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Israels Kulturpolitik : Die Ministerin lässt nicht locker

  • -Aktualisiert am

Das Festival in der jüdisch-arabischen Küstenstadt Akko gab der Theaterszene immer wieder frische Impulse. Bild: Picture-Alliance

Die Kampagne der nationalistischen Kulturministerin Miri Regev gegen unliebsame Künstler trifft eine israelische Institution: Das Theaterfestival in Akko droht zu scheitern.

          Israels Schauspielergemeinde ist in Aufruhr. Der Grund ist wieder einmal ein von der rechtsnationalen Kultur- und Sportministerin Miri Regev initiierter Zensurversuch, der diesmal nicht etwa ein kleines arabisch-israelisches Theaterhaus wie das Haifaer „Al-Midan“ trifft, das seit geraumer Zeit um die ihm von der Ministerin rechtswidrig gekappten Zuschüsse kämpft.

          Regevs neuer Vorstoß richtet sich gegen eine Institution im israelischen Theaterleben, die eigentlich alle Bühnenkünstler angeht: Das „Fringe Theater Festival Akko“, das seit 1980 alljährlich im Herbst in der jüdisch-arabischen Küstenstadt Akko im Norden des Landes mit staatlicher Unterstützung veranstaltet wird. Das alternative Theaterfestival, das von der ersten Stunde an ein Forum für unkonventionelle, experimentelle und auch transethnische Bühnenprojekte gewesen ist, hat Israels zunehmend kommerzialisierter und in den letzten Jahren auch spürbar entpolitisierter Theaterszene immer wieder frische Impulse gegeben.

          Seit Jahren Beschimpfungen ausgesetzt

          Wie im Falle des kleinen arabischsprachigen Theaters in Haifa geht es auch beim jetzigen Streit wieder um ein Bühnenstück, das sich dem Alltag und den Empfindungen palästinensischer politischer Häftlinge widmet, die in israelischen Gefängnissen sitzen. Die Ähnlichkeit mit dem am „Al-Midan“ gespielten Stück „Parallelzeit“, das die Attacken der Ministerin gegen das Haus auslöste, ist nicht zufällig. Denn die Autorin des jetzt ins Visier geratenen Schauspiels „Gefangene der Besatzung“, die israelische Theaterschauspielerin und Dramatikerin Einat Weizman, kooperiert hier mit ihrem israelisch-arabischen Kollegen Murad Hassan. Er gehört dem „Al-Midan“-Ensemble an und wirkt bei „Parallelzeit“ mit.

          Die Dramatikerin und Schauspielerin Einat Weizman sorgt in konservativen Kreisen immer wieder für Unmut.
          Die Dramatikerin und Schauspielerin Einat Weizman sorgt in konservativen Kreisen immer wieder für Unmut. : Bild: Picture-Alliance

          Die beiden hatten sich 2014 bei einer der wenigen hebräischsprachigen Bühnenproduktionen des arabischen Theaters in Haifa kennengelernt und seitdem mehrere Theaterprojekte gemeinsam realisiert. Eines davon, das seit 2015 sporadisch aufgeführt wird, thematisiert die Beschimpfungen, denen die beiden Schauspieler von Seiten rechtsgerichteteter jüdischer Agitatoren seit Jahren ausgesetzt sind – Hassan wegen seiner Rolle in „Parallelzeit“ und Weizman wegen ihres Auftritts beim „Al-Midan“, wo sie eine mit einem Palästinenser befreundete Jüdin spielt.

          Der Schuss ging nach hinten los

          Die seit 2015 andauernde staatliche Kampagne gegen „Al-Midan“, die nicht nur von arabischen Israelis als gezielter Angriff gegen ihre politische Theaterarbeit kritisiert wird, war auch der Grund dafür, dass Einat Weizman bereits beim letztjährigen Akko-Festival ein brisantes Stück über und mit Palästinensern inszenierte, das für Furor sorgte. „Palästina, Stunde Null“ behandelt die Zerstörung palästinensischer Häuser durch die israelische Armee. Die Handlung führt die Hauptfigur, einen palästinensischen Baugutachter, nicht nur in israelisch besetzte Ortschaften im Westjordanland. Der Gutachter, der von dem israelischen Araber George Ibrahim gespielt wird, der das palästinensische Theater „Al-Kasba“ in Ramallah leitet, reist auch nach Gaza, um dort durch israelische Bombardements zerstörte Häuser zu begutachten.

          Verbucht vorerst einen Triumph: Israels Kulturministerin Miri Regev.
          Verbucht vorerst einen Triumph: Israels Kulturministerin Miri Regev. : Bild: dpa

          Schon gegen dieses Stück, für dessen Aufnahme ins Programm sich damals Avi Gibson Barel, der künstlerische Leiter des Akko-Festivals, persönlich eingesetzt hatte, war Kulturministerin Regev ins Feld gezogen. Sie konnte die Festivalleitung dazu bewegen, das Stück von Beamten ihres Ministeriums darauf prüfen zu lassen, ob es einen Angriff gegen den Staat Israel und seine Symbole darstelle. Doch der Schuss ging nach hinten los. Der Verdacht auf Subversion bestätigte sich nicht, Regev wurde für ihre unzulässige Einmischung gerügt und George Ibrahim auf dem Festival auch noch als bester Schauspieler ausgezeichnet. Einat Weizman feierte in der linksliberalen Zeitung „Haaretz“ ihren Sieg: Nun habe man endlich vom Kulturministerium – sogar unter Miri Regevs Leitung – ein Gütesiegel für die künstlerische Auseinandersetzung mit der „Nakba“, der palästinensischen Katastrophe von 1948 und ihren Folgen.

          Dass um Weizmans jüngstes Werk „Gefangene der Besatzung“ wieder eine Schlacht toben würde, war vorauszusehen. Tatsächlich begann Ministerin Regev, sobald es in die engere Programmauswahl des diesjährigen Akko-Festivals kam, Druck auf dessen Leitung aufzubauen. Aus Protest traten schon bald zwei Mitglieder der Auswahljury zurück, was den Bürgermeister von Akko, Schimon Lankri, der hier das letzte Wort hatte, allerdings nicht weiter beeindruckte. Dass er sich gegen die Aufführung des Stücks aussprach, hat nun eine beispiellose Protestlawine ausgelöst. Der künstlerische Leiter Barel warf das Handtuch, die acht weiteren im Programm vorgesehenen Theatergruppen sagten ihre Auftritte ab. Israels Schauspieler- und Regieverbände haben sich den Protestierenden, die nun eine Alternativveranstaltung an einem anderen Ort organisieren wollen, ebenfalls angeschlossen. Was die Künstler als politisch motivierten Frontalangriff auf die Meinungsfreiheit kritisieren, verbucht Ministerin Regev indes als Triumph für sich. Staatliche Zuschüsse werde es für Theater, das Terroristen glorifiziere, auch weiterhin nicht geben.

          Quelle: F.A.Z.

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