke: So klingt ein lustiges Beisammensein der Landleute. Nach dem letzten Ton der Sinfonietta Riga entlädt sich die Begeisterung der Hörer in Pärnu. Es muss nicht immer Gustav Mahler sein. Man kann die Leute auch mit Joseph Haydn vom Hocker reißen: Symphonie Nummer 104, D-Dur. Aber dazu muss man Haydn dirigieren können. Nach einem wahren, bösen Wort von Marek Janowski gibt es nämlich in der Welt zu viele schlechte Mahler-Interpretationen und zu wenig gute Haydn-Aufführungen. Paavo Järvi kann Haydn.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Er kann auch Carl Nielsen, dessen zweite Symphonie - „Die vier Temperamente“ - er mit seinem eigenen, 2011 gegründeten Ensemble, dem Estonian Festival Orchestra, aufführt. Hochkonzentriert wird musiziert, alle Details sind durchgearbeitet: das Pingpong der Akzente zwischen Violinen und Hörnern, Wechselgesänge zwischen den Gruppen des Blechs, zielgerichtete Schärfekurven in den zweiten Geigen. Nichts ist pauschal, nichts schläfrig, nichts verwaschen.

          So wie Iván Fischer sich sein Budapest Festival Orchestra und Claudio Abbado sich sein Lucerne Festival Orchestra zusammengestellt haben, so suchte sich auch Paavo Järvi aus allen Orchestern der Welt, bei denen er gearbeitet hatte, die besten Musiker aus: von Estland bis Griechenland, von Großbritannien bis Tokio. Der Geiger Florian Donderer, Konzertmeister der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, ist dabei sein drittes und viertes Ohr oder „meine zweite rechte Hand“, wie Järvi sagt.

          Ein erfahrener Orchesterpsychologe

          Paavo Järvi, in Estland als Sohn des nicht minder großen Dirigenten Neeme Järvi geboren, verbrachte viele Kindheitssommer in Pärnu, bevor die gesamte Familie die Sowjetunion verließ. Der Ort war im neunzehnten Jahrhundert durch den baltendeutschen Bürgermeister Oskar Brackmann zu einem mondänen Seebad ausgebaut worden mit eleganten Kurhäusern am drei Kilometer langen Sandstrand der Ostsee (die hier im Juli mehr als zwanzig Grad warm wird) und mit malerischen Holzvillen, die noch heute Schnitzzierrat wie aus geklöppelter Spitze tragen.

          In Pärnu traf sich später die Musiker-Elite der Sowjetunion. David Oistrach empfing hier Freunde auf seiner Datsche. Es gibt auch einige Schwarzweißfotos, auf denen der kleine Paavo mit Dmitri Schostakowitsch zu sehen ist oder mit Aram Chatschaturjan, dem er im Sommerhaus dessen „Säbeltanz“ auf dem Xylophon vorgespielt hatte. Nachdem Estland 1991 zum zweiten Mal in der Geschichte seine staatliche Unabhängigkeit erlangte, sind auch die Järvis - inzwischen sämtlich Bürger der Vereinigten Staaten - künstlerisch in ihre alte Heimat zurückgekehrt.

          Neeme Järvi überredete den Bürgermeister von Pärnu im Jahr 2003, eine neue, schmucke, gut klingende Konzerthalle zu bauen. Ihr großer Saal fasst - bei herrlicher Beinfreiheit - knapp 900, der Kammersaal 170 Menschen. Seit 2010 leitet Paavo Järvi hier das Pärnu Musikfestival. Neben dem international zusammengesetzten Festivalorchester gibt es drei Ensembles der Järvi-Akademie für hochbegabte Nachwuchsmusiker. Das Kammerorchester vereint die Teilnehmer internationaler Meisterkurse des Festivals. In der Sinfonietta spielen junge estnische Streicher unter der Leitung des technisch hochversierten Dirigenten Arkady Leytush, der zugleich ein erfahrener Orchesterpsychologe ist. Das Jugendorchester der Järvi-Akademie ist gewissermaßen die große Gruppe aus allem zusammen.

          Weitere Themen

          Konzert für Fische und Korallen Video-Seite öffnen

          Unterwasser-Festival : Konzert für Fische und Korallen

          Tauchausrüstung oder Schnorchel waren ein Muss beim Unterwasser-Festival vor den Florida Keys. Die am einzigen lebenden Korallenriff in Amerika abgespielten Rhythmen sollten die Aufmerksamkeit auch auf den Schutz des Ökosystems lenken.

          Wettrennen in High Heels Video-Seite öffnen

          Gay Pride in Madrid : Wettrennen in High Heels

          Vielerorts finden dieses Jahr wieder Gay-Pride Festivals statt. Denn in vielen Großsstädten ist die Sommersaison auch Gay-Pride Saison. Ein Highlight aus Madrid: auf hohen Absätzen um die Wette laufen.

          Topmeldungen

          Reaktionen auf #FRACRO : Liberté, Égalité, Mbappé

          Die Équipe Tricolore holt sich den zweiten WM-Titel, und das Spiel wirft Fragen auf: Warum der Schiedsrichter „ungerechtfertić“ ist, Flitzer nicht mehr nackt flitzen und Macron Ähnlichkeit mit Elvis hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.

          Folgende Karrierechancen könnten Sie interessieren: