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Ungarische Künstler : Auch ein Gottesnarr kann nicht übers Wasser gehen

Eines von Fischers Synagogenkonzerten, hier in Nagykanizsa Bild: Budapest Festival Orchestra

Iván Fischer und sein Budapest Festival Orchestra streiten daheim für Aufklärung und Menschenrechte. Anders András Schiff: Der Pianist spielt aus Protest nicht in Ungarn. Nun sind sie zusammen auf Tournee.

          Als der ungarische Dirigent Iván Fischer vor drei Jahren das Konzerthausorchester in Berlin übernahm, hatte er, als eine seiner ersten Amtshandlungen, die Echo-Preisverleihung des Bundesverbands Musikindustrie zu akkompagnieren. Nicht unbedingt eine Frage der Ehre. Um die Fallhöhe klarzumachen: Die Berliner Philharmoniker, erstes Orchester am Platz, hätten sich für diesen Job nicht hergegeben. Doch das Konzerthausorchester, das einst in der DDR eigens gegründet worden war, um unter dem stolzen Namen „Berliner Sinfonie-Orchester“ den Karajanschen Philharmonikern in West-Berlin auch international die Stirn zu bieten, und dies tatsächlich qualitativ eine Zeitlang, als noch Dirigenten wie Kurt Sanderling an der Spitze standen, einlösen konnte, musste, 22 Jahre nach der Wende, nach jedem Strohhalm greifen. Es hatte harte Zeiten durchgemacht. Es war, unter wechselnden, teils ausgezeichneten Dirigenten, die sich alle mehr oder weniger vergebens gegen die Sparpläne sperrten, peu à peu degradiert und herabgewirtschaftet worden.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          An diesem Tag im Herbst kam also Fischer an. Er kam als reitender Bote, wie im Märchen, aus der Zukunft. Fuhr auf einem alten Hollandfahrrad herbei, eierte hupend und winkend über den roten Teppich, hinein in Kameraleute und strassglitzernde ZDF-VIP-Gala-Gäste-Phalanx, radelte vor bis zum Anfang der Freitreppe, wo ihn einige seiner Musiker mit Applaus begrüßten, stieg ab, ließ das Fahrrad fallen und schritt senkrecht die Treppe hinauf als Souverän und Hausherr, der er ja ab jetzt, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, diesem schmucken, etwas kitschigen Schinkel-Fake, tatsächlich sein sollte.

          Dieser Auftritt ist legendär. Er verstörte die offizielle Dramaturgie nicht nur des ZDF, auch der Kulturpolitik. „Hoppla“, so lautete die Botschaft, „mein Orchester lebt!“ Und so ist es. Iván Fischer, mittlerweile dreiundsechzig, benimmt sich heute immer noch gern wie ein Lausbub oder wie Eulenspiegel oder ein Guerrillakämpfer. Er hat ein Händchen dafür, wie man Niederlagen in Siege verwandelt. Er spinnt, auch musikalisch, Stroh zu Gold.

          Sein Orchester hat Hilfsprojekte entwickelt, und der Dirigent Iván Fischer selbst organisiert Lastwagen, Unterkünfte und Nahrungsmittel, wenn Viktor Orbán die ungarischen Grenzen dichtmacht.

          Heute, drei Jahre später, steht das Konzerthausorchester glänzend da. Dafür sorgt der Chefdirigent mit politischer Tatkraft und musikalischem Eigensinn, aber auch mit einer ganz speziellen Chuzpe, die ihn leitet im Umgang mit Obrigkeiten und Traditionen. Fischer probt intensiv, er entwirft ulkige, oft monothematische Programme, veranstaltet Überraschungs- und Marathonkonzerte, spricht mit dem Publikum. Das Orchester hat sich verjüngt. Es spielt in neuer Sitzordnung: die Kontrabässe hinter den Holzbläsern, die Blechbläser seitlich aufgestellt, die Violinen getrennt. Die Berliner Presse schrieb, dass Fischer mit dieser unkonventionellen Aufstellung, die sich von Stück zu Stück ändern kann, auf die akustischen Probleme des Konzerthauses reagiert habe. Das ist nur zur Hälfte richtig. Fischer sagt: „Die Akustik, die haben wir jetzt im Griff. Aber mit meiner Sitzordnung arbeite ich auch anderswo, schon seit Jahrzehnten, eigentlich überall, wo ich dirigiere.“

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