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Italienische Opernkrise Auf zum letzten Addio!

10.05.2010 ·  Berlusconi nennt es Reform, für viele italienische Opernhäuser aber ist es der Todesstoß. Seit Jahren doktert Italien an einer Reform des Opernbetriebs herum. Nun hat die Regierung ein neues Spardekret erlassen.

Von Dirk Schümer
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„Addio“ ist eines der Schlüsselwörter der italienischen Oper. Es gibt Meisterwerke des Genres wie Giuseppe Verdis „Maskenball“, in dem der ominöse Abschiedsgruß schon gleich zu Anfang schmachtend ertönt, um dann bis zum Ende rhythmisch das Sterben der liebenden Helden zu untermalen. In diesem Sinn ist der lange Abgang der italienischen Oper in ihrem Mutterland eine für die Gattung typische Inszenierung: Seit bald zwei Jahrzehnten doktern Minister, Kulturmanager, Intendanten, Bürgermeister und Gewerkschafter an einer Reform des Opernbetriebs herum. Der Patient, dessen Siechtum niemand leugnen kann, hat immer wieder und immer neue Schockbehandlungen halbwegs überstanden. Doch nun droht ihm ein Dekret von Kulturminister Sandro Bondi, rechtsgültig unterzeichnet von Staatspräsident Giorgio Napolitano, den Rest zu geben. Von den etwa dreihundertvierzig Millionen Euro des Musik- und Theaterfonds „FUS“ soll ab sofort ein knappes Drittel eingespart werden.

Das Dekret unterstellt die gesamte Branche zudem einer Art Zwangsverwaltung: Für mindestens zwei Jahre gibt es einen Einstellungsstopp an den Opernhäusern; lukrative Nebentätigkeiten und Zulagen der festangestellten Musiker sind ab sofort ebenso verboten wie Haustarife; die Intendanten bekommen nur noch erhöhte Subventionen, wenn in ähnlichem Umfang Sponsorengelder eingetrieben werden. Die radikale Streichung trifft allerdings nicht alle Häuser in gleichem Maße. Die Beteiligung von Stadt und Region ist ebenso unterschiedlich wie die Werbewirkung. Die Mailänder Scala etwa deckt ihren Etat in der reichen Industriemetropole zu sechzig Prozent selbst ab, während das arme Cagliari, in dem man auf Sardinien seit Jahren seltene deutsche Opern aus der Taufe hebt, über solche Mittel nicht verfügt. Mal geben Stadt und Region mehr - wie zum Beispiel in Guiseppe Verdis Stammland um Parma. Mal, so etwa in der Grenzstadt Triest, gibt es gar kein Hinterland und schon gar keine transnationale Kooperation.

Kein Spielraum für Neues

Unzweifelhaft hat das Bondi-Dekret deutlich gemacht, wie gründlich die Opernreform der neunziger Jahre, in deren Rahmen alle Institute in Stiftungen öffentlichen Rechts mit weitgehender Selbstverwaltung überführt worden sind, gescheitert ist. Statt als Botschafter der „Italianità“ massenhaft Geld einzuspielen, Gäste aus dem In- und Ausland in Scharen anzulocken und sich quasi selbst zu tragen, begann gerade für die weniger prestigeträchtigen, doch darum keineswegs zu unterschätzenden Opernhäuser wie Catania, Genua, Bologna ein langes Darben.

Der Staat hatte sich mit grandioser Geste seiner Verantwortung für die Finanzierung entzogen und dies noch als Befreiung von bürokratischer Gängelung verkauft. Zwischen den starken, oft heillos zersplitterten Hausgewerkschaften und dem Zwang zum Geldverdienen blieb vielen Intendanten kaum der Spielraum für Neuproduktionen. Schon in den vergangenen zwei Jahren kamen Häuser wie Neapel, Genua und sogar Rom, dessen Oper eine endlose Agonie durchmacht, unter ministerielles Zwangskommissariat. Im Teufelskreis von immer weniger Vorstellungen, immer rabiaterem Personal und immer weniger Subventionen droht die Institution zermalmt zu werden.

Signale von der Politik erwünscht

In Venedig jedoch konnte am Fenice-Opernhaus der Künstlerische Leiter Fortunato Ortombina gleichzeitig vorführen, dass der eingefahrene Betrieb durchaus ein gewaltiges Steigerungspotential besitzt. Trotz einer Kürzung der Zuschüsse um ein Drittel konnte man in der vergangenen Spielzeit durch häufige Wiederholungen und preiswertere Koproduktionen die Zahl der Aufführungen um über dreißig Prozent steigern. Doch irgendwann sind auch diesen Rationalisierungen Grenzen gesetzt, will man nicht zum toten Operettentheater von der Stange verkommen.

Ortombina betont jetzt, wie traurig ihn jede wegen Streiks ausgefallene Produktion stimme, weil damit Geld und Ansehen weiter verlorengingen. Doch zugleich wünscht er sich - mitten in den Proben von Mozarts „Don Giovanni“ - von der nationalen Politik auch ein Signal, wie es denn nun überhaupt weitergeht: „Wir können irgendwie vielleicht noch etwas einsparen, um unsere nächste Spielzeit zu retten. Aber wir wissen im Moment einfach überhaupt nicht, über welche Ressourcen wir in ein paar Jahren überhaupt noch verfügen“, sagt er.

Die in ihren Rechten auf Nebenverdienst, Tarif und Zulagen beschnittenen Angestellten gingen jetzt wie in Mailand, wo man die Oper in einem Sarg symbolisch zu Grabe trug, reflexhaft auf die Straße oder bepflasterten das Haus mit Untergangsbotschaften - wie schon so oft in den vergangenen Jahren. Der Florentiner Maggio Musicale stellte den Betrieb vorderhand ein; auch in den Städten Rom und Turin wurde gestreikt. Ob die Kunstschaffenden damit das verwurzelte Misstrauen der Politiker gegen Hochkultur entkräften können?

Berlusconi liebt den Boulevard

Ministerpräsident Silvio Berlusconi selbst lässt sich seit je ostentativ bei den luxuriösen Saisoneröffnungen am Ambrosiustag in der Scala nicht blicken und tummelt sich stattdessen lieber im Boulevardtheater, in dem er auch seine zukünftige Exfrau kennengelernt hatte. Ein Staatssekretär hat bereits kühl darauf hingewiesen, dass man in schweren Zeiten durchaus Opernhäuser schließen könne. Und Kulturminister Sandro Bondi wie sein Kollege, der Effizienzguru Renato Brunetta, höhnen über notorisch unterbeschäftigte, überbezahlte und dafür auch noch frühpensionierte Orchestermusiker und klagen nicht einmal zu Unrecht über exorbitante Honorare der Pult-, Regie- und Gesangsstars. Offenbar auch unter dem Druck der rechtspopulistischen Lega Nord, die sich vor Wahlen gerne über ausländische Künstler und moderne Regie aufregt, sieht Berlusconis herrschende Klasse in den Opernhäusern ein ideales Sparziel.

Obwohl das Gros der Freunde der „Lirica“ mit konservativem Geschmack für Komponisten wie Rossini, Verdi, Puccini der eigenen Wählerschaft zuzurechnen ist, lässt ein zunehmend hemdsärmeliges Bürgertum das teure Luxusspielzeug der nationalen Bühnen jetzt einfach fallen - offenbar in dem festen Glauben, für ein paar sommerliche Repräsentationsaufführungen in der Arena di Verona oder anderen Freilufttempeln brauche man keine subventionierten festen Spielstätten. Ist Italien nicht das Musterland der Improvisation? Dann sollen die Musicisti und Cantanti eben Phantasie zeigen und billiger produzieren.

Stolze Musikkraftwerke in Not

Es machen sogar Gerüchte die Runde, die italienische Regierung habe vor, das alte System systematisch kaputtzusparen, um endlich ohne die hemmenden Privilegien der Gewerkschaften, linken Funktionäre und horrend überbesetzte Technik wieder bei null anfangen zu können. Es könnte sich in einem Land überraschend preiswerter, aber auch wenig spielender Traditionstheater von Pisa bis Bari, von Neapel bis Ancona aber auch herausstellen, dass unter null dann gar nichts mehr geht.

Denn zusammen mit den Opernhäusern ist längst auch die einst stolze italienische Musikkultur der Schulen, Konservatorien, Privatorchester, Festspiele ins Rutschen gekommen, wie dies etwa Riccardo Muti seit Jahren beklagt. Ausgerechnet im Mutterland der Musik oszillieren die stolzen Musikkraftwerke der Opern demnach zwischen struktureller Verschwendung von finanziellen Mitteln und purer Not, zwischen nur notdürftig erreichtem ästhetischem Anspruch und konservierender Langeweile für Greise.

Protest-Aktionen verprellen Kundschaft

Hat die teure Opera Lirica dort, wo sie vor gut vierhundert Jahren erfunden wurde, überhaupt noch eine gesellschaftliche Funktion? Eine ästhetische Leitwirkung für die kommende Generation gar? Kommt eine vom Fernsehen und Internet verhexte Gesellschaft vielleicht ganz ohne Oper aus? Das sind die Themen einer Debatte, die in den italienischen Zeitungen unter dem Druck des Spardekrets jetzt immerhin zaghaft geführt, aber auch hier nur von einem marginalen Publikum überhaupt verfolgt wird.

Bei der „Scala“ hat man diese Woche offenbar auch unter dem Einfluss von Intendant Stéphane Lissner eingesehen, dass die rituellen Streiks die reiche Kundschaft und die zahlenden Touristen nur noch weiter verprellen. Ohnehin kommt es bei den beliebten lautstarken Protest- und Solidar-Aktionen immer wieder vor, dass die Berlusconianer auf den teureren Logenplätzen die Musiker ausbuhen und rufen: „Geht endlich arbeiten!“ Damit die eigene Akzeptanz vielleicht doch noch steigt, wurden in Mailand nun zwei Hauptproben für Wagners „Rheingold“ kostenlos „für die Stadt“ geöffnet. Es ist ein verzweifelter Versuch, dem Gemeinwesen die verbliebene Bedeutung ans Herz zu legen. Der Mailänder Wagner-Zyklus steht symbolisch für die Systemkrise, denn erst für das Jahr 2013 ist der Abschluss vorgesehen. Es bleibt abzuwarten, in welcher Verfassung die Institution Oper diese italienische „Götterdämmerung“ erlebt.

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