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Jacques Offenbachs „Fantasio“ : Ein einziger brillanter Spaß

  • -Aktualisiert am

Macht die Schieß- zur Lachgesellschaft: Katija Dragojevic als Fantasio Bild: GTG Carole Parodi

Einfach überbordend: Regisseur Thomas Jolly macht Jacques Offenbachs komische Oper „Fantasio“ in Genf zum Ereignis.

          Völker, hört die Signale! Sollten mal wieder zwei Herrscher aus Jux und Tollerei einen Krieg anzetteln wollen, fordert sie auf, die Angelegenheit untereinander, im Duell, zu erledigen – und schon wäre Ruhe im Karton. So empfiehlt es jedenfalls der Pazifist Jacques Offenbach in seiner Opéra comique „Fantasio“, kurz vor Ausbruch des preußisch-französischen Kriegs komponiert und 1872 mit nur mäßigem Erfolg in Paris uraufgeführt. Nach einer philologischen Odyssee und einer wenig geglückten Inszenierung 2014 in Karlsruhe erfährt „Fantasio“ jetzt am Genfer Opernhaus eine regelrechte Überhöhung als Hymne an die Phantasie.

          Der Abend ist vor allem ein überbordendes Theaterereignis, das Regisseur Thomas Jolly, der damit zum ersten Mal eine Oper inszeniert, aus dem französischen Sprechtheater ableitet. Voraussetzung dafür ist das fabelhafte Ensemble aus überwiegend französischen Muttersprachlern, bei dem jedes einzelne Mitglied gleichermaßen als Sänger und Schauspieler gefragt ist, um die gesungenen und die vielen, rasend schnell zu sprechenden Dialoge bruchlos zu verbinden – ohne ein einziges Opernklischee, wie auf deutschen Bühnen oft zu sehen. Wie erfrischend komisch das sein kann, zeigt das Buffopaar Pierre Doyen (Prinz von Mantua, ein hell timbrierter Bariton) und Loïc Félix (sein Adjutant Marinoni, ein geschmeidiger lyrischer Tenor) in lauter ironischen Kabinettstücken. Filmreif ist sein Kleiderwechsel, wobei die Herren aus Italien modisch noch im achtzehnten Jahrhundert steckengeblieben sind (Kostüme: Sylvette Dequest). Das komödiantische Gegenstück dazu bietet die lyrische Koloratursopranistin mit dem phantastischen Namen Melody Louledjian als Prinzessin Elsbeth, vor allem, wenn sie ihre melodischen Höhenflüge im zweiten Akt in empörte Körperbewegungen umsetzt.

          Eng verknüpft Jolly oft Musik und Bühnenhandlung, etwa in der Auftrittsballade des Fantasio. Wenn dieser erzählt, dass er den Mond wie einen Punkt auf dem Buchstaben i betrachte, sehen wir dazu nicht nur die einzelnen Großbuchstaben seines Namens aus dem Bühnenhimmel fallen, sondern auch, wie Fantasio in einem „O“ sitzend ähnlich einem Zirkusakrobaten nach oben gezogen wird. Katija Dragojevic in der attraktiven Hosenrolle des Fantasio hält alle Fäden in der Hand und vereinigt in ihrem sehr wendigen Mezzosopran alle Register dieser Oper zwischen Komik und Ernst, Melancholie, Schwärmerei und politischer Entschlusskraft. Als Personifikation der Phantasie wird sie auch bald durch die Farbe Gelb für ihr Narrenkostüm aus dem vorherrschenden Nachtgrau herausgehoben.

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          Der Bühnenbildner Thibaut Fack hat nicht an technischem Aufwand gespart und suggeriert dem Zuschauer zusammen mit den Licht-Regisseuren (Antoine Travert und Philippe Berthomé) einen alten Schwarzweißfilm, was durch eine Linse auf der Oberbühne, die stets den Blick auf weitere Spielorte öffnet, verstärkt wird.

          Die eigentliche Hauptrolle in dieser Produktion spielt allerdings der vorzüglich vorbereitete Chor des Genfer Theaters, der so gut wie immer präsent ist. Er verkörpert ein Kollektiv, das durch die Phantasie eines Einzelnen gleichsam aufwacht und am Schluss der Oper selbst schönste Farben annimmt. Vielleicht war Thomas Jolly noch ein bisschen vom horror vacui besessen, wenn er die Bühne in eine Art Verschiebebahnhof überführt und oft auch leicht überfordernde Parallelaktionen auf Unter- und Oberbühne ansiedelt.

          Manches Mal übertreibt er auch in Richtung Klamauk, aber die Musik unter der behenden Leitung von Gergely Madaras holt ihn immer wieder zurück. Das Orchestre de la Suisse Romande mit den wunderbaren Flöten und Violoncelli als Leitinstrumenten hält das Geschehen in der für Offenbach so charakteristischen diskreten Schwebe, wo Lachen und Weinen, rhythmische Verve und melodisches Schwelgen, gesteigertes Spieltempo und versonnenes Innehalten eng beieinanderliegen. Ein bisschen Phantasie reiche schon aus, um die Welt zu verändern, so lautet die Quintessenz in Genf: Allons enfants de la Patrie!

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